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Nicht Recycling, sondern Upcycling: Pimp my Gadget!

Daniel Tännler mit einigen kunstvollen Upcycling-Gegenständen. Er verarbeitet ausschliesslich Messing, Holz und Kupfer, Plastik ist tabu.

Daniel Tännler mit einigen kunstvollen Upcycling-Gegenständen. Er verarbeitet ausschliesslich Messing, Holz und Kupfer, Plastik ist tabu.

Daniel Tännler ist Steampunk- Tüftler. Das heisst nichts anderes, als dass er seine Vorlieben für moderne Technik und das viktorianische Zeitalter miteinander verknüpft.

Sie verbinden die Vergangenheit mit der Zukunft, die Steampunk-Tüftler, verwenden Utensilien aus dem Dampfmaschinenzeitalter und geben ihnen einen neuen Sinn, indem sie diese zum Beispiel mit Versatzstücken aus der Computertechnologie aufpeppen. Daniel Tännler ist einer von ihnen. In seinem Haus in Sennhof bei Winterthur finden sich die unwahrscheinlichsten Gegenstände. Etwa ein uraltes Nordmende-Radio, das er für wenig Geld auf einem Flohmarkt erworben hat und das nun, kombiniert mit einem MP3-Player, als elektronische Jukebox dient. «Die Melodien tönen dank der alten Röhrentechnik einfach besser», versichert er.

Ein anderes Radio aus Grossvaters Zeiten hat er nach Steampunk-Manier mit verschiedenen Utensilien, die er im Altmetall gefunden hat, aufgemöbelt; danebensteht ein alter Fotoapparat, in den er modernste Technik installiert hat, sodass sie wie eine Digitalkamera funktioniert. Zudem hat er verschiedene USB-Sticks hergestellt, die sehr handfest und eher unförmig anmuten, weil auch sie mit ausrangierten Gegenständen «veredelt» worden sind.

Messing, Holz und Kupfer

Schrott ist für die Steampunker nicht einfach Schrott, das meiste ist wieder verwertbar. «Messing, Holz und Kupfer, das ist unser Material», betont Tännler. Plastik ist tabu. Nicht Recycling nennen sie ihre Tätigkeit, sondern Upcycling. Die alten Gegenstände werden aufgewertet. «Wir kreieren eine retro-futuristische Welt», erklärt Tännler lachend. Und was sie herstellen, sind nicht einfach Ausstellungsstücke: Man solle es auch brauchen können.

Steampunk ist in der Schweiz noch nicht weitverbreitet. Immerhin, erwähnt Tännler, sind am allerersten Steampunk-Meeting im November in Zürich zu seinem Erstaunen immerhin 14 Leute erschienen. «Vielleicht gelingt es, noch mehr solche ‹verlorenen Seelen› zu sammeln», meint er. In Deutschland ist die Community viel grösser, da finden auch Zusammenkünfte statt, wo die angefressenen Tüftler ihre neuesten Werkstücke ausstellen und wo man trefflich fachsimpeln kann.

In den USA, wo Steampunk in den 1980er-Jahren entstanden ist, gibt es eine grosse Fangemeinde, mit der die Europäer natürlich über das Internet verbunden sind. Wer in oft monatelanger Arbeit ein neues Utensil hergestellt hat, stellt es ins Internet und muss nicht lange warten, bis es seine Bewunderer findet.

Viktorianische Mode weitverbreitet

Maker, also Hersteller von Gegenständen und Apparaten nach Steampunk-Manier, sagt Tännler, gibt es hierzulande nicht viele. Hingegen kenne er etliche Steampunker, die sich in erster Linie für die Mode des Viktorianischen Zeitalters, also aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, interessieren und sich entsprechend kleiden.

Die Fans haben übrigens eine Art Kennzeichen, nämlich die Schutzbrille, «Goggles» genannt. «Die darf nicht fehlen», erläutert Tännler, auch die Frauen trügen solche Brillen. Ein weiteres Kennzeichen ist, dass sich die Mitglieder der Community mit ausgesuchter Höflichkeit begegnen; auch hier spielt die viktorianische Zeit der Gentlemen und der Ladys hinein.

Schreibmaschine als Computer

Gegenwärtig ist Tännler daran, eine alte Schreibmaschine so mit einem Computer zu verbinden, dass die Tasten die entsprechenden Buchstaben auf den Bildschirm zaubern. Erst als Idee vorhanden ist das SteamPad, ein Retrolook-Tablet. Ohne Touchscreen natürlich, aber sonst funktionsfähig wie ein iPad.

An Ideen mangelt es ihm nicht, höchstens an Elektronenröhren aus alten Radios. Und so tauscht er denn gerne solche ein, auch gegen Schokolade, die er selber herstellt. Er war nämlich viele Jahre lang Maître Chocolatier, und hie und da stellt er auch heute noch Schokolade her, mit einer speziell guten Kakaobohne aus Venezuela, die er selber röstet und auf altehrwürdigen Maschinen sorgsam weiterverarbeitet bis zum Endprodukt. Heute übrigens ist er in einer Glacefabrik in der Forschung und Entwicklung tätig.

Nächstes Jahr soll die Steampunk-Szene in der Schweiz einen rechten Sprung vorwärts machen. Auf Facebook gibt es bereits 110 Followers; sie und weitere Interessenten sollen die Möglichkeit erhalten, sich zu treffen und auszutauschen, und zwar nicht nur virtuell, sondern auch physisch, an Anlässen und Veranstaltungen. «Nächstes Jahr erwarte ich den Durchbruch», meint Tännler hoffnungsvoll.

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