Zürich

Neuer Workshop: So schreiben Sie ihren Nachruf

Beim Schreiben des Nachrufs soll es der Anspruch sein, den Text auf die Länge einer Zeitungsspalte zu verdichten.

Beim Schreiben des Nachrufs soll es der Anspruch sein, den Text auf die Länge einer Zeitungsspalte zu verdichten.

Wieso überlassen wir anderen die Rückschau auf unser Leben? Die Zürcher Literaturwissenschafterin Hildegard Keller zeigt im Friedhof Forum, wie man seinen eigenen Nachruf schreibt.

Auf einmal ist es zu spät. Dann sprechen andere darüber, wer man war: der Pfarrer in der Trauerrede, der Partner im Familienkreis, die Kumpels am Stammtisch und – sofern man Berühmtheit erlangte – der Journalist in der Zeitung. Selber hat man dann nichts mehr in der Hand, nichts mehr einzuwenden. «Eigentlich schade», sagt Hildegard Keller. «Warum überlassen wir anderen den Nachruf? Warum schreiben wir ihn nicht selber und nutzen die Erkenntnisse im Hier und Jetzt?»

Die bekannte Literaturkritikerin (SRF «Literaturclub»), Professorin und Autorin will in einem dreitägigen Workshop dazu anregen, den eigenen Lebensströmen und Wendepunkten nachzugehen – solange man noch kann. Entstehen soll weder eine Abrechnung mit sich selbst noch ein Denkmal, sondern eine lustvolle, vergnügliche, anregende und spielerische Auseinandersetzung mit dem, was war und noch kommen soll.

Caesars Leichenrede

Werner Baumann ist einer der Workshop-Teilnehmer. «Es ist nicht so, dass ich schon mit meinem Leben abschliessen will», sagt er. «Im Gegenteil. Ich erreiche in einem Jahr das AHV-Alter und erhoffe mir Inspiration und Antworten darauf, was ich noch alles realisieren will und kann.» Er wisse nicht, was die Biografiearbeit in ihm auslösen werde. Nach einer Kündigung vor Jahren hat er auch schwierige Zeiten erlebt, litt an Depression. «Es hat mir aber schon damals geholfen, mich mit meinem bisherigen Leben auseinanderzusetzen.»

Hildegard Keller glaubt, dass das Schreiben über das eigene Leben nicht ohne Wirkung bleiben wird. «Wohlwollend Rückschau halten ist ein Geschenk an sich selber. In östlichen Traditionen gilt die Vertiefung in die Endlichkeit des Lebens als hilfreich. Für uns ist es auch eine Chance zur Einsicht: Es gibt ein Leben vor dem Tod! Und: Was fehlt in meinem Leben noch?» Natürlich sei das eine schwierige Aufgabe, sich mit dem eigenen Leben zu befassen und in der dritten Person darüber zu schreiben. Nicht umsonst sind Nachrufe eine eigene journalistische Disziplin und literarische Kunstform mit langer Tradition. In der Antike waren Leichenreden auch politische Instrumente. Laut Überlieferungen hat Julius Caesar seine Karriere mit einer öffentlichen Leichenrede für seine verstorbene Ehefrau begonnen.

Nekrologe liest man heute vor allem über verstorbene Prominente. Es gibt aber Ausnahmen. Der Berliner «Tagesspiegel» erinnert beispielsweise jeden Freitag an Stadtbewohner, die kürzlich gestorben sind. Selbstverfasste Nachrufe sieht man dagegen kaum.

Hildegard Keller schätzt den Nachruf als (auto)biografische Kurzform. Solche Experimente interessieren sie literarisch und persönlich. Und in Zeiten, in denen fast jeder und jede die eigene Biografie auf Facebook und Instagram bewirtschaftet, könnte es für immer mehr Menschen zu einem Bedürfnis werden, auch ihren Nachruf selber zu schreiben. Hildegard Keller machte den Selbstversuch. «Mit fünf A4-Seiten ist mein Nachruf allerdings noch zu lang.»

Der Anspruch müsse sein, einen prägnanten, anregenden Text in Kolumnenform zu schreiben und ihn auf die Länge einer Zeitungsspalte zu verdichten. Den Workshop-Teilnehmenden will sie Tipps geben, helfen, das Erlebte zu gewichten und dramaturgisch zu erzählen. Unterstützt wird sie von ihrem Mann, Christof Burkard, mit dem sie als Duo «Maulhelden» literarisch-kulinarische Veranstaltungen durchführt. An den drei Abenden wird der Jurist und passionierte Koch für die kulinarischen Genüsse sorgen und mit kultur- und weltgeschichtlichen Einschüben quasi seinen Senf dazugeben.

Der Workshop richtet sich an alle, die Lust haben, sich schon jetzt selbst nachzurufen und das Ergebnis mit anderen Noch-Lebenden zu teilen. Vorausgesetzt werden weder sprachliches Talent noch ein bestimmtes Alter.

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