Wenn das nicht zwei Welten sind: In den letzten Wochen ist die Pfarrfamilie Walther mit ihrem ganzen Hab und Gut vom Bündner Bergdorf Waltenburg mit 400 Einwohnern in die pulsierende Zürcher Agglomeration gezogen, ins reformierte Pfarrhaus in Urdorf. Jetzt hat das Pfarrhaus sein Leben wieder: Im Haus rennen die Kinder die knarzenden Treppenstufen hoch, Sigrist Werner Müller schraubt am Türschloss.

Ivan Walther sitzt im Garten im Schatten der Laube. Über ihm auf dem Laubendach liegt eine Katze in der Sonne. Morgen hat der 40-Jährige seinen ersten Arbeitstag als Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Urdorf. Er freut sich sehr auf seine neuen Aufgaben – und dass er mit seiner Frau Sabina und den fünf Kindern im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren hier wohnen darf: «Es ist ein absolutes Privileg.»

Es ist ein lustiger Zufall, der Walther von Waltenburg nach Urdorf geführt hat. Beim Durchstöbern der Stelleninserate sei er auf die Stelle gestossen. «Da habe ich mich daran erinnert, dass 2009 ein Teil des Erlöses des alljährlichen Basars der reformierte Kirchgemeinde Urdorf an die Renovation der Kirche Waltenburg gestiftet wurde.»

Von einem Besuch in Urdorf her habe er deshalb die Kirche gekannt. «Urdorf ist optimal; das Pfarrhaus ist gross genug für uns, die Infrastruktur im Dorf ist ideal.» Und es ist bloss ein Katzensprung bis zu Sabina Walthers Eltern. «Das war uns wichtig; in Waltenburg lebten wir sehr abgeschieden», sagt Walther.

Ungewöhnlicher Werdegang

Walther ist im Bergell geboren und aufgewachsen, spricht Italienisch als Muttersprache. Mit 16 Jahren ging er nach Chur, besuchte da das Gymnasium. Danach probierte er verschiedene Sachen aus, arbeitete als Lehrer, in Heimen, bei einem Grossverteiler, bei einer Bergbahn.

Dann begann er das Theologiestudium – nicht mit dem Ziel, Pfarrer zu werden. «Ich war hauptsächlich interessiert an den Sinnfragen», sagt Walther. «In meiner Jugendzeit war ich nicht sehr kirchennah, erst während des Studiums haben mich der Glaube und der Wunsch, Pfarrer zu werden, erfasst. Das ist langsam gewachsen.»

Walther hat sich mit dem Studium nicht beeilt, hat es 2007 abgeschlossen. «Ich bin ein Spätzünder», sagt er und lacht. Während des Studiums hatten die Walthers bereits Kinder, Sabina arbeitete als Primarlehrerin, Ivan war Hausmann und arbeitete unter anderem im Mövenpick, als Lehrer und als Assistent an der Uni.

Ein etwas ungewöhnlicher Werdegang; dessen ist sich Walther bewusst. Missen will er aber nichts. «Meine Erfahrungen und die innere Suche sind aus meiner Sicht sehr wichtig für mein Amt.» Er hätte sich während des Studiums Zeit gelassen, das Gelernte zu verdauen, anstatt es nur auswendig zu lernen. Walther will sich nicht an Altbewährtem festklammern, will kein Mahnfingerpfarrer sein. «Ich will vielmehr Brücken bauen»; zwischen Tradition, Christentum und Glaube einerseits und dem Multikulturellen, der modernen, technischen Welt anderseits.

Und er will Fragen stellen. Offene Fragen, auf die nicht zwingend gleich auch Antworten folgen müssen. «Wir müssen uns als Reformierte die Frage der Identität stellen und dürfen kein abgesondertes Leben führen.» Dazu gehöre auch die Frage, weshalb so viele Leute aus der Kirche austreten. Etwas, das Walther umtreibt, mit dem er sich auseinandersetzen will. «Die Welt, in der wir leben, resultiert aus der christlichen Tradition. Ich frage mich, was passiert, wenn wir dieser Tradition den Rücken kehren.»

Spüren, wo der Schuh drückt

Walthers erste Handlung in seinem neuen Amt: Kennenlernen. «Das ist die grösste Herausforderung», sagt er und lacht. Er könne sich schlecht Namen und Gesichter merken, meint er. Ausserdem sei es ein langer Prozess: «Als Pfarrer braucht man ein paar Jahre, bis die Kennenlernphase abgeschlossen ist.»

Zwingend fürs Kennenlernen seien Gespräche; mit der Kirchenpflege, den Mitarbeitern und den Gottesdienstbesuchern, zu Hause oder auf der Strasse. So spüre er auch, wo der Schuh drückt, was die Leute beschäftigt – und was allenfalls Thema für die nächste Predigt sein könnte. «Ich bin nicht der, der eine Predigt ein halbes Jahr im Voraus ausformuliert. Ich mache das lieber aus der Aktualität heraus.»

Erster Gottesdienst Sonntag, 12. August, 9.45 Uhr, alte reformierte Kirche

Einsetzungsfeier Sonntag, 9. September, 9.45 Uhr, neue reformierte Kirche