Schlieren

Neel Jansen: «Zu Hause ist dort, wo das Tanzstudio ist»

Graciela Martinez und Neel Jansen waren auf der Bühne bereits lange ein Paar, bevor es auch hinter den Kulissen funkte.

Graciela Martinez und Neel Jansen waren auf der Bühne bereits lange ein Paar, bevor es auch hinter den Kulissen funkte.

Nach einer langen Profikarriere in unterschiedlichen Tanzkompanien und an bekannten Häusern in ganz Europa geben Graciela Martinez und Neel Jansen seit letztem Sommer ihr Wissen an junge Tänzer in Schlieren weiter.

Samstagabend in Schlieren: Im Tanzstudio an der Zürcherstrasse 6 üben drei junge Tänzerinnen unter der Anleitung von Neel Jansen eine dreiminütige Choreografie ein. Im Unterricht wird englisch gesprochen. Jansen erklärt, zeigt vor, gibt Tipps und Feedback und schaut zwischendurch genau hin. Zwischen dem 35-jährigen Lehrer und seinen Schülerinnen herrscht ein freundschaftlicher, lockerer Umgangston.

Jansen und seine Lebenspartnerin Graciela Martinez wohnen seit einem halben Jahr in Schlieren und unterrichten in verschiedenen Tanzschulen im Raum Zürich. «Die Schüler und Schülerinnen kommen mit einer grossen Begeisterung in den Unterricht», sagt Graciela Martinez, «auch wenn sie keine Profikarrieren anstreben, spürt man ihre Liebe zum Tanzen deutlich.»

Frühere Erfahrungen im Weg

Neben Erwachsenenkursen unterrichtet sie auch Kinder. Wie offen und frei die Kinder beim Tanzen agieren, beeindruckt die Spanierin sehr. «Sie saugen alles wie ein Schwamm auf», sagt sie, «und ich habe die Gelegenheit, ihnen gleich zu Beginn die richtige Technik zu vermitteln.»
Erwachsenen stünden häufig früher gemachte Erfahrungen im Weg, fügt Neel Jansen an.

Gerade am Anfang verhielten sie sich deswegen oft gehemmt und zurückhaltend. «Darum lege ich besonders grossen Wert auf eine gute Atmosphäre. Während des Unterrichts soll niemand Angst davor haben, Fehler zu machen», betont er. Als Perfektionist habe er selbst erst lernen müssen, sich Fehler einzugestehen, um an ihnen wachsen zu können, erzählt er.

Von grossen Bühnen ins Limmattal

Im Sommer 2017 sind die beiden Tänzer mit ihrer Tochter Hannah nach Schlieren gezogen, da sie hier die Gelegenheit hatten, sich in der Tanzkompanie Pidarco als Choreografen und Tanzlehrer zu betätigen. Inzwischen arbeiten sie in verschiedenen Studios, so etwa auch in der Tanz-Fabrik Urdorf oder dem Tanzwerk101 in Zürich. Zuvor lebten sie rund sieben Jahre in München und tanzten am Staatstheater am Gärtnerplatz.

Graciela Martinez beendete nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter vor vier Jahren ihre Profikarriere. Neel Jansen tanzte noch bis im vergangenen Sommer am Münchner Staatstheater. Doch auch er merkte, dass sich sein Körper von der ständigen Belastung immer schlechter erholte. Zudem habe ihn das Tanzen alleine nicht mehr erfüllt, sagt er. Sie seien mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem sie nach neuen Herausforderungen suchen, so der Belgier: «Sei das, indem wir als Lehrer unsere Erfahrungen an jüngere Tänzerinnen und Tänzer weitergeben, indem wir als Choreografen eigene Stücke kreieren, oder in spannenden Projekten tanzen.»

So einen Schritt zu machen, falle allerdings keinem Tänzer leicht. «Als Profitänzer waren wir immer voll aufs Tanzen fokussiert», sagt Jansen. «Das Leben bestand für uns nur aus Tanzen», bestätigt Martinez. Nach dem Ende der Profikarriere fühle man sich zuerst ein wenig verloren, als schwimme man im offenen Ozean auf der Suche nach Land. Man frage sich: Wie soll es nun weitergehen?

Mit 20 am Nationalballett in London

Mit vier Jahren begann Graciela Martinez zu tanzen. Später, als sie mit ihrer Familie nach Madrid zog, meldete sie sich an der Royal School of Dance an und mit 20 Jahren ergatterte sie sich ihren ersten Job als professionelle Tänzerin am English National Ballet in London. «Ich war unglaublich stolz», erinnert sie sich.

Neel Jansen und Graciela Martinez Arribas unterrichten in Schlieren Kinder und Erwachsene im Tanzen.

Neel Jansen und Graciela Martinez Arribas unterrichten in Schlieren Kinder und Erwachsene im Tanzen.

Neel Jansen wuchs in Belgien auf dem Land auf, «da gab es mehr Kühe als Einwohner», erzählt er. Und Kultur sei dort keinerlei Bedeutung zugekommen. Er, der in der Kindheit diverse Sportarten wie Fussball und Volleyball ausübte, sei von einer Klassenkameradin eines Tages in den Ballettunterricht eingeladen worden. Schnell einmal habe er gewusst, dass er Tänzer werden und nach Antwerpen ans Institut für Ballett gehen wolle, auch wenn seine Eltern lange dagegen waren.

In der Schweiz zum Paar geworden

Kennen lernten sich die beiden Tänzer Jahre später am Jeune Ballet d’Europe in Frankreich. Doch erst später in Lausanne wurden sie auch abseits der Bühne ein Paar. Jansen war damals Mitglied im Ensemble des Béjart Ballet Lausanne und Martinez besuchte ihn, weil sie für ein Vortanzen in Genf eingeladen war. Die ersten Jahre ihrer Beziehung lebten sie allerdings häufig voneinander getrennt. «Manchmal sahen wir uns nur ein, zwei Tage oder sogar nur einige Stunden im Monat», sagt Jansen. Das sei nicht schön gewesen.

Und nun haben sie in Schlieren ein neues Kapitel aufgeschlagen, knüpfen Kontakte zu Tanzgruppen, -vereinen und -studios. Neben der Familie und der Arbeit bleibt aber nur wenig freie Zeit. Diese verbringen sie am liebsten in der Natur, mit Musik und Kunst oder ganz einfach im Tanzstudio. Früher habe er den Satz, «Mein Zuhause ist dort, wo das Tanzstudio ist», für ein Klischee gehalten, sagt Jansen. Aber heute müsse er zugeben, dass es schon irgendwie stimme. «Wenn du ein Tanzstudio betrittst, triffst du sofort auf Freunde, egal wo du bist.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1