Donnerstag, kurz vor 9 Uhr, üben sich an der Laubholzstrasse 83 in Erlenbach mehrere Dutzend Leute im Anstehen. Es geht eine Treppe hoch, wer vordrängelt, wird dezent zurechtgewiesen. Ein wenig später öffnet sich die Haustüre, ein Sicherheitsbeamter gewährt den ersten zehn Besuchern Einlass. «Okay, du kannst die nächsten zehn reinlassen», sagt kurz darauf der Zolliker Liquidator Jürg Hoss.

Das ist sie also: die Wohnung mit freier Sicht auf den Zürichsee, in der Lys Assia (1924–2018) die letzten Jahre ihres Lebens verbracht hat. Ihre letzten eigenen vier Wände sind ein Spiegelbild ihres aufregenden Lebens, ein Sammelsurium an Memorabilien aus ihrer langen Karriere als Sängerin und Entertainerin von Weltruf.

Auf zwei Stockwerke verteilt sind Reminiszenzen zu sehen aus den Zeiten, in denen die Gewinnerin des allerersten Eurovision Song Contest (1956) in Dänemark, Japan, Südamerika und Südfrankreich gewohnt hat. Das Interieur vermittelt den Eindruck von Glamour. Lebte hier eine echte Diva? Überliefert ist jedenfalls, dass sie sich in New York zusammen mit der ebenso unvergesslichen Edith Piaf geweigert hat, vor einem Produzenten vorzusingen. Geboren wurde Lys Assia am 5. März 1924 in Rupperswil als Rosa Mina Schärer. Mit diesem Namen wäre eine Weltkarriere schwierig geworden. Ihr Ballettmeister schlug ihr deshalb einen Künstlernamen vor. Fortan nannte sie sich Lys Assia.

Feilschen ist zwecklos

All diese materiellen Zeugen aus vergangenen Zeiten sind jetzt zum Verkauf angeschrieben, so im Salon ein Sofa von Louis XV für 1400 Franken und eine antike holländische Vitrine mit Porzellanfiguren für 3900 Franken. Der Buddha aus Holz für denselben Preis trägt das Etikett «Verkauft».

Auf zwei Stockwerke verteilt sind Reminiszenzen zu sehen aus den Zeiten, in denen die Gewinnerin des allerersten Eurovision Song Contest (1956) in Dänemark, Japan, Südamerika und Südfrankreich gewohnt hat.

Auf zwei Stockwerke verteilt sind Reminiszenzen zu sehen aus den Zeiten, in denen die Gewinnerin des allerersten Eurovision Song Contest (1956) in Dänemark, Japan, Südamerika und Südfrankreich gewohnt hat.

Gestöbert wird in allen Zimmern, im Bad, in der Küche und im Kleiderschrank der Künstlerin. «Das liebt meine Frau, in Kleiderschränken zu wühlen», sagt ein Mann zu seinem Kollegen. Die Frau quittiert es mit einem Lächeln. Die Übersicht zu bewahren, fällt schwer bei all den Exponaten, darunter Kristallgläser, Schmuckstücke, Stehleuchten und Lämpchen, Kerzenständer, Modeaccessoires, Teppiche und Gemälde sowie weitere antike Möbel in fast unbegrenzter Zahl. Der angeschriebene Preis gilt. «Kann ich diese Karaffe etwas günstiger haben?», fragt ein Mann eine der Helferinnen von Jürg Hoss. «Nein, das geht nicht», heisst es resolut.

Eine grosszügige Lady

Hat ein Kunde sich zu einem Kauf entschlossen, bezahlt er an der Kasse oder leistet eine Anzahlung. Der Erlös geht an die gemeinnützige Lys-Assia-Stiftung für verschiedene Tierprojekte. Ihre Hunde hat sie über alles geliebt. Chihuahua Alyia ist in guten Händen geblieben, wie auch Dackeldame Cindy, um die sich Jean Eichenberger, ihr langjähriger Sekretär, kümmert. Er ist ebenfalls in der Wohnung, die er bestens kennt. Im kleinen Kreis verrät er, dass die teuersten Stücke bereits vor dem Nachlass weggegangen sind. «Lys hat als Gastgeberin an einem gesellschaftlichen Anlass ihre wertvollsten Sachen verschenkt», sagt er, «darunter einen kostbaren Ring.»

Manche Objekte wechselten bereits den Besitzer.

Manche Objekte wechselten bereits den Besitzer.

Aus ihrem Bekanntenkreis ist ebenso Peter Mettler erschienen. Er bezeichnet Lys als grosse Lady, die er ab und zu chauffiert hat. «Für den Nachlass ist einiges umgestellt worden», hält er fest. Vor allem ihr Musikzimmer gebe es nicht mehr. «Dort hat sie viele Musikstücke und Momentaufnahmen ihrer grossartigen Karriere aufbewahrt.»

«Schnäppchenjäger werden nicht fündig», sagt Liquidator Hoss seinerseits zum Angebot. Alles habe seinen Preis. Er freut sich, dass der Besucherstrom weiterhin nicht abreisst und dass das Sofa von Louis XV nun auch verkauft worden ist. Ein junges Ehepaar nennt es sein Eigen. Es lacht glücklich über den Erwerb.