Coronavirus

Limmattaler Eventfirma fühlt sich vom Bund im Stich gelassen

Grossveranstaltungen wie das Dietiker Stadtfest sind diesen Sommer nicht möglich: Eventfirmen, Künstler und Gastronomen leiden besonders unter den Folgen der Pandemie.

Grossveranstaltungen wie das Dietiker Stadtfest sind diesen Sommer nicht möglich: Eventfirmen, Künstler und Gastronomen leiden besonders unter den Folgen der Pandemie.

Anhand ihrer Odyssee während der Coronakrise zeigt ein Unternehmerpaar aus der Region, dass nicht nur die Einnahmeausfälle, sondern auch die Bürokratie das Kleingewerbe plagten. Besonders kämpfen mussten die beiden um die Kurzarbeitsentschädigung.

Bereits im Januar zeichnete sich für Astrid und Ruedi Gerber ab, dass das damals noch im fernen China grassierende Coronavirus verheerende Folgen für ihr Geschäft haben könnte. «Aufträge fehlten schon zu Beginn des Jahres und auch Offerten-Anfragen gingen zurück, sodass wir bereits vor dem Shutdown Mitte Februar ohne Arbeit dastanden», sagt Astrid Gerber. Sie und ihr Mann möchten ihre richtigen Namen nicht in der «Limmattaler Zeitung» lesen, weil sie befürchten, dass die Kritik negative Auswirkungen auf ihre Geschäftsbeziehungen und auf das Mietverhältnis haben könnte. «Nichtsdestotrotz ist es uns wichtig, dass die Öffentlichkeit von den Problemen der Kleinunternehmen erfährt. Unser Beispiel ist nur eines von vielen», sagt Ruedi Gerber.

Seit 17 Jahren betreibt das Ehepaar im Bezirk Dietikon eine Eventfirma mit zwei Angestellten. Es vermietet Video- und Tontechnik für private und öffentliche Anlässe wie Hochzeiten, Abdankungen, Generalversammlungen oder Turnfeste. Mit dem Lockdown am 17. März stand ihr Geschäft komplett still. Das Schlimmste: Sie hatten keine Perspektive. «Ich erwachte jeden Morgen und hoffte, dass es nur ein schlechter Traum ist», sagt Astrid Gerber. Sie hätten sich hilflos gefühlt. «Es war ein Problem, das wir selbst nicht lösen oder steuern konnten», ergänzt Ruedi Gerber. «Wir lassen euch nicht im Stich, hiess es von den Bundesräten», sagt Astrid Gerber. Doch so ganz traute sie diesen Worten nicht. Rückblickend sei es ein leeres Versprechen gewesen.

«Da wir uns ein Polster aufbauen konnten, verzichteten wir darauf, einen Kredit aufzunehmen», sagt Ruedi Gerber. Finanzielle Probleme würden damit nur aufgeschoben. Sie könnten aber jedes Unternehmen verstehen, das auf diese Weise versucht habe, über die Runden zu kommen. «Vor allem zu Beginn der Eigenständigkeit investiert man in seinen Betrieb und hat keine grossen Reserven. Die neu gegründeten Geschäfte trifft das Virus sicherlich noch härter als etablierte wie unseres», sagt Ruedi Gerber.

Besetzte Leitungen und unbeantwortete E-Mails

Die Gerbers taten in der Coronakrise, was über 190000 Unternehmer in der Schweiz auch taten: Sie beantragten Kurzarbeitsentschädigung. Am 25. März schickte Ruedi Gerber den Antrag per E-Mail an das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich (AWA) - und zur Sicherheit auch noch per Post. «Früher ging nicht, weil das Antragsformular weder auf der Website des Staatssekretariats für Wirtschaft noch auf der Website des AWA verfügbar war. Auf E-Mail-Anfragen bezüglich des Vorgehens und der Einreichfristen erhielt ich keine Antwort, die Telefonleitungen waren stets besetzt, die Ämter waren total überfordert», erzählt Ruedi Gerber. Er kämpfte sich schliesslich durch eine elfseitige Erläuterung des Kantons mit etlichen Links. «Diese hätte mir erklären sollen, wie man das Formular ausfüllt, sie verwirrte mich wie wohl jeden Normalbürger jedoch mehr als zu helfen.»

Beim Ausfüllen des Formulars selbst warteten weitere Herausforderungen: «Das Antragsformular war unprofessionell und nicht sachdienlich. Statt jeden Mitarbeiter einzeln zu erfassen, musste man mit einem Formular für mehrere Personen vorliebnehmen. Wir als Arbeitgeber hätten uns auf diesem Formular auch eintragen sollen, auch wenn dieses gar nicht für Inhaber, sondern nur für Arbeitnehmer bestimmt war.» Die Kurzarbeitsentschädigung für den April wurde den Gerbers bewilligt. «Die Tage im März jedoch nicht. Die Begründung war, dass der Brief mit dem Antrag, den wir nur zur Sicherheit versendeten, erst im April eingetroffen sei. Unser E-Mail wurde gar nicht beachtet», sagt Astrid Gerber. Das Ehepaar erhob Einsprache und erhielt darauf die Tage ab dem 17. März rückwirkend genehmigt.

«Wie die Ämter während der Krise arbeiteten, war einfach katastrophal. Sie plagten uns mit dieser Bürokratie. Wir mussten um die Entschädigung kämpfen, haben Stunden dafür investiert, sonst hätten wir sie nicht bekommen», sagt Astrid Gerber. Das sei wohl eine Zermürbungstaktik, um die Arbeitslosenkasse zu entlasten. «Viele haben sicherlich schon beim Ausfüllen der Formulare aufgegeben.» Mühe bereitete den Gerbers auch, dass die Formulare für die Kurzarbeitsentschädigung wiederholt geändert wurden. «So mussten wir uns immer wieder von Neuem einlesen.»

Sie rechnen mit acht bis zwölf Monaten Einkommensausfall

Für das Ehepaar ist klar, mit den Corona-Lockerungen und der Aufhebung des Notrechts sei die Krise noch lange nicht überstanden. Keine Partei setze sich vehement dafür ein, dass die Kurzarbeit von Selbstständigen und arbeitgeberähnlichen Angestellten weitergeführt werde. Dies obwohl die Situation katastrophal sei, wenn man bedenke, dass man auch mit Kurzarbeit immense Verluste erleide, da die Sozialabgaben nach wie vor beglichen werden müssten. Die Folgen des Coronavirus seien noch lange spürbar, sagt Astrid Gerber. «Diverse Grossveranstaltungen wie zum Beispiel die Fussball EM, die Street Parade, das Knabenschiessen, die Olma, zahlreiche Sportanlässe und Gemeindeversammlungen werden auch im Herbst nicht stattfinden. Wir sprechen also nicht von zweieinhalb Monaten, sondern von acht bis zwölf Monaten Krise und Einkommensausfall», sagt Ruedi Gerber. Die Kritik sendeten die beiden via E-Mail an die sechs grössten Parteien der Schweiz. «Reaktionen erhielten wird nicht, lediglich eine Lesebestätigung», so Astrid Gerber.

Zugesichert wurde den Firmeninhabern Kurzarbeitsentschädigung bis Mitte September. «Seitdem der Bundesrat aber mitteilte, dass Geschäftsinhaber ab Ende Mai kein Anrecht mehr darauf haben, wähnten wir uns im Ungewissen», sagt Ruedi Gerber. Von ihrem Treuhänder erhielten sie aber vor Kurzem eine E-Mail zugeschickt, die sie aufatmen liess. «Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich meldete, dass Betroffene im Veranstaltungsbereich rückwirkend ab dem 1. Juni Corona-Erwerbsersatz beantragen können», sagt Astrid Gerber. Schade sei jedoch, dass diese frohe Botschaft nicht vom Staat, sondern von ihrem Treuhänder gekommen sei.

Enttäuscht ist das Unternehmerpaar nicht nur von der Politik, sondern auch vom Schweizerischen Hauseigentümerverband (HEV). «Wir haben vermisst, dass sich der HEV in der Anfangsphase solidarisch zeigte. Ist man sich nicht bewusst, dass sich unter den HEV-Mitgliedern auch Mieter befinden?», fragt sich Astrid Gerber. Die Mieten würden neben dem Lohnausfall und den Sozialabgaben ebenso am Portemonnaie nagen. Konkurse und Entlassungen seien die Folge. «Die Aussage, dass der Bundesrat sich nicht ins Privatrecht einmische und Mieter und Vermieter das untereinander regeln sollen, ist für uns nicht nachvollziehbar. Der Bundesrat hat die Wirtschaft stillgelegt. Das ist auch ein Eingriff in unser Privatrecht als Inhaber», findet Astrid Gerber. Weil sie auf ihre Vermieterin zugegangen seien, hätten sie grosszügiger Weise eine Mietzinsreduktion bis im Herbst erhalten.

Die wieder steigenden Infektionszahlen und die Angst vor einer zweiten Corona-Welle stimmt die Gerbers nicht sehr zuversichtlich. Sie sind bereits dabei, sich ein neues Geschäftsmodell auszudenken. «Doch es ist schwierig, etwas zu finden, was von Covid-19 nicht tangiert wird», sagt Ruedi Gerber. Neben all dem Ärger und der Enttäuschung würden sie aber auch Positives aus der Krise mitnehmen. «Die Kampagnenorganisation Campax hat sich aktiv mit Unterschriftensammlungen und hilfreichen Informations-E-Mails für uns Gewerbebetreibende eingesetzt. Zudem haben wir persönlich zahlreiche gratis Rechtsauskünfte und Unterstützung von Treuhändern erhalten.»

Formulare und Prozesse mehrmals angepasst

Beim Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich (AWA) zeigt man Verständnis für die Kritik des Unternehmerpaares. «Seit Beginn der Corona-Krise hat sich die Ausgangslage der Kurzarbeitsentschädigung immer wieder verändert. Das Staatssekretariat für Wirtschaft hat deshalb Formulare und Prozesse mehrfach angepasst, diese gelten schweizweit. Um den Betrieben die notwendige Übersicht zu geben, haben wir die sich verändernden Vorgaben stets sehr rasch nachvollzogen», sagt AWA-Sprecherin Lucie Hribal. Sie betont aber, dass die aktuellen Formulare und hilfreichen Informationen zu jedem Zeitpunkt auf der Website des AWA bereitgestellt gewesen seien.
«Dass sich im geschilderten Fall das Auffinden der Informationen und Formulare schwierig gestaltete, ist bedauerlich», sagt Hribal. Sie gibt zu, dass das Ausfüllen des Abrechnungsformulars anspruchsvoll ist. «Deshalb bieten wir auf unserer Webseite Hilfestellung mittels eines Supportformulars, dank dem die wichtigsten Zahlen für den Antrag einfach berechnet werden können. Selbstverständlich beantworten wir zusätzlich alle Fragen dazu.» Zeitweise seien ihre Hotlines jedoch sehr stark überlastet gewesen.

Das Amt reagierte frühzeitig auf den Ansturm. «Da der Bedarf an Kurzarbeitsentschädigung in sehr kurzer Zeit massiv anstieg, haben wir unsere personellen Ressourcen sehr schnell verstärkt, und zwar schon vor der Spitzenzeit als bei uns rund 2000 Kurzarbeitsgesuche pro Tag eintrafen. Dennoch konnten zeitweise Verzögerungen nicht vermieden werden», erklärt Hribal. Zum Vergleich: Vor der Corona-Krise seien 10 Kurzarbeitsgesuche pro Monat eingegangen. Neben der Kritik wie im Falle der Gerbers erntete das AWA laut Hribal aber auch Lob. «Wir erhalten von vielen Betrieben und auch von Wirtschafts- und Verbandsvertretern, mit denen wir am runden Tisch aktuelle Anliegen erörtern, positive Rückmeldungen zur Bearbeitung der Kurzarbeitsentschädigung.»

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