Herr Altherr, Sie sind Kurator von «Skulptur in Schlieren», einem Projekt der Stadt Schlieren und der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB). Seit letzter Woche stehen im und um das Stadthaus sechs neue Skulpturen. Anhand welcher Kriterien lesen Sie die Kunst aus, die Sie in Schlieren ausstellen?

Jürg Altherr: Wir suchen in Schlieren Orte aus, die zu den einzelnen Werken passen oder umgekehrt suchen wir Arbeiten, die zu bestimmten Orten passen.

Welcher Anspruch steht hinter dieser Logik?

Ich möchte Eingriffe in den öffentlichen Raum vornehmen. Damit verändere ich die Wahrnehmung der Bevölkerung auf ihre Umgebung. Schauen Sie sich beispielsweise den Sandstein von Piero Maspoli an, der seit 2007 bei der Unterführung unter der Badenerstrasse im Stadtzentrum liegt. Erst seit er dort liegt, schauen die Menschen auch die Umgebung um den Stein herum an. Sie sehen, dass es dort Blumen hat oder setzen sich auf den Stein, um einen Moment auszuruhen.

Eine der neuen Skulpturen, die neben dem Stadthaus stehen, ist von ihnen. Das sechs Meter hohe Monument aus Stahl fällt auf. Wie reagieren die Leute auf Ihr Werk?

Von einigen Leuten habe ich gehört, dass sie das Haus, das hinter meiner Skulptur steht, erst jetzt das erste Mal richtig angeschaut haben. Die Umgebung bekommt eine andere Präsenz. Sie sehen, wie die Skulptur schräg steht und denken, es falle um. Sie staunen, dass das grosse Ding überhaupt stehen kann.

Wird Kunst erst dann zur Kunst, wenn sie irgendwo platziert wird?

Das wäre eine kühne Behauptung, kann man aber so sagen. Eine meiner Skulpturen habe ich schon an verschiedenen Orten aufgestellt, und es ist erstaunlich, dass sie an jedem Ort wieder anders wirkt. Demnach unterscheiden sich auch die Reaktionen darauf.

Haben Sie eine künstlerische Ideologie?

Nein.

Wieso machen Sie Kunst?

Ich kann nichts anderes.

Was ist Ihre Ambition?

Eine gute Arbeit zu machen.

Gut für wen?

An sich und für mich.

Ist das nicht ein wenig egoistisch?

Natürlich. Egoismus ist die einzige verbindliche Umgangsform mit sich selbst und mit anderen.

Wie meinen Sie das?

Schauen Sie sich einmal die Zehn Gebote an. Du sollst nicht töten. Sehr spät begriff ich, was damit eigentlich gemeint ist. Wenn ich jemanden umbringe, dann ist das nicht gut für mich selbst, da mich das belasten würde. Alle zehn Gebote sind sowohl zum Schutz des Individuums selber sowie zum Schutz der anderen. Das bedeutet für mich Egoismus. Auf die Kunst angewendet heisst das: Ich kann nur etwas Glaubwürdiges machen, wenn es von mir aus kommt.

Haben Sie einen Anspruch, was die Interpretation der Betrachter Ihrer Kunstwerke anbelangt?

Wie ein Werk am Schluss wirkt, kann man nie voraussagen. Ich habe eine Vorstellung von etwas, aber wenn eine Arbeit glückt, geht das Resultat am Schluss über meine anfängliche Vorstellung hinaus. Unsere Vorstellungen gehen nie so weit, wie das, was am Schluss real ist. Mein Sohn sagte einmal: Reality beats fiction. So ist es auch mit künstlerischen Vorstellungen. Das, was am Schluss ein Kunstwerk bewirkt, ist das Wunderbare. Manchmal passiert es, dass beim Betrachter Dinge passieren, die man sich vorher nicht vorstellen oder planen konnte. Wenn jemand kommt und ein Kunstwerk anders als ich deutet, dann ist das auch ein Geschenk.

Wer hat Sie geprägt?

Mein Vater. Er war Architekt, ich ein Rebell, der seine Entscheidungen selber treffen wollte. Ich habe mir von ihm nichts sagen lassen. Aber er akzeptierte das. Heute sehe ich viele Parallelen zu seinem Werk. Er gab mir sehr viel mit auf den Weg. Mein grosses Interesse am Gleichgewicht oder an Druck und Zug habe ich von ihm. Erst im erwachsenen Alter wurde mir richtig bewusst, woher mir dieses Wissen als Ausdrucksmittel zur Verfügung steht. Als Kind erklärte mir mein Vater diese Themen anhand von Brücken oder Staumauern. Mich hat das total fasziniert. Das Thema stand oft im Raum aber ganz beiläufig, sodass für mich ganz normal war, damit aufzuwachsen.

Was fasziniert Sie am Gleichgewicht?

Mich interessiert das Stehen durch Belastung. Ich will wissen, wie das Gleichgewicht funktioniert. Immer und immer wieder.

Warum sind viele Ihrer Werke so gross?

Erst wenn die Werke eine gewisse Grösse haben, wird die Wirkung des Gleichgewichts nicht nur sichtbar, sondern auch körperlich erfahrbar.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Momentan beschäftige ich mich stark mit Brücken, wo auch das Gleichgewicht wieder ein Thema ist. Zudem fasziniert mich, dass sich Flussufer bis zum Meer niemals berühren. Mit einer Brücke kann ich eine Verbindung zwischen den beiden Ufern schaffen.

Woher kommen Ihre Ideen?

Zum Teil entwickle ich aktuelle Projekte einfach weiter. Manche Ideen kommen in der Nacht. Träume sind eine wichtige Quelle für mich.

Schreiben Sie Ihre Träume auf?

Manchmal. Alle Ideen, die mir in der Nacht zufliegen, aufzuschreiben, würde aber keinen Sinn machen, da ich sowieso niemals Zeit habe, alles zu verwirklichen.

Ihre Frau ist ebenfalls Künstlerin?

Sie ist Psychotherapeutin und fotografiert seit drei Jahren. Wir hatten schon Ausstellungen mit ihren Fotografien und meinen Skulpturen. Unsere Arbeiten ergänzen sich oft oder lassen uns erkennen, wie man etwas auch noch betrachten könnte. Zum Beispiel stellte sie einmal eines meiner Modelle zum Fotografieren auf den Kopf und ich erkannte durch ihre Fotografie, dass meine Arbeit so viel besser aussieht. Das ist eine wunderbare Zusammenarbeit. Sie deutet meine Werke um, ergänzt sie und vollendet sie damit. Und dagegen wehre ich mich nicht.

Welche Kunst steht bei Ihnen im Wohnzimmer?

Bei uns hängen vor allem Bilder von meiner Frau Thea. Bald stelle ich eine Bank meines Vaters ins Wohnzimmer, die er 1938 entworfen hat und noch heute in ganz Zürich steht. Diese ganz klassische rote oder grüne Bank, die alle kennen.

Welche Kunst mögen Sie nicht?

Wenn es kunstgewerblich wird. Jekami, das finde ich überhaupt nicht mehr interessant. Oder wenn etwas trendig wird, was heute sehr oft passiert, und sich jeder als Künstler bezeichnen kann. Darum bezeichne ich mich normalerweise auch nicht als Künstler, sondern als Bildhauer.

Gibt es etwas, das Sie noch gerne realisieren möchten?

Diese Brücke, von der ich vorher gesprochen habe. Nur ist die Frage, wie lange man das Glück hat zu leben. Gewisse Wünsche haben dann Zeit, in Erfüllung zu gehen. Auch meinen Turm, an dem ich 30 Jahre gearbeitet habe, würde ich gerne noch platzieren.

Wo verbringen Sie den Sommer?

Alleine oder mit meiner Frau in unserer Retraite am Stausee auf dem Gotthardpass. Das Haus steht in der Verlängerung der Staumauer. Von dort hat man eine gewaltige Aussicht.

Fühlen Sie sich dort nie alleine?

Sich allein zu fühlen, ist manchmal sehr wichtig.