Sunil Mann hat Hibiskustee bestellt. Wir treffen uns in der «Bank», einer Bar im Zürcher Langstrassenquartier. Wo sonst? Der Chreis Chäib ist Schauplatz der Krimis, mit denen sich Mann in den letzten zehn Jahren als Schriftsteller etabliert hat. Auch sein siebter und bislang letzter Krimi «Gossenblues», aus dem Mann am Samstagabend im Volkshaus liest, spielt hier. Fast ein Vierteljahrhundert lang war dieser lebendige Stadtteil Sunil Manns Heimat. Dann zog der Mittvierziger nach Aarau. Aber was heisst schon Heimat?

Das Leben als Secondo prägte Sunil Mann. Die Mutter kam als Krankenschwester aus Indien in die Schweiz. Weil Beruf und Familie für sie als Alleinerziehende unvereinbar waren, wuchs Mann bei Schweizer Pflegeeltern in Spiez auf. «So lernte ich, zwischen den Kulturen zu jonglieren», sagt Mann.

Auch als Schriftsteller jongliert er: «Man nimmt sich das Beste aus beiden Welten und macht sich lustig über die Aspekte der Kulturen, die man nicht so ernst nehmen kann.» Bei der indischen Kultur sei dies etwa die «fast manische Abergläubigkeit – und, dass es die ganze Zeit ums Essen geht.» Und bei der Schweizer Kultur? «Das Exakte, die Pünktlichkeit», sagt Mann – und fügt hinzu: «Das ist das, was mir gerade einfällt.»

50'000 Exemplare

Die Hauptfigur seiner Krimis, der indischstämmige Privatdetektiv Vijay Kumar, ist ebenfalls ein Jongleur zwischen Milieus und Kulturen. «Secondos gab es in der Zürcher Krimiwelt noch kaum», sagt Mann. Dies sei mit ein Grund, warum er mit dem Schreiben von Kriminalromanen begonnen habe.

Der Erfolg gab ihm Recht: Die Gesamtauflage seiner Kriminalromane liegt inzwischen bei 50'000 Exemplaren. Mann erhielt diverse Literaturpreise, unter anderem den Zürcher Krimipreis. Und: Er konnte das Schreiben zu seiner Hauptbeschäftigung machen, mit Lesungen im gesamten deutschsprachigen Raum. Nebenbei hat er immer noch ein 30-Prozent-Pensum als Flugbegleiter der Swiss.

«Brauche ich Zürich noch?»

Nach Zürich war Mann zum Studium gekommen. «In Bern hatte ich wegen der Rekrutenschule den Einschreibetermin verpasst», erzählt er und nippt am Hibiskustee. Das Psychologie- und Germanistik Studium habe er bald «erfolgreich abgebrochen». Doch in Zürich blieb er – bis vor gut einem Jahr. Der Umzug nach Aarau hatte mehrere Gründe: Beziehungsgründe. Mietpreisgründe. Altersgründe. Auch die Veränderung des Langstrassenquartiers spielte eine Rolle. «Ich fragte mich: Brauche ich Zürich noch? Ich habe 25 Jahre hier gelebt und es ausgekostet. Nun bin ich in ein Alter gekommen, in dem ich nicht mehr häufig bis morgens um fünf herumziehe.»

Zudem drohe das Langstrassenquartier langweiliger zu werden: «Ich bin gespannt, ob es in zehn Jahren noch die schummrigen Ecken gibt, die das Quartier ausmachen.» Das Nebeneinander vom Vegi-Restaurant und dem Club, in dem Frauen an Stangen tanzen: Das ist die Welt der Krimifigur Vijay Kumar – und war lange auch Manns Welt.

Nun also Aarau. «Ich kann besser schreiben in Aarau», sagt Mann. «Es ist ruhiger, gibt weniger Ablenkung.» Einen Aarau-Krimi werde es so bald jedoch nicht von ihm geben, dafür sei er noch nicht lange genug in der Stadt. Aber ein Buch, das in einer kleinen, gesichtslosen Ortschaft irgendwo im Mittelland zwischen Zürich und Bern spielt – das könne er sich vorstellen: «Ich fände es spannend, etwas zu diesem Hinterland zu machen. Mal schauen.»

Secondos und Humor

In Zürich sind seine Krimis aufgrund ihres Lokalkolorits fast schon eine Marke geworden. Doch nur aus kommerziellen Gründen dort bleiben wolle er nicht. Zumal seine Bücher auch in Deutschland und Österreich ein – wenn auch kleineres – Publikum finden. «Die Secondo-Thematik, der Humor – irgend etwas ist in den Büchern, das über die Landesgrenzen hinaus funktioniert», meint Mann. Der Hibiskustee ist ausgetrunken. Draussen regnet es. Mann will noch rasch beim indischen Lädeli an der Langstrasse einkaufen, «wenn ich schon hier bin».

Dann gehts zurück nach Aarau. Zurück in den Alltag eines Schriftstellers, der jedes Jahr ein Buch abliefert, um über die Runden zu kommen. «Es braucht Disziplin», sagt Mann über seinen Tagesablauf. Morgens sitze er jeweils ab 9 Uhr am Schreibtisch, bis etwa um 15 oder 16 Uhr, unterbrochen von einer kurzen Mittagspause. Dann brauche er Sport: Schwimmen oder Krafttraining. Und abends Ruhe – oder Kontakt zu «normalen Leuten». «Sonst hätte ich es nur mit fiktiven Figuren zu tun», sagt Mann. Ein ironisches Lächeln huscht über sein bärtiges Gesicht.