Mit unendlich grossem Stolz trugen am letzten Montag viele Kinder ihren brandneuen Tornister erstmals zur Schule. Gefüllt mit dem Etui – ein Geschenk der Gotte –, mit einem Taschenrechner – ein Geschenk des Göttis, der von Schule echt keine Ahnung mehr hat –, mit einem liebevoll zubereiteten Znüni – ein Werk des Vaters, dem selbsterklärten Weltmeister der gediegenen Zwischenverpflegung. Gefüllt aber auch mit gut gemeinten Wünschen. Und nicht zuletzt mit den Hoffnungen der ganzen Familie. «Wenn das nur gut kommt!», werden wohl vor allem diejenigen gedacht haben, die mit gemischten Gefühlen auf ihre eigene Schulzeit zurückblicken. Wie zum Beispiel der erwähnte Götti, der wegen seiner Streiche nicht immer nur beliebt war.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung, kurz bfu, hat sich für dieses Grossereignis einen ganz besonderen Slogan ausgedacht: «Achtung! Kinder überraschen. Rechnen Sie mit allem!» Dass dabei in erster Linie an den Schulweg gedacht wurde, versteht sich von selbst. Der Spruch, der unendlich viele Plakate ziert, richtet sich demnach an die Automobilsten. Vor allem an die kinderlosen, die keine Ahnung haben können, was der letzte Montag für viele der lieben Kleinen bedeutete.

Vielleicht richtet sich der bfu-Spruch aber auch an die Lehrerinnen und Lehrer, die letzten Montag eine Schar von Erstklässlern begrüssen durften. Nehmen wir an, der Götti – Sie erinnern sich, es ist der mit dem Taschenrechner – habe seinem Patenkind als Vorbereitung auf den ersten Schultag erzählt, wie man Lehrpersonen ärgern kann. Zum Beispiel mit Reinschwatzen. Oder mit Verdrücken des Znünis während des Unterrichts. Um nur seine harmloseren Vorschläge zu erwähnen. Dann würde die Pädagogin auf dem Nachhauseweg bestimmt vor diesem Plakat stehen bleiben und ein anerkennendes «Stimmt» murmeln.

Unter Umständen richtet sich die bfu aber vor allem an die Eltern, die ihr Kind nach dem ersten Schultag ungeduldig zu Hause erwarten.

«Na, wie war es?», fragen sie. «Toll!», antwortet der Knirps. «Ich freu mich schon auf morgen.» Die Eltern atmen auf. Denn wenn ein Kind gerne zur Schule geht, ist das mehr als nur die halbe Miete. Dummerweise hängt der Kleine dann noch an: «Die Tipps vom Götti waren wirklich spitze.»

Die Folge: Die Eltern werden bereits nach einigen Tagen zum ersten Gespräch in die Schule gebeten. Auf dem Weg dorthin erblicken sie den erwähnten Slogan, den sie erst in diesem Moment so richtig verstehen.

*Martin von Aesch ist Autor und Musiker. Er lebt in Schlieren.