Bezirksgericht Dietikon

Keine Sterbehilfe: Sohn freigesprochen

Das Bezirksgericht Dietikon sprach den 56-Jährigen frei; die Aussagen der Pflegefachfrau seien für eine Verurteilung nicht ausreichend.

Eine Pflegerin wollte in einem Limmattaler Alterszentrum einen Mann dabei beobachtet haben, wie er seiner todkranken Mutter Nase und Mund zudrückte

Das Drama ereignete sich im März 2018: Eine Pflegefachfrau beobachtete in einem Limmattaler Alterszentrum, wie ein Mann seiner 90-jährigen und im Sterben liegenden Mutter mehrere Sekunden lang Nase und Mund zudrückte. Sie rief die Polizei; diese kam mit einem Grossaufgebot, und der Notarzt durfte dann auch gleich die Hafterstehungsfähigkeit des Mannes überprüfen.

«Die Polizei hat mich gefragt, ob ich meine Mutter umgebracht habe. Diese absurde Frage hat mich gleich zu einem Lachen verleitet», sagte der 56-jährige Mann gestern im Bezirksgericht Dietikon. Die Pflegefachfrau lüge, betonte er gleich: Er habe seiner Mutter damals bloss das Atmen erleichtern wollen, und wie bei der Bekämpfung einer Hyperventilation habe er mangels Plastiksack seine hohle Hand verwendet. Es habe aber nichts genützt, deshalb habe er damit nach wenigen Sekunden wieder aufgehört.

Die Mutter verstarb rund zwei Stunden später. Die genaue Ursache ist unklar, zumal die Frau auch an Vorerkrankungen litt und laut Obduktion die erhaltenen Morphium-Dosen irgendwo zwischen therapeutisch und letal anzusiedeln waren. Der Mann war allerdings an jenem Abend auch deshalb schon ausser sich vor Zorn, weil das Pflegepersonal seiner Meinung nach seiner Mutter zu wenig Morphium verabreicht hatte. Als die ersten Ergebnisse der Obduktion vorlagen, entliess man ihn nach drei Tagen aus der Haft.

Abrechnung mit der Polizei

Die Gerichtsverhandlung nutzte er zu einer Generalabrechnung mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft: Zwei Kisten voller Bücher hatte er in den Gerichtssaal geschleppt, führte Monologe über seine Zeit als Offizier im Militär und im Zivilschutz, lieferte sich laute Wortgefechte mit dem Richter und degradierte Valentin Landmann in seiner Rolle als amtlicher Verteidiger zu einem Statisten. Mehrmals war Richter Benedikt Hoffmann kurz davor, den Mann von der Polizei aus dem Saal führen zu lassen.

Staatsanwältin Claudia Kasper betonte, in den ersten Einvernahmen habe der Mann klar zugegeben, dass er den Tod seiner Mutter habe bewirken oder zumindest beschleunigen wollen. Da die Todesursache nicht nachgewiesen sei, gehe man von einer versuchten Tötung aus. Auch lägen keine egoistischen Gründe vor, die Staatsanwältin sprach von einer «emotionalen Überreaktion». Sie beantragte eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten. «Wenn man mir die vorsätzliche Tötung nachweist, könnte ich sogar lebenslänglich akzeptieren», sagte der Angeklagte und forderte vom Staat 50 000 Franken Genugtuung. Verteidiger Valentin Landmann argumentierte, sein Mandant habe bloss den Atemrhythmus seiner Mutter beruhigen wollen, sonst hätte er ja nicht über die Alarmtaste das Personal gerufen. «Es ist die Geschichte eines grossen, eskalierenden Missverständnisses», versuchte Landmann die Wogen zu glätten.

Das Gericht kam schliesslich zu einem Freispruch: Die Aussagen der Pflegefachfrau seien für eine Verurteilung nicht ausreichend, der Mann habe die Schwelle zum Tötungsversuch wohl gar nie überschritten. Seine Genugtuungsforderung wies das Gericht allerdings ab, er erhält lediglich insgesamt 600 Franken Entschädigung für die drei Hafttage. Die Staatsanwaltschaft kann das Urteil noch weiterziehen.

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