Tierspital

Katzen, Wellensittiche und afrikanische Schnecken: Wie die Universität Findeltiere aufpäppelt

Volle Konzentration zeigt der Kater, wenn es ums Fressen geht.

Volle Konzentration zeigt der Kater, wenn es ums Fressen geht.

Es ist ein sozialer Dienst, den das Tierspital an der Universitätsklinik da vollbringt: Herrenlose Katzen, Amseln und Schildkröten päppelt sie auf und gibt sie anschliessend zur Adoption frei. Doch jede Behandlung hat Grenzen.

Chicca schläft auf einer Wolldecke als Antonio Pozzi, Leiter der Klinik für Kleintierchirurgie des Tierspitals der Universität Zürich, den Aufenthaltsraum betritt. Ein Trichterkragen soll die Katze, die als Findeltier ins Tierspital gebracht wurde, davon abhalten, an ihrer rechten Vorderpfote zu lecken. Nähte zeugen noch von der kürzlich durchgeführten Operation.

Pozzi holt die braun-weisse American-Shorthair-Katze aus ihrem Zwinger. In Pozzis Armen fühlt sich Chicca sichtlich wohl. Die anwesende Tiermedizinische Praxisassistentin mahnt zur Vorsicht. Chicca springe mit Vorliebe auf Gestelle oder Behandlungstische. So wie Chicca landen jährlich etwa 120 Tiere als Findel im Zürcher Tierspital. Meldehöhepunkte werden in der Sommerschulferienzeit registriert.

Der junge Kater «Kippfenster» hat auch das Herz des Kleintierchirurgen Antonio Pozzi im Sturm erobert.

Der junge Kater «Kippfenster» hat auch das Herz des Kleintierchirurgen Antonio Pozzi im Sturm erobert.

«Hunde – weil sie von Gesetzes wegen gechippt sind – können in der Regel schnell wieder ihren Besitzern zurückgegeben werden», sagt Pozzi. Dass vor allem Katzen als Findeltiere ans Tierspital kämen, hänge damit zusammen, dass es für sie keine Chip-Pflicht gebe. Zu dem finde man sie sehr oft, nachdem sie angefahren worden sind.

Vom Wellensittich bis zur Schnecke

Auch andere Tiere kommen ans Tierspital: Beispielsweise ein entflogener Wellensittich, der im Winter geschwächt und ausgemergelt eingefangen werden konnte. «Das wohl exotischste Findeltier war eine Achatschnecke, eine grosse afrikanische Schnecke, die an unsere Klinik gebracht wurde,» erzählt Jean-Michel Hatt, Abteilungsleiter für Zoo-, Heim- und Wildtiere am Tierspital.

Auch wenn die vorerst vermeintlich herren- oder frauenlosen Patienten, die beim Tierspital abgegeben werden, unterschiedlicher kaum sein könnten, behandelt werden sie von den Ärzten allesamt gleich: «Das Wohl des Tieres steht immer an oberster Stelle», so Pozzi. Das heisst: Die Patienten werden bei ihrem Eintritt auf ihren Gesundheitszustand hin untersucht. Parallel dazu schreibt Alisha Mühlebach, Findeltierbetreuerin am Tierspital der Universität Zürich, die Tiere auf der kantonalen Meldestelle für Findeltiere im Internet aus, um die Besitzer ausfindig zu machen.

Verhältnismässig behandeln

Ging der Einlieferung eines Findeltieres offensichtlich ein Unfall voraus, versucht der behandelnde Tierarzt die Schwere der Verletzung, die Überlebenschancen des Tieres sowie dessen Leid und die möglichen Behandlungskosten abzuschätzen. Bei besitzerlosen Tieren kommt es dann schon zu einer ersten finanziellen Hürde: «Die Behandlungskosten übernimmt das Spital. Die Obergrenze pro Tier liegt bei 1500 Franken», erklärt Pozzi. Natürlich habe man die Kostengrenze auch schon überschritten: «Wenn es der Gesundheit des Tieres etwas bringt und nicht um ein Vielfaches über der Budgetgrenze liegt, behandeln wir das Tier trotzdem», sagt Pozzi.

Die Tiermedizin folge hinsichtlich der Kosten keiner Statistik – es gehe immer um Verhältnismässigkeit. Tatsächlich hätten die Budgetregeln und der schlechte gesundheitliche Zustand des Tieres schon öfters dazu geführt, dass von einer Behandlung abgesehen werden musste – «leider», wie Pozzi anfügt. Was bleibt, sei das Tier einzuschläfern.

Gemäss Vorgaben müssen die Besitzer der Tiere – sofern sie eruiert werden können – die Behandlung bezahlen. «Es gab aber auch schon Fälle, da haben die Finder der Tiere die Behandlungskosten übernommen», so der Kleintierchirurg weiter. Das seien aber Ausnahmen.

Ein Zuhause finden

Oftmals meldet sich über die Internet-Ausschreibung auch ein Besitzer. Oder aber Mühlebach findet Adoptiv-Besitzer. Treten beide Fälle nicht ein, wird das Tierheim Pfötli in Winkel zum neuen Zuhause der Findeltiere. «Unsere Findeltiere werden in keinem Fall für Tierversuche eingesetzt oder zum Verkauf angeboten», hält Pozzi fest. «Das gleiche gilt für die exotischen Tiere», so Hatt.

Zwischen der Behandlung und dem Übergang ins neue oder der Rückkehr ins alte Zuhause bleiben die Tiere zur Beobachtung rund zwei Wochen im Tierspital. Neben Chicca befinden sich zurzeit noch zwei weitere Katzen auf der Station. Ein plüschiger Bewohner ist erst einige Monate alt und sein Zwinger ist mit dem Namen «Kippfenster» angeschrieben. Die kleine Katze hatte sich in der Ferienabwesenheit seiner Besitzer im Fenster eingeklemmt und an den Hinterbeinen verletzt. Nachbarn hätten das Tier schreien gehört und die Polizei informiert. Diese rettete den Vierbeiner aus seiner misslichen Lage.

Kater «Kippfenster» zeigt seine Zähne.

Kater «Kippfenster» zeigt seine Zähne.

Kaum hat Pozzi die Gittertür geöffnet, springt der kleine Kater heraus. Lediglich ein leichtes Hinken der linken Hinterpfote zeugt noch von seinem Selbstunfall. Davon unbeeindruckt tollt der junge Kater von einer Ecke des Aufenthaltsraums in die anderen. Solange seine Besitzer noch in den Ferien sind, wohnt er im Tierspital.

Sein Nachbar im oberen Zwinger nimmt es etwas gemütlicher. Schläfrig hebt Kater Fred kurz seinen Kopf, um die Besucher zu begrüssen. Die Tiermedizinische Praxisassistentin erwähnt, dass der Besitzer gefunden worden sei und Fred noch am gleichen Tag abholen würde. Pozzi freut sich sichtlich über die Neuigkeit.

Ein sozialer Service

Grundsätzlich ist die Zahl ausgesetzter Tiere laut Pozzi in der Schweiz tief – gerade verglichen mit Ländern wie Italien oder Spanien. «Tiere werden hier weniger als Objekte oder Spielzeuge gehalten», so der Kleintierchirurg. Er beobachte, dass sich Tierhalter gegenüber ihren Haustieren verantwortlich fühlen und sich mehrheitlich seriös um deren Betreuung kümmern würden. Aber Ausnahmen gebe es immer wieder.

So auch im Falle von Chicca: Ihr Besitzer konnte zwar eruiert werden, dieser weigerte sich aber, für die Behandlung aufzukommen. Pozzi, der vor einigen Jahren selber einen ausgesetzten Hund adoptiert hat, steht das Unverständnis darob ins Gesicht geschrieben. «Dieser Fall war schwierig. Wenn ein Besitzer nicht zahlen will, übernimmt nicht automatisch das Spital die Kosten», so Pozzi. Dann komme das Veterinäramt zum Einsatz, wie der Arzt erklärt. Nach unzähligen Diskussionen habe man für Chicca eine Adoption organisieren können. Damit habe sich auch die Kostenfrage geklärt.

Es ist jener Teil seiner Arbeit, die der Leiter der Kleintierchirurgie als schwierig empfindet: Die ständige Frage nach dem Geld. Bis vor drei Jahren arbeitete er in Florida für die Abteilung der Kleintierorthopädie einer universitären Kleintierklinik. Ein privater Gönner hat dort laut Pozzi eine universitäre Stiftung eigens für ausgesetzte Tiere sowie deren Behandlung ins Leben gerufen und mit jährlich 50 000 Dollar unterstützt. «Eine solche Spenden-Stiftung für unsere Findeltiere hier am Tierspital wäre begrüssenswert», so Pozzi.

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