Zürich

Kantonsrat will Gymi-Förderprojekt für Kinder aus bildungsfernen Familien

Der Kantonsrat will die besten Schülerinnen und Schülerinnen im Gymi, nicht jene, die von ihren Eltern besonders intensiv gepusht werden. Er fordert deshalb ein Förderprogramm für Kinder aus bildungsfernen Familien.. (Symbolbild)

Der Kantonsrat will die besten Schülerinnen und Schülerinnen im Gymi, nicht jene, die von ihren Eltern besonders intensiv gepusht werden. Er fordert deshalb ein Förderprogramm für Kinder aus bildungsfernen Familien.. (Symbolbild)

Kinder aus bescheidenen finanziellen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund gehen nach wie vor vergleichsweise selten ins Gymi. Dies soll ein Förderprojekt ändern. Der Kantonsrat hat am Montag ein entsprechendes Postulat von SP, GLP und Grünen mit 86 zu 77 Stimmen überwiesen.

Ein Befund der ETH-Lernforscherin Elsbeth Stern machte am Montag im Zürcher Kantonsrat die Runde. Demnach besuchen vielfach nicht die begabtesten Jugendlichen Maturitätsschulen, sondern solche, die von Haus aus privilegiert sind; ein bildungsnahes Elternhaus, in dem auch genug Geld für Förderkurse vorhanden ist, erhöhe die Chancen. Die Folge: «30 bis 40 Prozent der Kinder an den Gymnasien schneiden in Intelligenztests nicht so ab, wie man es von den besten 20 Prozent eines Jahrgangs erwarten würde», sagte Stern kürzlich im «Tages-Anzeiger».

Das soll sich künftig ändern, fordert die Mitte-links-Mehrheit im Kantonsrat: SP, GLP, Grüne, EVP und AL sprachen sich am Montag für ein Postulat aus, das kantonsweit ein Förderprogramm für begabte Jugendliche aus bildungsfernen Familien verlangt. Als Vorbild dient dabei das Programm Chagall, das in Zürich am privaten Gymnasium Unterstrass seit Jahren praktiziert wird. Die Abkürzung Chagall steht für «Chancengerechtigkeit durch Arbeit an der Lernlaufbahn.»

Gemäss dem Parlamentsvorstoss würde Chagall wie folgt kantonsweit eingeführt: Im zweiten Sekundarschuljahr könnten begabte Jugendliche aus bildungsfernen Familien ein aufwendiges Auswahlverfahren durchlaufen, um an dem Förderprogramm teilzunehmen. Dies soll garantieren, dass auch die nötige Motivation vorhanden ist. Im dritten Sekundarschuljahr erhielten die Teilnehmenden Vorbereitungskurse für den Übertritt ans Gymnasium oder an eine Berufsmittelschule. Die Kurse fänden am Mittwochnachmittag oder am Samstag statt. Sie würden die bereits vorhandenen, allgemein zugänglichen Vorbereitungskurse der Schulen ergänzen, wie Markus Späth (SP, Feuerthalen) erklärte. Nach bestandener Aufnahmeprüfung erhielten die Jugendlichen aus bildungsfernen Familien für die Probezeit dann weiterhin gezielte Unterstützung während der unterrichtsfreien Zeit.

«Ihr erhöht den Druck auf die Jugendlichen»

Vor allem FDP und SVP sprachen sich dagegen aus. «Viele Jugendliche wollen gar nicht ans Gymi, sondern freuen sich auf eine Lehre», sagte Matthias Hauser (SVP, Hüntwangen). Zudem würde der Vorstoss eine neue Ungerechtigkeit schaffen, da nur Jugendliche aus bildungsfernen Familien davon profitieren könnten.

Alexander Jäger (FDP, Zürich) warnte, dass die Berufslehre dadurch abgewertet und die Gymnasialquote erhöht würde. Rochus Burtscher (SVP, Dietikon) warnte ebenfalls: «Mit Chagall erhöht ihr den Druck auf die Jugendlichen noch mehr.»

Mitte-links-Vertreter hielten dagegen: «Die Möglichkeiten verbessern sich, wenn man einen grösseren Bildungsrucksack hat. Dass man sich dagegen wehrt, motivierten Leuten diese Chance zu geben, ist einfach blöd», sagte Thomas Marthaler (SP, Zürich). «Wir nutzen unser Potenzial nicht», fügte Nora Bussmann (Grüne, Zürich) an. «Es macht mehr Sinn, unsere jungen Leute zu fördern, als Fachkräfte aus dem Ausland zu holen», sagte Wilma Willi (Grüne, Stadel). «Es sollen nicht mehr, sondern die Richtigen ans Gymi und an die Berufsmittelschulen», fasste SP-Kantonsrat Späth seinen Vorstoss zusammen.

Dieser wurde als Postulat an die Regierung überwiesen, die nun innert zwei Jahren dazu Stellung nehmen muss. Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) signalisierte, sie wolle das Anliegen aufnehmen: «Es geht darum, Ressourcen zu nutzen. Daran werde ich mich auch in zwei Jahren noch erinnern.»

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