Dietikon

Grosses Theater: Diese Frau macht tabula rasa mit der Welt

In der Theateria Dietikon feierte das Stück «Tabula rasa» Premiere

In der Theateria Dietikon feierte das Stück «Tabula rasa» Premiere

Das neue Theaterstück von Heidi Christen und Stefan Baier ist ein flammendes Plädoyer für Aufklärung und Emanzipation.

«Alles ausser der Bibel ist Schund!», ist der Pfarrer von Rasa, einem Bergdorf im Centovalli, überzeugt. Statt sich mit weltlichen Büchern abzugeben und damit auf ketzerische Gedanken zu kommen, sollen sich seine Schafe ganz an das einzige, das göttliche Buch halten. Daneben, befiehlt der Pfarrer, gibt es nur noch das Arbeiten – das mühevolle und langsame Durchqueren dieses irdischen Jammertals, bis dem Menschen am Ende seines Weges die himmlische Belohnung winkt.

In diese Welt voller Verbote und vorgezeichneter Denk- und Lebensweisen wächst Dana auf, die Heldin des Theaterstücks «Tabula rasa», das am Freitag im Dietiker Stadtkeller Premiere feierte. Heidi Christen und Stefan Baier, die das Stück zusammen mit Andreas Wilhelm aufführten, erweckten Dana und ihre Welt mit Dialogen, Songs und nicht zuletzt mit vollem Körpereinsatz zum Leben. Das tägliche Malochen und Sich-Abstrampeln wurde dem Publikum etwa ganz plastisch durch einen Sprint bis zur Erschöpfung vor Augen gestellt.

«Wer lesend die Welt entdeckt, löst sich von Autoritäten»

Dana aber gibt sich nicht zufrieden mit einer solchen fremdbestimmten Existenz. Beim Putzen einer Villa – schon als Kind soll sie lernen, was sie später zu tun hat – stösst sie auf eine grosse Bibliothek und damit auf eine Ansammlung neuer Welten und alternativer Lebensentwürfe. Den Bannspruch des Pfarrers missachtend, beginnt sie diese Bücher zu lesen, zu sammeln und bei sich zu Hause zu verstecken. Ein subversives Unterfangen, denn: «Wer lesend die Welt entdeckt, löst sich von Autoritäten», bringen es Christen und Baier auf den Punkt.

Danas Gedankenrevolten bleiben dem Pfarrer nicht lange verborgen. Doch hat die Heldin gedanklich bereits aus dem verordneten Jammertal herausgefunden und macht sich nun auch körperlich davon. In Zürich nimmt sie als erste Frau am Polytechnikum ein Studium auf. Dass es dort keine Frauentoilette gibt, ist nur eines der Hindernisse, die der Heldin begegnen. Frauen, so die immer wieder ans Publikum gerichtete Botschaft, hatten vor noch nicht allzu langer Zeit mit unvorstellbaren Diskriminierungen zu kämpfen. Doch nicht nur von der Gesellschaft, auch von ihrem Freund wird Dana nicht ganz ernst genommen. Er hört ihre Stimme nicht, so wie die Stimme der Schweizer Frauen bis 1971 (mit der Einführung des Frauenstimmrechts) nicht gehört wurde. Hannes, ein deutscher Testpilot, lässt sich dann aber doch noch für ihre Sache einspannen. Zusammen unternehmen sie einen Flug zurück nach Rasa. An Bord: hunderte Bücher, die über dem Dorf abgeworfen werden und durch die tiefhängenden Nebelschwaden wie Manna vom Himmel regnen.

Das Publikum zeigte sich angetan von der Premiere. «Meine Grossmutter lebte in einem Bergdorf in Norditalien, so konnte ich mich in die Protagonistin wunderbar hineinversetzen», sagte Angela Piller aus Dietikon. Vor allem beeindruckte sie die Umsetzung der Geschichte und die lebendige Darstellung von Danas Lebenswelt. Auch Bruno Müller aus Dietikon beschied der Premiere ein positives Verdikt. «Es wurde immer wieder Spannung erzeugt und eine Geschichte erzählt, die viele spannende Fragen aufwirft.»

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