Flüchtlinge

Frühe Einführung in Beruf, Sprache und Schweizer Lebensgewohnheiten: So will der Kanton die Integrationsagenda umsetzen

Gemäss Integrationsagenda soll es vom ersten Tag an darum gehen, dass die Menschen etwas lernen. (Symbolbild)

Gemäss Integrationsagenda soll es vom ersten Tag an darum gehen, dass die Menschen etwas lernen. (Symbolbild)

Vom Bund gibt es mehr Geld für die Integration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen. Der Kanton Zürich passt seine Strukturen an. Früher und bedarfsgerecht, lautet die Devise.

Der Bund zahlt den Kantonen für die ihnen zugewiesenen anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen eine einmalige Integrationspauschale. Per 1. Mai wurde sie von 6000 auf 18'000 Franken erhöht. Die Erhöhung ist verknüpft mit Vorgaben. Diese sind in der Integrationsagenda Schweiz aufgelistet, die gemeinsam von Bund und Kantonen ausgearbeitet wurde. An einer Medienkonferenz wurde gestern informiert, wie die Umsetzung im Kanton Zürich erfolgen soll. Zuständig ist die Fachstelle für Integration. Deren Leiterin, Nina Gilgen, benutzte dabei einen Begriff, wie man ihn aus dem Schulwesen kennt: Individualisierung.

Berührungspunkte gibt es insofern, als 60 Prozent der anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen jünger sind als 26 Jahre. Selbst wenn sie noch als Kinder einreisten, reichen die obligatorischen Schuljahre oft nicht mehr aus für einen Abschluss, der den Zugang zu einer Lehre eröffnet. Seit letztem Jahr läuft daher über die Erwachsenenbildung Zürich das Projekt einer zweijährigen Integrationsvorlehre. Sie absolviert zu haben, kommt einem Sekundarschulabschluss gleich. Das bedeutet, eine Lehre wird möglich.

Potenziale abklären

Das Projekt läuft als Pilot unter Führung des Bundes, 18 Kantone machen mit. Der Kanton Zürich hat bereits ab 2016 das Modell im kleineren Umfang getestet. Die Erfahrungen seien sehr gut, erklärte gestern der in der Sache zuständige Leiter des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes, Niklaus Schatzmann. Firmen wie Swisscom oder Planzer, aber auch kleinere Gewerbebetriebe machten mit. Rund 100 Auszubildende zähle man.

Die Integrationsvorlehre ist wichtiger Bestandteil der künftigen Ausrichtung. Zwei Drittel der Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen zwischen 16 und 25 Jahren befinden sich nach fünf Jahren in einer beruflichen Grundausbildung, lautet eines der vorgegebenen Ziele in der nationalen Integrationsagenda. Ein Monitoring, um das Einhalten des Ziels zu messen, wird aufgebaut. Zahlen zum Ist-Zustand fehlen.

Man gehe von bis zu 125 Auszubildenden pro Jahr aus, sagte Schatzmann. Wichtig sei es, im Vorfeld das Potenzial jedes einzelnen gut abzuklären. Bei Eignung soll auch ein Übertritt ans Gymnasium möglich sein. Wobei die Integration in die Berufswelt im Vordergrund stehe, wie gestern betont wurde.

Für die Potenzialabklärung sind hauptsächlich die Berufsinformationszentren (BIZ) vorgesehen. Auch hier wurden schon erste Erfahrungen gesammelt, wie André Woodtli vom Amt für Jugend und Berufsberatung ausführte. Man bewege sich zwischen dem, was sich der Betreffende als Berufstätigkeit vorstellen könne, und der Realität des Arbeitsmarktes, sagte er. Es gehe darum, den Einzelnen schnell richtig einordnen zu können. Das sei wichtig für ihn, aber auch für den Ausbildungsbetrieb. Das nötige Instrumentarium wird entsprechend ausgeweitet. Woodtli erwähnte etwa sprachunabhängige IQ-Tests. Infrage kämen auch auf eine bestimmte Branche zugeschnittene Abklärungen.

Integration beginnt früher

Seit März gilt das neue Asylrecht mit der beschleunigten Erstabklärung durch den Bund in eigenen Zentren. Die darauffolgende Aufnahme im Kanton Zürich geschieht weiterhin in einem Durchgangszentrum, bevor die Verteilung an die Gemeinden erfolgt. Indem der Bund 60 Prozent aller Asylgesuche in 140 Tagen rechtskräftig entschieden haben will, erhöht sich auf kantonaler Ebene die Zahl jener Personen mit Bleiberecht. Somit soll die Integration früher beginnen, sagte Andrea Lübberstedt, Leiterin des kantonalen Sozialamtes. Heute erfüllten die Deutschkurse im Durchgangszentrum in erster Linie den Zweck, dem Tag eine Struktur zu geben. Nun solle es möglichst vom ersten Tag an darum gehen, dass die Menschen wirklich etwas lernen. Das gilt ganz besonders für Kinder. Alle anerkannten Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen haben nach drei Jahren Grundkenntnisse einer Landessprache, schreibt die Integrationsagenda vor.

Aber auch das Verständnis dafür, wie unsere Gesellschaft funktioniert, soll frühzeitig vermittelt werden. Nach wenigen Jahren sind alle Geflüchteten mit den schweizerischen Lebensgewohnheiten vertraut und haben Kontakte zur Bevölkerung, heisst es in der Agenda. Und weiter: Die Hälfte der Erwachsenen ist nach sieben Jahren im Arbeitsmarkt integriert.

Neu ist, dass alle Kurse von Alphabetisierung bis Job-Coaching vom Kanton akkreditiert werden müssen. Im Gegenzug entstehe für die Gemeinden eine grössere Auswahl, wie Daniel Knöpfli ausführte. Er ist Leiter Soziales und Gesundheit in Bülach und Co-Präsident der kantonalen Sozialkonferenz. Die Gemeinden sind es, welche die Kurse buchen, sobald sie Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene übernommen haben. Den Grossteil der Bundespauschale leitet der Kanton an sie weiter. Was sie nicht für die Integration ausgeben, müssen sie zurückzahlen.

Für 2020 rechnet der Kanton Zürich mit einer Bundespauschale von 23 Millionen Franken. Bis Ende 2020 muss er die neuen Strukturen vollständig umgesetzt haben.

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