Was macht für Sie den Reiz des Animationsfilms aus?

Claudius Gentinetta: Das Ausschlaggebende und Faszinierende beim Trickfilm ist, das deine Fantasie die Möglichkeiten vorgibt. Man muss die gedanklichen Grenzen sprengen. Das macht mich neugierig. Ich versuche bei jedem Film etwas Neues und will mich jedes mal neu herausfordern.

Gab es einen prägenden Moment, der Ihre Begeisterung für Animationsfilme entfacht hat?

Mit zwölf lieh mir mein Nachbar seine Super-8-Kamera aus, damit ich Trickfilme machen konnte. Er sah, dass ich die ganze Zeit Comics zeichnete und fand: «Mach doch mal einen Trickfilm daraus.» Dank dieser Kamera habe ich angefangen, meine Comics zu verfilmen. Zuerst mit meinem Freund, dann mit vielen Nachbarskindern. Alle haben gerne mitgemacht.

In der Trickfilm-Ausstellung erhalten Besucher einen Einblick in die Entstehung Ihres neusten Films «Selfies». Wie sind Sie auf das Thema als Filmmaterie aufmerksam geworden?

Meistens verfolge ich zwei oder drei Projekte gleichzeitig und muss mich dann irgendwann entscheiden. Bei «Selfies» hatte ich ein paar Skizzen, nachdem mir vor Jahren in Rom jemand einen Selfie-Stick verkaufen wollte. Ich hatte keine Ahnung, was es ist, und dachte, es sei vielleicht zum Fötzeln. Am nächsten Tag hab ich dann viele Touristen mit Handys am Stick gesehen. Dort ist mir die Idee gekommen, dass der Selfie-Stick als Symbol einen Höhepunkt der Manie zur Selbstinszenierung darstellt.

Was hat zum Entscheid für den Film geführt?

Entscheidend war der Gedanke, dass ich mich als Trickfilmer gerne mit dem alltäglichen Wahnsinn auseinandersetze, mich auch mal einem Thema annehme, das mich persönlich eigentlich gar nicht interessiert, das aber aktuell ist und in dem sich vieles spiegelt, was unsere heutige Zeit ausmacht. Und nein, ich besitze selbst kein Smartphone.

War die Arbeit für Sie trotzdem reizvoll?

Mich hat interessiert, wie ich all diese Selfies zu einem Film verknüpfen kann. Wie bringe ich eine Story rein und wie verbinde ich das Material zeichnerisch und malerisch zu einer Einheit. Das fand ich extrem spannend.

«Selfies» sieht handgezeichnet und gemalt aus. Können Sie die Entstehung des Films erklären?

Ich habe im Internet und in Zeitungen recherchiert und reale Selfies gesammelt und ausgedruckt. Die Ausdrücke haben Cécile Brun und ich mit Pinsel und Farbe von Hand übermalt. Danach haben wir die Bilder wieder eingescannt und digital animiert.

Wie tief sind Sie bei der Entstehung in die Materie eingedrungen?

Ich habe ein halbes Jahr tief recherchiert und bin auf die Welt gekommen. Ich habe fürs Material dann Ordner angelegt: «schlimm», «schrecklich» und «ganz schrecklich». Zu viele Menschen kennen keine Scham, keine Grenzen mehr, da wird dann auch ein Selfie mit der gestorbenen Grossmutter gemacht. Ich habe gemerkt, dass ich dank meiner Recherche das ganze Leben darstellen kann, weil es nichts gibt, dass nicht in Selfie-Form publiziert wird. Daraus entstand die Idee, innerhalb kurzer Zeit zu versuchen, dramaturgisch die Abfolge des Lebens zu zeigen.

Basieren alle Bilder im Film auf realen Selfies?

Ja. Man muss es sich vorstellen wie eine Collage. Ich habe jeweils ein reales Bild genommen. Im Photoshop habe ich die Personen mit Köpfen von Freunden bestückt, Haare oder Kleider geändert, teilweise den Hintergrund ausgewechselt. So entstand daraus etwas Neues. Insgesamt haben wir rund 600 Selfies bearbeitet.

Obwohl Ihre Filme alle Ihre gezeichnete Handschrift aufweisen, sind sie inhaltlich und stilistisch vielfältig. Woher haben Sie all die Ideen?

Übers Zeichnen entstehen oft meine Ideen für Filme. Die zweite Art ist, dass ich mir wirklich ein Thema überlege, zu dem ich etwas machen will, wie jetzt bei «Selfies». Die dritte Möglichkeit ist, dass ich einen Ton habe, der mich beschäftigt oder fasziniert, und ich dann für diesen einen Film kreiere.

Wie bei «Schlaf», der das Geräusch von rhythmischem Schnarchen visuell auf die Leinwand bringt?

Ja, da war es einfach. Ich verbrachte eine Nacht im Zimmer mit einem Freund, der wahnsinnig schnarchte, und ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Das Schnarchen war so eindrücklich. Ich hatte Wachträume und hatte den Film fast schon geträumt. Am nächsten Morgen fragte ich ihn, ob er zum Aufnehmen mit mir ins Studio kommt. Meine aktuelle Idee ist, mit Zahnarzt-Geräuschen einen Film zu erzählen.

Sie präsentieren an der Trickfilm-Ausstellung auch einen eigenen Filmabend: Was dürfen die Zuschauer erwarten?

Ich zeige einige Filme von mir und Lieblingsfilme befreundeter Filmemachern, die international sehr bekannt sind und für ihre Filme sogar schon mit dem Oscar ausgezeichnet wurden. Einer war mein Professor und zwei besuchten mit mir damals die Schule. Ich will unbedingt zwei ganz alte Filme von mir zeigen, deshalb habe ich extra einen 16-Milimeter-Projektor besorgt. Und dann zeige ich sicher meine neuen Filme. Ich finde es interessant und spannend für das Publikum, zu sehen, wo ich angefangen habe und wo ich jetzt stehe.

Wie wichtig ist Ihnen der Austausch mit dem Publikum?

Wenn man einen Film gemacht hat, ist es ein Geschenk, damit herumreisen zu dürfen und ihn vor Menschen zu zeigen. Das ist Teil des Lohns für die Arbeit. Es ist für uns Filmemacher extrem schön zu erleben, wie die Zuschauer auf den eigenen Film reagieren und mit ihnen zu diskutieren und zu sehen, was zurückkommt.