Oetwil

Erzählerin Maria Richner: «Märchen können Menschen in jedem Alter berühren»

Mit Maria Richner tauchen Kinder und Erwachsene in die Märchenwelt ein.

Erzählerin Maria Richner freut sich, dass Märchen auch im digitalen Zeitalter ankommen.

Heute findet der zweite Schweizer Vorlesetag statt. Über 7000 private, schulische und öffentliche Vorleseaktionen werden durchgeführt. Das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien rief den Tag zusammen mit Partnerorganisationen im Jahr 2018 ins Leben. Maria Richner aus Oetwil freut sich über dieses Engagement. Ihr liegt die Erzählkultur am Herzen. Die ausgebildete Märchenerzählerin liest seit neun Jahren in Kindergärten, Schulen, Bibliotheken sowie an diversen Anlässen vor. Heute am Schweizer Vorlesetag ist die 70-Jährige mit ihrem Mann Hans zu Gast in der Bibliothek Geroldswil.

In Zeiten von Hörbüchern, Videos und Sprachassistenten erhält das Vorlesen immer mehr Konkurrenz. Wieso ist es wichtig, diese Tradition zu pflegen?

Maria Richner: Das Vorlesen ist für Kinder sprach- und entwicklungsfördernd. Der Schweizer Vorlesetag bietet eine gute Gelegenheit, auf diese Bedeutung hinzuweisen. Es ist ein schöner Gedanke, dass an diesem Tag in der ganzen Schweiz Geschichten weitergegebenen werden. Trotz zahlreicher elektronischer Unterhaltungsmöglichkeiten stelle ich fest, dass viele Kinder gerne einer Erzählerin zuhören, die vor ihnen sitzt. Heutzutage besuchen mehr Kinder Vorleseveranstaltungen in der Bibliothek Geroldswil als noch vor zehn Jahren. Ich bin überzeugt, dass in uns ein tiefes Bedürfnis steckt, zuzuhören und eine Geschichte erzählt zu bekommen, so wie es schon bei unseren Vorfahren vor Jahrhunderten üblich war.

Das heisst: Märchen sind nicht nur etwas für Kinder?

Märchen sind uralte Geschichten, die über Jahrhunderte mündlich weitergegeben wurden. Ursprünglich waren sie an Erwachsene gerichtet. Erst später wurden sie für Kinder angepasst. In ihnen finden wir Urthemen, die uns alle berühren. Da geht es um den Weg des Märchenhelden oder der Märchenheldin, der durch viele Prüfungen und Gefahren führt. Und in der grössten Not kommt Hilfe von höheren Kräften, sodass alles zu einem guten Ende kommt. Es handelt von Liebe, Eifersucht, Neid, Armut, Reichtum, dem sorgsamen Umgang mit der Natur, aber auch von inneren Werten wie Bescheidenheit, Besonnenheit, Durchhaltevermögen und viel, viel mehr. Märchen können Menschen in jedem Lebensalter berühren, uns Kraft geben, uns trösten und uns zum Lachen und zum Weinen bringen.

Das Erzählen scheint eine Kunst für sich zu sein. Was braucht es, um eine gute Vorleserin beziehungsweise ein guter Vorleser zu sein?

Wie bei jedem Handwerk gibt es einige Grundfertigkeiten, die eingeübt werden können. Man kann laut sprechen oder leise, hoch oder tief, rasch oder langsam. Man kann Pausen einbauen, welche die Spannung erhöhen, man kann Bilder und Gegenstände einsetzen, die das gesprochene Wort ergänzen. Auch die äussere Erzählsituation ist wichtig. Wie alt sind die Zuhörerinnen und Zuhörer? Wie ist das Licht, wie die Sitzordnung? Das Allerwichtigste scheint mir aber, dass der oder die Erzählende sich selber vom Märchen berühren lässt und es während des Erzählens oder Vorlesens innerlich miterlebt.

Woher stammt ihre Faszination für Märchen?

Meine Mutter hat mir als Kind regelmässig Märchen vorgelesen und erzählt. Sie hat mir damit einen grossen Schatz fürs Leben geschenkt. In Märchen vereinen sich auch meine Interessen für Geschichte, Literatur und Psychologie. Es macht mir Freude, etwas weiter geben zu dürfen, das mir viel bedeutet. Ich interessiere mich aber auch für Sagen. Vorgestern sind ich und mein Mann aus Irland zurückgekehrt. Die Reise war ein langgehegter Wunsch. In Irland sind Sagen und Mythen spürbar. Es existiert noch immer eine lebendige Erzähltradition, die stark mit Musik und Tanz verbunden ist.

Zum Märchenerzählen kamen Sie vor knapp zehn Jahren.

Genau. Nach meiner langjährigen Tätigkeit als Lehrerin an der Primarschule Oetwil-Geroldswil hatte ich nach der Pensionierung die Chance, mich neu zu orientieren. Es war für mich wichtig, den Kontakt mit grossen und kleinen Menschen weiter zu pflegen. Im Jahr 2010 erzählte ich mein erstes Märchen in der Bibliothek Geroldswil. Das war nach dem Abschluss meiner Weiterbildung als Märchenerzählerin.

Was ist das Schöne an der Aufgabe?

Jeder Erzählanlass ist anders und spannend, weil jede Gruppe und jedes Kind anders auf die Geschichte reagieren. Es gibt zum Beispiel empfindsame Kinder, die fast weinen, wenn die Märchenheldin in Schwierigkeiten gerät. Es gibt aber auch abenteuerlustige Kinder, denen es nicht lebhaft genug zu- und hergehen kann. Erwachsene Zuhörerinnen und Zuhörer können ebenso sehr verschieden reagieren.

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Autor

Sibylle Egloff

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