Dietikon

Ein Tenor geht seinen Weg: «Ich bin vielfältig einsetzbar!»

Der Dietiker Tenor Hans Michael Sablotny in der Operette "Boccaccio".

Hans Michael Sablotny

Der Dietiker Tenor Hans Michael Sablotny in der Operette "Boccaccio".

Der Dietiker Tenor Hans Michael Sablotny beschreibt in seinem Liederabend «… aber Sie singen ja nur!!!» den ganz normalen Wahnsinn seines Sängerlebens und tritt heute im Dietiker Pfarreizentrum St. Agatha auf.

Das Leben eines freischaffenden Künstlers kann gnadenlos sein. Der Tenor Hans Michael Sablotny kann davon ein Lied singen – oder gleich mehrere. Der in Dietikon lebende Kölner erlebte manche skurrile Situation, als es um Engagements ging. Idealer Stoff für einen Liederabend. Heute bringt er diesen mit «…aber Sie singen ja nur!!!» zusammen mit der Pianistin Annkatrin Isaacs auf die Bühne des Dietiker Pfarreizentrums St. Agatha.

Herr Sablotny, wie kamen Sie auf die Idee, über den Alltag des Sängerlebens ein Programm zu schreiben?

Hans Michael Sablotny: Die Idee entstand, als ich von einem Benefiz-Konzert der Kulturkommission Dietikon hörte und spontan meine Mitwirkung anbot. Die Verantwortlichen zeigten sich begeistert und waren an einem Solo-Programm von mir interessiert – nur hatte ich keines. Dann erhielt ich innerhalb von vier Tage zwei Anfragen, um an Hochzeiten zu singen. Beim Nennen der Gage erhielt ich beide Male die Antwort: So teuer? Aber Sie singen ja nur! Da wusste ich, ich habe meine Story und den passenden Titel. Mit dem befreundeten Regisseur Björge Hehner habe ich das Programm dann entwickelt.

Erzählen Sie uns von einer Begebenheit aus Ihrem Berufsalltag.

Ich hatte beispielsweise ein Vorsingen bei einer Agentur für eine Charakterrolle, bei welchem sämtliche Anwesenden begeistert waren. Tatsächlich bekam ich am nächsten Tag den ersehnten Anruf. Man sagte mir, meine Stimme sei genial, aber ich sähe so schlecht aus, dass man dies dem Publikum nicht zumuten wolle. Ich weiss, ich sehe nicht wie George Clooney aus, aber es kommt bei Charakterrollen wie Hexe oder Herodes nicht auf Schönheit an.

Wie verkraften Sie solche Momente?

Es ist wichtig, dass man weiss – als Mensch, nicht als Sänger –, wo der eigene Platz ist. Jeder hat seine Stärken und seine Schwächen. In den ersten Sekunden schmerzen solche Aussagen natürlich, aber ich trage als Kölner auch die rheinische Frohnatur in mir, die sich nicht unterkriegen lässt.

Wurde das Aussehen auch in der klassischen Musikbranche zunehmend wichtiger?

Stellen sie sich Luciano Pavarotti heute neben Jonas Kaufmann vor, der nebst Stimme auch ein smartes Aussehen mitbringt. Pavarotti, mit grandioser Stimme gesegnet, würde heute im Vergleich weniger Engagements erhalten, weil Kaufmann das sogenannte «Gesamtpaket» mitbringt.

Zurück zum Liederabend. Sie werden von der Pianistin Annkatrin Isaacs begleitet. Spielen Sie oft gemeinsam?

Wir haben uns vor Jahren durch Bekannte kennengelernt und uns sofort bestens verstanden – auch musikalisch. Sie ist eine konstruktive Kritikern und wir sind sehr gut miteinander verwoben. Sie ist zudem eine vielfältige Musikerin. Als ich ihr die Noten des Liederabends, darunter auch jene eines Queen-Songs, präsentierte, konnte Annkatrin die Lieder vom Fleck weg spielen. Das ist Gold wert.

Wie würden Sie den Musik-Stil des Programms beschreiben?

Sagen wir es so: Ich beginne mit Beethoven und höre mit Hildegard Knef auf. Dazwischen geht es querbeet, von Barock bis Rock, von Verdi bis Queen.

Musik spielte nicht immer die erste Geige in Ihrem Leben. Ursprünglich waren Sie Maler, Lackierer und Tapezierer.

Musik war dennoch immer meine Leidenschaft. Als Jugendlicher erhielt ich Klavierunterricht, den ich aus freien Stücken aufgab, da meine Eltern nicht über die nötigen Mittel verfügten, um diesen zu bezahlen. Sie haben mich aber moralisch stets unterstützt. Also wählte ich zunächst einen anderen Weg, der mich schliesslich als Saisonarbeiter in die Schweiz brachte.

Was hat Sie bewogen, in der Schweiz doch noch eine Gesangskarriere zu starten?

Hier habe ich zunächst begonnen, dann und wann zu singen. Nach einem Gesangswettbewerb wurde ich von vielen Seiten darin bestärkt, den Gesang weiter zu verfolgen und nahm Kurse und Unterricht. Es war aber ein Auftritt in einem vollen Saal, als ich ohne Mikrofon mit meiner Stimme diesen Saal füllen musste. Da habe ich Blut geleckt.

Es folgte eine Ausbildung als Sänger mit Bühnendiplom. Debütiert haben sie mit 39 Jahren. Stand Ihnen danach das Alter im Weg?

Zunächst hatte ich lange kein Engagement. Immer wieder sagte man mir, ich hätte keine Erfahrung. Eine kleine Charakterrolle bei der Operettenbühne Bremgarten brachte dann die Karriere ins Rollen. Aber ich war selten die erste Wahl, sondern überzeugte erst, nachdem die Wunschbesetzung nicht wollte oder konnte.

Sie haben laut Ihrer Agenda viele Auftritte und sind auch auf Deutschlandtour. Müssen Sie als Künstler betreffend Aufträgen auch flexibel sein?

Auf alle Fälle. Bis Ende Januar bin ich mit dem Ensemble «Theater auf Tour» und dem Programm «Sing oder stirb», einem Crossover-Musik-Kabarett, auf Tournee durch deutsche Städte. Das wollte ich als Spätzünder in dieser Branche unbedingt einmal machen und es bereitet mir grossen Spass. Andere gehen mit Ende 20 das erste Mal auf Tournee, ich halt mit Ende 40. Nach drei Jahren werde ich Ende Januar aber aussteigen und mich auf meine Karriere als Konzert- und Kirchensänger konzentrieren. Auch mit meinem Soloprogramm möchte ich gerne weiter machen. Die Tournee wurde zunehmend anstrengender, denn wir stehen nicht nur auf der Bühne, sondern bauen diese jeden Tag selber auf und wieder ab und reisen am frühen Morgen weiter.

Welchen Musikstil möchten Sie nun verfolgen?

Ich bin vielseitig einsetzbar (lacht). Am liebsten mache ich derzeit mein eigenes Programm, singe an Events oder bestreite Kirchenkonzerte, wie beispielsweise Weihnachtsoratorien. In Gotteshäusern zu singen hat eine ganz eigene Energie. Die Menschen hören gebannt zu – das ist herrlich.

Können Sie heute von der Musik leben?

Ich weiss, dass die Mehrheit der Sängerinnen und Sänger einen Brotjob hat, um zu überleben. Das ist unabdingbar. Ich als Sicherheitsmensch habe auch eine solche Arbeit, denn Miete, Krankenkasse und Sozialleistungen sollen bezahlt sein. Alles weitere bezahlt die Musik.

Wo trifft man Sie beruflich an, wenn Sie nicht singen?

Auf der Suche nach einer Arbeit, die sich mit meinem Beruf als Sänger vereinbaren lässt, stiess ich auf einen etablierten Restaurantkurier. Das macht riesigen Spass. Zudem meine Definition von einem Brotjob wie folgt lautet: Eine minimale finanzielle Existenzgrundlage, die einem erlaubt, das zu tun, wo einem das Herz hinführt.

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