Dietikon

Dietikons Kulturbeauftragte: «Die Freiheiten, die ich habe, sind einmalig»

Irene Brioschi ist seit 2015 Kulturbeauftragte.

Irene Brioschi ist seit 2015 Kulturbeauftragte.

Wie tickt Dietikons Kulturbeauftragte? Irene Brioschi über Höhepunkte und neue Herausforderungen für die Dietiker Kultur.

Bald wird das Studio Dietikon seine Zelte im Alten Bauamt wieder abbrechen. Das Gebäude, in dem bis Sommer 2022 ein neuer Kindergarten entstehen soll, bleibt nicht leer. Es wird von zwei jungen Künstlern zwischengenutzt, die später im Herbst auch eine Ausstellung planen. Die Künstler hätten sie angefragt, sagt Irene Brioschi, Kulturbeauftragte der Stadt Dietikon.

«Wenn Leute mit guten Ideen zu mir kommen und ich helfen kann, sie zu realisieren, habe ich meinen Job richtig gemacht», fährt sie fort. In Dietikon seien Zwischennutzungen noch nicht so etabliert wie in Zürich, wo sich zwei Vereine um die Vermittlung kümmern. Bei städtischen Liegenschaften sei es einfacher. Aber sie versuche auch immer wieder, privaten Liegenschaftsbesitzern solche Projekte schmackhaft zu machen.

Im Sommer 2015 trat Brioschi die neu geschaffene Stelle als Kulturbeauftragte an. Das Stellenprofil sei eine Weiterentwicklung des damaligen Kultursekretariats gewesen, erinnert sie sich. Damit wollte der Stadtrat der Kulturförderung, der Vernetzung und der Veranstaltung von Anlässen mehr Gewicht geben.

Die gelernte Pflegefachfrau, die zuvor 25 Jahre in der Pflege gearbeitet hatte, war zwar beruflich eine Quereinsteigerin, aber in der Dietiker Kulturlandschaft längst keine Unbekannte mehr. Geboren in Bern und aufgewachsen im solothurnischen Gerlafingen, verschlug es Brioschi vor 28 Jahren nach Dietikon, wo sie sich in ihrer Freizeit schnell kulturell engagierte. Sie war viele Jahre in der Kulturkommission aktiv und leitete das Theater Dietikon. Und sie ist bis heute im Vorstand des Dachverbands «t. Theaterschaffende Schweiz».

Das Stadtfest 2018 als grosses Highlight

Zu Beginn habe sie sich beweisen müssen. «In der Stadtverwaltung bin ich eine Exotin und passe nicht in die klassische Verwaltungsstruktur» sagt sie. Vonseiten des Gemeinderats sei ihre Position am Anfang grundsätzlich infrage gestellt worden. Aber diese Diskussionen seien schnell abgeebbt. Dass mit Otto Müller (FDP) und mittlerweile Roger Bachmann (SVP) bürgerliche Stadtpräsidenten ihr den Rücken stärken, sei wertvoll für die politische Glaubwürdigkeit der Kulturarbeit.

In den vergangenen fünf Jahren hat Brioschi viel erlebt. Neben kleinen Konzerten und Auftritten denke sie immer noch gerne zurück an das dreitägige Stadtfest 2018. «Das ist mit vielen Emotionen verbunden. Ich war vorher noch nie für das Programm eines so grossen Anlasses verantwortlich», sagt sie. Die Eröffnung des Gleis 21 am Bahnhof Anfang 2019 bezeichnet sie als Meilenstein. Das Kulturlokal habe eine neue Dynamik gebracht, sagt Brioschi. «Seit 25 Jahren hatten wir die Vision für einen Ort für Kultur, an dem man sich mit Gleichgesinnten zum Kaffee treffen und unkompliziert verweilen kann.» Das Gleis 21 habe ein ganz neues Publikum ermöglicht. Neben Konzerten, Poetryslams oder Netzwerkveranstaltungen wie einem Künstlerinnenstammtisch organisiert auch der Seniorenrat hier Veranstaltungen. Und bald stellt der Amateur Fotoclub eine Jubiläumsausstellung auf die Beine. «Es ist ein Paradebeispiel, wie wir es geschafft haben, alle mit ins Boot zu holen», sagt Brioschi.

Dietiker Kultur ist ein ­«Gemeinschaftswerk»

Ganz zu ihrer Freude sei die Zusammenarbeit zwischen den grössten Kulturveranstaltern in Dietikon, der Kulturkommission, dem Theater Dietikon und dem Gleis 21, sehr eng und gegenseitig unterstützend. «Es ist ein Gemeinschaftswerk. Wer dahintersteht, ist nicht so wichtig. Hauptsache, die Leute verbringen eine schöne Zeit», sagt Brioschi. Ein Vorteil der im Vergleich zu Zürich überschaubaren Dietiker Kulturlandschaft sei, dass man sich viel schneller kennenlerne.

In den vielen Jahren als Kulturveranstalterin habe sie viel darüber gelernt, wie man ein abwechslungsreiches Programm zusammenstellt, das zum Publikum passt, sagt Brioschi, die auch in ihrer Freizeit gerne kulturelle Anlässe besucht. Vor allem kleinere. Aber seit ihrer Jugend verpasse sie kaum je das Gurtenfestival. Es sei wichtig, eine grosse Vielfalt abzudecken und nicht nur Kulturbewanderte anzusprechen, aber zwischendurch auch mal etwas Verrücktes auszuprobieren. Zudem wolle sie möglichst regionalen Künstlern eine Plattform bieten. «Ich verstehe dies indirekt auch als Kulturförderung», sagt sie.

Das Liveerlebnis sei durch nichts zu ersetzen, findet Brioschi. Aber auch in Dietikon wird das Internet vermehrt zum zweiten Standbein der städtischen Kultur – etwa mit dem neuen Podcast oder Liveübertragungen der Konzerte. Das Coronavirus habe gewisse Tendenzen zur Digitalisierung sicher nochmals beschleunigt, sagt sie. In Dietikon sei nach dem Lockdown ein deutlicher Besucherrückgang zu spüren. «Die Menschen überlegen sich jetzt stärker, wann es ihnen wirklich wert ist, rauszugehen», sagt sie. Da stünden schwierige Entwicklungen für die gesamte Kulturlandschaft an.

Trotz herausforderndem Umfeld sowie einigem an Routinearbeit und Administration in ihrem Arbeitsalltag bezeichnet Brioschi ihren Job als grosses Privileg. Im Frühling habe sie wegen Personalengpässen in einem Dietiker Altersheim ausgeholfen. Obwohl sie die Pflegearbeit immer noch gern mache, sei ihr klar geworden, dass sie nicht mehr zurückwechseln wolle: «Die Freiheiten, die ich habe und die vielen spannenden Projekte, die ich aufgleisen oder begleiten darf, sind einmalig.»

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