Schlieren

Die «Pischte 52» wird zur Manege: So führt Zirkusdirektor Martin Stey die Aufführungen unter Corona durch

Der Zirkus Stey spannt sein Zelt auf der Pischte 52, dem stillgelegten Teil der Badenerstrasse auf. Zirkusdirektor Martin Stey erklärt wie die Aufführungen unter Corona verlaufen und weshalb er nie eine Ausbildung machte.

Zirkusdirektor Martin Stey, 43, steht am Hinterausgang: «Nein, das ist nicht die Mitte», ruft er. Der Musikant soll die Kapelle im hinteren Bereich des nagelneuen Zirkuszelts aufbauen. Stey steht mitten im Geschehen, während die Mitarbeiter das Zelt auf der Pischte 52, dem stillgelegten Teil der Badenerstrasse in Schlieren, aufbauen. In den nächsten fünf Tagen finden hier zweimal täglich Aufführungen statt. Das ist keine Selbstverständlichkeit für Schweizer Zirkusse: Der Zirkus Knie ist noch nicht auf Tour und auch der Zirkus Stey war bis zum 11. Juni in der Zwangspause in Volketswil.
Während des Notstands wurde der Traditionszirkus vom Bund unterstützt. Sobald dieser grünes Licht gab, dass die Tournee durch Zürich, St. Gallen und den Thurgau möglich sei, wollte Stey es wagen. Doch statt der üblichen 700 darf er nur 270 Plätze für die Zuschauer öffnen, so verlangt es das Corona-­Schutzkonzept. Die vergangenen Wochen hätten sich trotzdem gelohnt. «Viele Auftritte waren ausgebucht und in Volketswil haben wir gar eine Zusatzaufführung eingelegt.» Der Zirkus hat jedoch auch einiges aufzuholen, denn im Frühling ist üblicherweise Hochsaison.
Tatsächlich habe der Zirkus in seiner 583-jährigen Geschichte noch nie eine derartige Krise erlebt und trotz grosser Leidenschaft für sein Metier hat er auch Grenzen: Stey möchte nicht um des Zirkus willen, Zirkus machen. Es müsse sich auch finanziell lohnen. Immerhin arbeiten insgesamt 40 Personen in seinem Betrieb mit. «Wir sind daran abzuklären, ob der Bund für die fehlenden Eintritte aufkommt», sagt Stey.

Die Artisten mussten in der Schweiz ausharren

Es ist der sechste Platz auf dem der Zirkus Stey in dieser Saison auftritt. Die Artisten brannten darauf nach der langen Pause ihr Können zu präsentieren. «Am Anfang war es noch schön, ein freies Wochenende zu haben, doch nach zwei Wochen haben wir es gesehen», sagt Stey. Für die Artisten sei die ungewohnte Pause langweilig gewesen. Da viele aus dem Ausland kommen, waren sie aufgrund der geschlossenen Grenzen gezwungen, in der Schweiz zu warten. «Ich wollte hierbleiben, doch ich telefoniere täglich mit meiner Familie», sagt Rafael Gil, ein Jongleur aus Spanien, während er die gestreiften Elemente rund um die Manege befestigt.

Die jüngste Generation steht nun in der Manege

2020 geht jedoch nicht nur aufgrund der Coronakrise in die Stey-Geschichte ein. Es ist auch das erste Jahr indem die vierte Generation der Steyfamilie eine Nummer in der Manege präsentiert. Die siebenjährige Simone Stey balanciert auf dem Rücken eines Ponys und zeigt eine Nummer am Trapez. Unter ihr steht ihre Mutter Mia Stey und schaut voll Stolz auf die bewegliche Dame im Tütü. «Man lernt nur durch Ausprobieren», sagt ihr Vater. Er selbst sei bereits mit vier Jahren auf dem Seil gelaufen. Natürlich habe er auch einige Stürze mit Rippenbrüchen erlebt, sagt er. «Doch wir haben ja zwei Hände bekommen, mit denen wir uns halten können.»

Als sich ihm vor rund 20 Jahren die Frage stellte, ob er eine Lehre machen wolle oder im Zirkus bleiben möchte, entschied er sich für die Manege. «Natürlich stinkt es einem manchmal, aber es ist wie beim Spitzensport, man muss einfach weiter trainieren und dranbleiben.» So habe er sich sein Wissen und seine Fähigkeiten anhand der Praxis beigebracht. Dabei kann er immer noch auf seine Eltern zählen, die ebenfalls im Betrieb arbeiten. Neuerdings ist auch das jüngste Dynastiemitglied ins Rampenlicht eingetaucht. Letzten Samstag stand Stey erstmals mit seinem vierjährigen Sohn in der Manege. Zuerst habe der Knabe gesagt, er wolle nicht, doch als er gesehen habe, dass es eine Nummer mit Wasser gebe, habe er gerne mitgemacht. «Wie alle Kinder liebt er das Wasser», sagt Stey, dabei strahlt sein Gesicht.

Der Zirkus Stey gastiert vom
8. bis 12. Juli auf der Pischte 52 in Schlieren.

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