Zürich

Die Kriminalität nimmt erneut leicht zu: «Es fehlt an Mitgefühl»

Mehr Gewalt im Ausgang: Die Polizei setzt deswegen auf verstärkte Präsenz an den Hotspots des Nachtlebens.

Mehr Gewalt im Ausgang: Die Polizei setzt deswegen auf verstärkte Präsenz an den Hotspots des Nachtlebens.

Vor allem Gewaltdelikte im öffentlichen Raum und digitale Kriminalität fordern die Polizei vermehrt. Auch die Zunahme von Sexualstraftaten bereitet Sorgen.

Nach dem Tiefststand von 2016 hat die Kriminalität im Kanton Zürich letztes Jahr erneut leicht zugenommen: Die Polizei verzeichnete 90 772 Verstösse gegen das Strafgesetzbuch, 2,2 Prozent mehr als 2017, wie Christiane Lentjes, Kriminalpolizei-Chefin der Kantonspolizei, gestern vor den Medien sagte.

Unsicherer sei es deswegen aber nicht unbedingt geworden: «Teilweise stellen wir ein aktiveres Anzeigeverhalten fest.» Vor allem bei häuslicher Gewalt und Internetkriminalität werde eher Anzeige erstattet als früher. Aber: Gewalt im öffentlichen Raum, vor allem im Ausgang, habe spürbar zugenommen.

Zum einen fallen dabei laut Lentjes Schlägereien in und vor Klubs ins Gewicht, oft unter Einfluss von Drogen und Alkohol; zum anderen Konflikte zwischen rivalisierenden Banden und Ethnien. Auch Gewalt von psychisch angeschlagenen Personen kommt laut der Kripo-Chefin immer öfter vor.

«Es fehlt an Mitgefühl»

Häufig würden Gewaltdelikte im öffentlichen Raum von Unbeteiligten gefilmt, ohne dass sie etwas dagegen tun: «Für viele ist das wie Live-Fernsehen. Es fehlt auch an Mitgefühl.» Lentjes appelliert an die Öffentlichkeit, stattdessen zuerst diskret die Polizei anzurufen. Insgesamt stieg die Zahl der Delikte gegen Leib und Leben letztes Jahr kantonsweit von 5665 auf 5992.

Knapp die Hälfte dieser Fälle ereignete sich in der Stadt Zürich. Die Stadtpolizei habe darauf reagiert und setze nun mehr Polizisten an den Hotspots des Nachtlebens ein, sagte Felix Lengweiler, Chef der Kriminalabteilung der Stadtpolizei Zürich.

Pornos bei Minderjährigen

Die Jugendkriminalität lag 2018 mit 1859 Fällen etwa gleich hoch wie im Jahr zuvor, aber um rund 200 Fälle höher als 2016. «Sorgen bereitet uns dabei die Zunahme bei den Sexualstraftaten», sagte Kripo-Chefin Lentjes. Dies habe vor allem mit dem leichten Zugang zu Pornos via Handy zu tun.

Oft sei Jugendlichen gar nicht bewusst, dass sie sich strafbar machen, wenn sie selbstgemachte oder im Internet gefundene Pornografie an Gleichaltrige verbreiten. Mit Vorträgen und Workshops in Schulen gelte es, das Bewusstsein zu schärfen. «Es geht darum, auch mal Nein zu sagen, sich abzugrenzen», so Lentjes.

Eine Verlagerung hin zur digitalen Kriminalität finde auch bei den Vermögensdelikten statt, die mit 61 628 Fällen den Grossteil der polizeilichen Kriminalitätsstatistik ausmachen. Klassischer Diebstahl, auch Taschen- und Trickdiebstahl sind laut Lentjes zwar immer noch sehr häufig.

Doch die Zahlen in diesem Bereich sinken. In Zürich trug dazu auch das gezielte Augenmerk der Polizei an der Street Parade bei: «Wir haben die Leute gewarnt und mehr zivile Fahnder an die Parade geschickt», sagte Lengweiler. So sei es gelungen, die Zahl der Raubdelikte und Entreissdiebstähle markant zu senken.

Statt handgreiflich zu werden, unternehmen Kriminelle ihre Beutezüge vermehrt auf digitalen Wegen, wie Lentjes und Lengweiler sagten. Auch dabei setze die Polizei stark auf Prävention. So sei bei E-Mails von unbekannten Absendern höchste Vorsicht geboten. Attachments solcher Mails sollten besser nicht geöffnet werden. Zudem würden Polizisten vermehrt auch für Ermittlungen auf diesem Gebiet ausgebildet. Letztes Jahr erhielten laut Lentjes 800 Frontkräfte und 150 Kripo-Ermittler eine entsprechende Grundausbildung.

Dennoch ist die Anzahl Betrugsfälle sprunghaft angestiegen: von 2386 im Jahr 2016 auf 3574 im vergangenen Jahr. Rund die Hälfte davon erfolgte via Internet oder Telefon. Eine Masche versuchten Kriminelle dabei besonders oft: Sie gaben sich am Telefon als Polizisten aus und forderten gezielt ältere Leute auf, ihr Geld herauszurücken, da es ansonsten bedroht sei. Zum Ziel kamen diese falschen Polizisten dabei 2018 nur in 41 Fällen. Aber versucht haben sie es 1782 mal.

Sprunghaft angestiegen ist in den letzten zwei Jahren auch die Zahl der Geldwäschereifälle: 218 solche Fälle wurden 2018 im Kanton Zürich erfasst; im Vorjahr waren es 151. Ein grosser Teil der Zunahme war auf im Internet angeheuerte Finanzagenten zurückzuführen, die verbrecherisch erworbenes Geld aus dem Ausland transferierten.

Einen absoluten Rekord erzielte die Kantonspolizei auf der Einnahmenseite: Sie stellte letztes Jahr 33,8 Millionen Franken krimineller Herkunft sicher, wobei ein einziger Fall massiv einschenkte. Nähere Angaben zu diesem Fall machte Lentjes nicht. Das Geld kommt in die Zürcher Staatskasse.

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