Schlieren

Die Kaffee-Tradition wird weitergereicht: Neues Team übernimmt im «Caffetino»

Die Gesichter wechseln, der Duft bleibt: An der Bahnhofstrasse wird neu Sarah Haas die Schlieremer Kaffeerösterei führen. Jürg Scheller hat sie in die Kunst des Röstens eingeführt.

Die Gesichter wechseln, der Duft bleibt: An der Bahnhofstrasse wird neu Sarah Haas die Schlieremer Kaffeerösterei führen. Jürg Scheller hat sie in die Kunst des Röstens eingeführt.

Jürg Scheller gibt nach 20 Jahren das Schlieremer «Caffetino» ab. Ein junges Team übernimmt das traditionelle Geschäft. Die Stadt spricht von einem Glücksfall für Schlieren.

Die Kaffeerösterei mitten im Schlieremer Zentrum hat mit dem Jahreswechsel den Besitzer gewechselt. Doch viel ändern wird sich nicht; die neue Geschäftsführerin steht schon seit vergangenem April an der Seite des bisherigen Chefs. Sarah Haas wurde in diesen neun Monaten von Jürg Scheller in alle Geheimnisse rund um die Kaffeebohne und die Kunden eingeweiht, wie die beiden im Gespräch erzählen.

Denn das Rösten der Kaffeebohnen lasse sich nicht einfach auf die Schnelle aus einem Buch erlernen, sagt Jürg Scheller. Es handle sich um ein Handwerk. «Dabei geht es auch um Leidenschaft und Gefühle.» Sarah Haas bestätigt dies: «Die Bohnen einer Sorte können nicht immer gleich geröstet werden, selbst wenn sie aus demselben Land stammen.» Beispielsweise kann es vor einer Ernte etwas mehr oder etwas weniger regnen, wie die beiden erklären. Dies wirkt sich auf die Bohne aus, was auch beim Röstprozess berücksichtigt werden muss. Manchmal müssen diese gleichen und doch so unterschiedlichen Bohnen deshalb eine Minute länger geröstet werden als üblich, mal müssen sie etwas kürzer in der Maschine belassen werden. «Das spürt man», sagt Haas. «Das ist eben das Gefühl und die Erfahrung, die es braucht», ergänzt Scheller.

Dass es Zeit ist, eine Nachfolgelösung für sein Caffetino, die Gourmet-Kaffeerösterei, zu suchen, hatte Scheller auch gespürt. Einen eigentlichen Grund habe es nicht gegeben, sagt er. «Ich wollte aufhören, solange mir die Arbeit noch Spass macht, und nicht zu spät», sagt Scheller. «Meinen Laden einfach zu schliessen, das hätte mir wehgetan», räumt der inzwischen frühere «Caffetino»-Besitzer ein, der sich nicht dem Ruhestand, sondern anderen, etwas ruhigeren Projekten widmen will. «Aber bei einer so guten Nachfolge, da kann ich den Laden gut den jungen Leuten überlassen.»

Die Bohne wird nicht nur im Laden verkauft

Das Geschäft übernommen hat eine Aktiengesellschaft, hinter der drei Personen mit einem Durchschnittsalter von rund 30 Jahren stehen. Einer von ihnen ist Sarahs Bruder Josua Haas, der oft als gewöhnlicher Kunde im «Caffetino» war. Sie seien alle drei vom Geschäftsmodell überzeugt, sagt er. Da sie aber das Tagesgeschäft des Cafés und der Rösterei nicht so gut wie Sarah Haas kennen, halten sie sich in diesem Bereich im Hintergrund. Als Geschäftsführerin, die das Alltagsgeschäft leitet und für alles verantwortlich ist, haben sie eben Sara Haas angestellt, die unter anderem als Managerin eines Stadtzürcher In-Cafés tätig war.

Dass sie von Zürich nach Schlieren wechselt, begründet sie mit der Vielseitigkeit, der sie im «Caffetino» begegnet. So reiche die Aufgabe vom Rösten über Verkaufs- und Beratungsgespräche im Laden bis hin zu Kundenkontakten beim persönlichen Ausliefern der bestellten Bohnen.

Es liege an ihr, das Geschäft am Laufen zu halten, das finde sie spannend, sagt Haas. Mit ähnlichen Gedanken war Scheller 1999 eingestiegen, wie er sich heute erinnert. «Ich wusste, wenn es nicht klappt, bin ich selber schuld.» Der langjährige, erfahrene Verkäufer war zufällig auf ein Zeitungsinserat gestossen, in dem eine Kaffeerösterei zum Verkauf angeboten wurde. Das habe ihn gereizt; denn beim Bohnenverkauf gehe es nicht nur darum, im Laden auf Kunden zu warten und diese zu bedienen, sondern auch aktiv nach aussen zu gehen, um neue Kunden, etwa Cafés, Bäckereien oder grosse Betriebe, zu finden. Diese Breite der Aufgabe sei reizvoll gewesen.»

Heute verkauft die Schlieremer Rösterei einerseits Kaffeebohnen direkt im Geschäft an der Bahnhofstrasse. Andererseits beliefert sie verschiedene Geschäfte und Unternehmen. In der hauseigenen Rösterei wird die erdgasbetriebene Trommel-Röstmaschine aus dem Jahr 1956 zwei- bis dreimal wöchentlich angeworfen; geröstet wird laut Scheller der Frische und der Qualität willen nur so viel, wie auch gerade verkauft wird. Dabei werde weiterhin sortenrein ­geröstet, ergänzt Haas. Es würde nicht zuerst die Kaffeemischung hergestellt und dann alle verschiedenen Bohnensorten in einem Vorgang gemeinsam geröstet; damit auf die einzelne Bohnensorte Rücksicht genommen werden könne und diese ihre Qualitäten ausspielen können, würden vielmehr zunächst die verschiedenen Sorten einzeln geröstet.

Die Kunden kamen trotz der Bauerei rundherum

Das «Caffetino» besteht seit über 70 Jahren. Für die Stadt Schlieren ist es ein wichtiges Geschäft, wie Standortförderer Albert Schweizer sagt. Einerseits weil es ein spezielles Angebot führe, andererseits weil es die Bahnhofstrasse belebe. Dass die Geschäftsübergabe derart gut geklappt habe, sei für die Stadt ein grosser Glücksfall, sagt Schweizer.

Dass ein solches Geschäft, ein ­Lädeli mit Kaffeebohnen, in der heutigen Zeit überleben kann, während rundherum Geschäfte schliessen, mag Aussenstehende überraschen. Scheller und Haas nicht: «Es stimmt alles», sagen beide. Sie verweisen auf das hochwertige Angebot und den damit verbundenen Service mit persönlicher Beratung. Dass dies Werte seien, welche die Kunden schätzen, sei ihm während des Baus der Limmattalbahn aufgefallen, sagt Jürg Scheller. «Alle Kunden suchten den Laden weiterhin auf.» Diese hätten sich zwar über Umwege oder über die schwierige Erreichbarkeit beklagt, doch gekommen seien sie dennoch. Deshalb sieht auch Sarah Haas keinen Grund, viele Veränderungen vorzunehmen. Das «Caffetino» müsse nicht auch noch Tee verkaufen, sagt sie. «Wir haben mit der Kaffeebohne eine Stärke, auf die setzen wir.»

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