Händedruck, Schlüssel in die Finger und ein «viel Erfolg»: So schnell, sagt Martin Neukom (Grüne), habe ihm sein Vorgänger Markus Kägi (SVP) am 6. Mai die kantonale Baudirektion übergeben. 106 Tage sind seit dieser kurzen Episode vergangen. Und der 33-jährige Winterthurer, der bei den Regierungsratswahlen im Frühling die grosse Überraschung schaffte, blickt erstmals zurück.

Eingeladen hat Neukom auf das Zürcher Kasernenareal. Er wirkt frisch, locker, spricht ohne Spickzettel. Es hat etwas von Steve Jobs, wie er seine Ziele und anstehenden Aufgaben direkt auf ein Tablet schreibt und sie via Leinwand den Journalisten präsentiert.

Ob der Job nicht stressig sei? Ob er nach seiner Wahl nicht die Erwartungen der Klimabewegung spüre, den Druck, nun möglichst schnell etwas zu bewegen? «Nicht gross», antwortet Neukom auf solche Fragen. «Ich denke, die Leute wissen schon, dass ich alleine nicht alles verändern kann.»

Auch als Baudirektor müsse man nach Mehrheiten suchen. «Der Kern meiner Arbeit besteht eigentlich darin, ständig Interessen abzuwägen.» Wo es um Bauprojekte geht, wollen nicht nur Parteien mitreden, sondern auch Eigentümer, Mieter sowie Interessenvertreter aus Landwirtschaft, Naturschutz und Erholung.

Die grösste Herausforderung sei die Agenda: «Mein Problem ist, dass mein Interesse viel grösser ist als die Zeit, die ich habe.» Wenn sein Arbeitstag um 7.15 Uhr beginnt, folgt meist eine Sitzung nach der anderen. Wie seine Collage zeigt, hat er es aber trotzdem geschafft, ab und zu sein Büro zu verlassen und einen Teil der 1600 Mitarbeitenden kennenzulernen.

Er besuchte das Zentrum Strickhof, erfuhr im Uetliberg-Tunnel, wie gefährlich seine Tiefbauarbeiter leben, mähte im Naturschutzgebiet Pfäffikersee eine Wiese und eröffnete mit Jacqueline Fehr (SP) die Staatsarchiv-Erweiterung. Und wenn er etwas Freizeit hatte, schrieb er an seiner Dissertation. Vor den Sommerferien konnte er seine Forschungsarbeit über neue Solarzellenmaterialien einreichen.

«Verwaltung arbeitet wie eine gut geölte Maschine»

Beeindruckt habe ihn in den ersten Tagen, was es alles brauche, um einen politischen Vorstoss zu beantworten. «Ich habe ein schlechtes Gewissen bekommen. Während meinen fünf Jahren im Kantonsrat habe ich ja einige davon eingereicht.»

Überrascht habe ihn nicht nur die positive Stimmung im Regierungsrat, sondern auch die Kultur in der Verwaltung. Entgegen vieler Vorurteile funktioniere sie sehr effizient. «Sie arbeitet wie eine gut geölte Maschine», sagt der frühere Ingenieur. «Weil viele Geschäfte über meinen Tisch müssen, bin meistens ich der Flaschenhals.»

Auf seinem Pult stapelten sich Dossiers, Briefe und Einladungen – sei es für Vorträge, Podien oder Eröffnungen. «Etwa 90 Prozent muss ich leider ablehnen.» Und wenn sich jemand brieflich beklagte, weil an einem Strassenrand eine Blumenwiese gemäht wurde, hätte er am liebsten persönlich geantwortet. «Aber meistens hat halt anderes Priorität.»

Da jedoch die Mühlen der Verwaltung auch unter Martin Neukom nicht viel schneller mahlen, hat er bis jetzt noch nicht viel Konkretes in Sachen Klimaschutz umsetzen können. Als Beispiel nennt er die Renovation der Kantonsschule Im Lee in Winterthur, wo sich Schülerinnen und Schüler mittels einer Petition gegen die Erneuerung der bestehenden Gasheizung gewehrt haben. Neukom will nun prüfen, ob nicht doch eine Fernwärme-Lösung realisiert werden kann.

Vorwärts machen will er auch dort, wo gestern der 100-Tage-Anlass stattgefunden hat: auf dem Kasernenareal in Zürich. Die vor den Wahlen noch bürgerliche Mehrheit im Kantonsrat hatte sich erfolgreich dagegen gewehrt, das Land der Stadt Zürich zu verkaufen. Mit den neuen Mehrheitsverhältnissen im Kantonsrat hat sich die Ausgangslage geändert. «Als Regierungsrat werde ich aber nicht vorpreschen», sagt Neukom. «Ich möchte einen Auftrag des Parlaments.» Dabei liess er durchblicken, dass mögliche Varianten, wie etwa die bisherige Vorlage oder ein Verkauf des Areals, geprüft würden. «Wichtig ist, dass es zügig vorwärts geht, weil die Bausubstanz marode ist.»