Grundversorgung

Der stille Tod der Telefonkabine: Hier kann im Limmattal noch öffentlich telefoniert werden

Vor 136 Jahren begann in der grössten Stadt der Schweiz das Zeitalter öffentlicher Telefonkabinen. Die erste wurde bei der Zürcher Fraumünster-Post eröffnet. Inzwischen hat neue Technik viele Telefonkabinen obsolet gemacht.

3100 solche sogenannten Publifone gibt es heute noch. Vor zwanzig Jahren waren es noch über 10 000 mehr.

Der Abbau könnte künftig noch rasanter vonstattengehen. Denn mit der neuen Grundversorgungskonzession der Swisscom fällt die Pflicht weg, in jeder Gemeinde eine Telefonkabine zu betreiben. Bisher durfte die Swisscom das letzte Publifon einer Gemeinde nur dann entfernen, wenn die Gemeinde dazu ihren Segen gibt. Ab 1. Januar 2018 ist dieses Vetorecht passé. Die Swisscom versichert aber, die Gemeinden über anstehende Schliessungen jeweils in Kenntnis zu setzen.

..

Auch für Ausländer unattraktiv

Welches Publifon im Limmattal als nächstes betroffen ist, ist noch offen. «Bis 2017 ist im Limmattal noch keine Schliessung vorgesehen. Die Planung fürs 2018 ist noch am Entstehen», sagt Swisscom-Sprecherin Sabine Hubacher. Um die Schliessungspläne zu erklären, macht die Swisscom diverse Angaben. So sind die meisten Telefonkabinen nicht kostendeckend und über 1000 Kabinen bleiben über Tage hinweg unbenutzt.

Die Anzahl Gespräche über Publifone sind zwischen 2004 und 2016 um 95 Prozent zurückgegangen. Und allein letztes Jahr nahmen sie wieder um 30 Prozent ab. Wieso es nach dem Niedergang der letzten Jahre überhaupt noch einen derart starken Rückgang geben kann, lässt sich erklären.

Zuletzt waren die Publifone, wenn überhaupt, vor allem für Anrufe ins Ausland attraktiver als Anrufe mit dem Handy. Vermehrt kehren aber auch Ausländer den Publifonen den Rücken: Der Rückgang internationaler Gespräche via Publifon ist überproportional stärker als jener bei den nationalen Gesprächen. «Die Verlagerung zu anderen Diensten ist offensichtlich», sagt Hubacher. Auf internationale Anrufe spezialisierte Anbieter sowie Skype und Whatsapp sind attraktiv für Gespräche in die weite Welt hinaus. Die tiefen Nutzungszahlen der Publifone und der weiterhin stark rückläufige Trend war denn auch für den Bundesrat Argument genug, die Telefonkabinen-Pflicht aus den Auflagen zur Grundversorgungskonzession zu streichen.

Heute betreibt die Swisscom nur noch 300 Publifone freiwillig, also ausserhalb dieser Pflicht. Davon ausgehen, dass diese 300, zu denen auch drei Publifone in Schlieren gehören, alle rentabel sind, darf man aber nicht. Die Betriebskosten der Publifone sind denn auch je nach Standort sehr unterschiedlich. Faktoren sind insbesondere die Miete, der Unterhalt, die Wartung sowie Reparaturkosten infolge Vandalismus. Zahlen zu diesen Faktoren nennt die Swisscom keine.

Als die PTT aufgeteilt wurde

Im Limmattal gibt es schon heute in fünf Gemeinden keine Telefonkabinen mehr. So etwa auch in Bergdietikon. Das war aber nicht immer so. Der Bergdietiker alt Gemeinderat Werner Weibel erinnert sich: «Bei den ehemaligen Poststellen in Kindhausen und an der Bergstrasse gab es früher je eine Telefonkabine.» Diese seien aber schon entfernt worden, bevor die Poststellen geschlossen wurden. In Kindhausen schloss die Post im Jahr 2001, an der Bergstrasse 2015.

Zumindest die Kindhauser Telefonkabine dürfte also – wie viele andere auch – Ende der 1990er-Jahre geschlossen worden sein. Das passt auch insofern, als der Staatsbetrieb PTT per 1998 in die beiden Konzerne Post und Swisscom aufgeteilt wurde. Es liegt nahe, dass bis dahin im Rahmen des staatlichen Service public noch in praktisch jeder Gemeinde eine Telefonkabine stand. 1999 begann dann die Zahl der Telefonkabinen im Land zu sinken, nachdem sie von 1996 bis 1998 den Höchststand von 13'400 erreichte. Auch in Geroldswil, Uitikon, Oetwil und Aesch sind sie verschwunden. Allein im Jahr 2000 fielen 2100 Publifone weg. In keinem anderen Jahr war der Abbau grösser.

Damit zurück an den Ort, wo alles begann: Die Telefonkabine bei der Zürcher Fraumünster-Post – die erste im Lande – wurde 2014 entfernt. Auch die Entfernung des dortigen roten Telefons ging ohne rote Köpfe, ohne Proteste und ohne Schlagzeilen vonstatten. «Swisscom investiert in zeitgemässe und neue Technologien und damit nicht mehr ins Publifon. Mittelfristig – in den nächsten paar Jahren – wird das Publifon ganz verschwinden», sagt Hubacher. Die Swisscom wird also noch zahlreiche Gemeinden über anstehende Publifon-Schliessungen informieren müssen. Im ganzen Kanton Zürich sind es 370 öffentliche Publifone. 150 davon stehen in der Stadt Zürich. Gleichzeitig kommen in der Schweiz auf 100 Einwohner ganze 130 Handys.

Lesen Sie ausserdem: Was Limmattaler Gemeinden zum Telefonkabinen-Abbau sagen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1