Wahlen 2019

Das Limmattal wählt seine Kantonsräte: So kämpfen Parteien um die Wählergunst

Wo künftig das neue Alterszentrum entstehen soll, herrscht derzeit noch Plakate-Wildwuchs. Kandidierende aller Parteien buhlen um die Aufmerksamkeit der Wähler, die beim gegenüberliegenden Geissweidplatz auf den Bus warten oder in ihren Autos auf der Badenerstrasse vorbeifahren.

Wo künftig das neue Alterszentrum entstehen soll, herrscht derzeit noch Plakate-Wildwuchs. Kandidierende aller Parteien buhlen um die Aufmerksamkeit der Wähler, die beim gegenüberliegenden Geissweidplatz auf den Bus warten oder in ihren Autos auf der Badenerstrasse vorbeifahren.

Ob mit Augmented-Reality-Videos oder mittels altgedienter Telefon-Aktion: Die regionalen Parteien zeigen sich in der heissen Phase kurz vor den Regierungs- und Kantonsratswahlen vom 24. März von ihrer besten Seite.

Die Würfel fallen am nächsten Sonntag. Dann entscheidet sich, wer den Kanton Zürich in den kommenden vier Jahren regiert und wie der Kantonsrat für die nächste Legislatur zusammengesetzt sein wird. Wer überzeugt die Wähler am 24. März und klettert Listenplätze hinauf? Wer muss bangen und die Abwahl fürchten? Nun, da wir uns inmitten der heissen Wahlkampf-Phase befinden, soll ein Blick in die strategischen Überlegungen der Parteien zeigen, wer sich ins Zeug legt und wer mit zukunftsweisenden Innovationen auffährt. Allen Parteien ist aber gemeinsam, dass sie nicht auf den direkten Kontakt mit Bürgern verzichten und somit oft in Stadt- und Dorfzentren Flyer verteilen.

Augenscheinlich ist, dass der Wahlkampf in der Region so umkämpft ist, wie schon lange nicht mehr. So leckten Grünliberale, Grüne und Sozialdemokraten bei den Regionalwahlen vom vergangenen Jahr Blut. Diese Parteien konnten im Schlieremer Gemeinderat zulegen, erstmals seit 24 Jahren sind die Sozialdemokraten wieder die stärkste Kraft. Die Grünliberalen zogen mit Andreas Kriesi gar in den Stadtrat ein. In Dietikon schaffte der Grüne Lucas Neff die Wahl in die Exekutive und auch hier legte die SP im Gemeinderat zu. Die bürgerliche Dominanz in der Agglomeration sei am Bröckeln, konstatierte das «Regionaljournal» von SRF jüngst. Denn mit der steigenden Urbanisierung des Limmattals würden die Kleinstädte auch tendenziell linker. Zeigt sich dieser Trend auch bei der Anzahl Standaktionen und beim Wahlkampfbudget? Die Nachfrage bei den Verantwortlichen zeigt Interessantes.

GLP
Anzahl Standaktionen: 11
Budget: 16 000 Franken

Die Grünliberalen des Bezirks Dietikon zeigen, dass sie nicht nur mit dem Einsatz für technologische Innovation kokettieren, sondern deren Erzeugnisse bewusst einsetzen. Sie führen nämlich ein Novum für den Wahlkampf im Bezirk ein: die Augmented Reality. Um in diese «erweiterte Realität» einzutauchen, braucht man die App «Xtend» auf seinem Smartphone. Denn so lässt sich der QR-Code auf der Wahlwerbung der Urdorfer GLP-Kantonsrätin Sonja Gehrig scannen. Anschliessend erscheint auf dem Smartphone-Bildschirm ein Video, das in die Realität gepflanzt wurde und seine Position nicht verändert. «Als Grünliberale unterstützen wir innovative Ideen und sind digital zukunftsorientiert, andererseits setzen wir auf Altbewährtes und sind mindestens ein Mal wöchentlich an Standaktionen anzutreffen», sagt Gehrig auf Nachfrage. Aufgrund des begrenzten Budgets stellten die Kandidaten alle Plakate selber auf: «Das stürmische Wetter der vergangenen Wochen verlangte von uns mehrmaliges Ausrücken», so Gehrig weiter.

> Besonders aufgefallen: das Augmented-Reality-Video von Kantonsrätin Sonja Gehrig.

SP
Standaktionen: 18
Budget: Mehrere 10 000 Franken

Die Sozialdemokraten veranstalteten bereits im ganzen Kanton Tür-zu-Tür-Aktionen, wie der Wahlkampfverantwortliche Pascal Leuchtmann auf Anfrage sagt. «Beim direkten Kontakt mit den Leuten ermuntern wir sie zur Teilnahme an den Wahlen und portieren unsere Anliegen wie etwa die Prämien-Entlastungs-Initiative», sagt er. Neben dem direkten Kontakt bei zahlreichen Standaktionen will die SP auch über das Telefon Wähler mobilisieren. Beinahe täglich erscheinen auf den sozialen Medien Fotos von Politikern mit dem Telefon in der Hand. Besonders an Samstagen werde dies praktiziert, so Leuchtmann. Richtlinien bezüglich der Nutzung von sozialen Medien gebe es nicht, doch verfüge man über alterfahrene Leute in diesem Bereich. «Unsere grösste Herausforderung war das Wetter. Der Sturm riss einige unserer Plakate weg. Wir mussten schleunigst einen Reparaturtrupp losschicken», so Leuchtmann.

> Besonders aufgefallen: Kandidatin Rixhil Agusi, die mit der SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr an einem Podium in der islamisch-albanischen Moschee in Zürich teilnahm.

SVP
Standaktionen: Mindestens 11
Budget: rund 25 000–30 000 Franken

Der Dietiker Kantonsrat Rochus Burtscher sagt, man habe es sich zum Ziel gesetzt, neue Klientel anzusprechen. Dies will die Partei mit Schwarz-weiss-Sujets auf ihren Plakaten erreichen. Sie würden gegenüber jenen anderer Parteien hervorstechen. Burtscher spricht von Charaktereigenschaften der Kandidaten, die durch die Fotos hervorgehoben würden. Besonders stolz sei er auf die Junge SVP, die den Anlass «Zäme zämestah» ins Leben gerufen haben. Neben der regulären Wahlwerbung sorgt jeder einzelne Kandidierende für eigene Give-aways. Eines der originellsten dürften die Smarties mit dem SVP-Logo oder mit dem Foto des Kandidaten sein. Burtscher kommt zudem die Rolle des Social-Media-Wächters zu. «Alles, was gepostet wird, wird vorher abgesprochen, sodass es hoffentlich keine Unfälle gibt», sagt er. Schwierigkeiten seien denn auch noch keine aufgetreten: «Wir wären aber darauf vorbereitet. Sollten Schwierigkeiten auftauchen, haben wir dafür ein Führungsgremium.» Bei den Standaktionen setzt die SVP auf viel Spektakel. So ist stets das Maskottchen der Partei, das Sünneli, mit von der Partie. Im flauschigen Kostüm stecken laut Burtscher in wechselnder Besetzung Kandidierende, Parteimitglieder oder Angehörige von Kandidierenden. Das Sünneli habe sich als Publikumsmagnet erwiesen.

> Besonders aufgefallen: Die Personen, die als SVP-Sünneli verkleidet, die Standaktionen aufpeppen.

Grüne
Standaktionen: 5
Budget: 21 000 Franken

Viele Augen sind derzeit auf die Grünen gerichtet. Schaffen sie es mit den ermutigenden Wahlprognosen, den vor vier Jahren verloren gegangenen Sitz von Patricia Ljuboje zurückzuerobern? Sprecher Dominik Ritzmann verweist darauf, dass seine Partei die Menschen von der Dringlichkeit der grünen Forderungen überzeugen wolle. Dem Wahlkampf sind dabei keine engen Grenzen gesetzt. Richtlinien bezüglich des Umgangs mit den sozialen Medien haben die Grünen Limmattal nicht. «Wir erwarten von unseren Kandidaten genug Verantwortungsbewusstsein», so Ritzmann. Hervorgetan hat sich Spitzenkandidat Manuel Kampus, der im Rahmen eines Sponsorenessens mit Regierungsratskandidat Martin Neukom im Stürmeierhuus den Kochlöffel schwang. Für ihn als gelernter Koch eine Ehrensache.

> Besonders aufgefallen: Dominik Ritzmann, der am Benefiz-Essen im Stürmeierhuus das Servieren übernahm.

EVP
Standaktionen: 5
Budget: 20 000 Franken

Die Herzen der Wähler will die Limmattaler EVP mit klassischen Give-aways wie etwa Gummi-Herzen und Post-its erobern, wie Dietiker Ortsparteipräsidentin Christiane Ilg-Lutz auf Anfrage sagt. Daneben setze man auf die bewährten Inhalte. Die Partei will im Limmattal den vor acht Jahren verlorenen Sitz im Kantonsrat zurückgewinnen. Dieses Ziel will die Partei unter anderem auch mit einem Online-Wahlkampf schaffen. So führte die Kantonalpartei verschiedene Schulungen bezüglich sozialer Medien durch. Die vermittelten Richtlinien sind simpel: Es werden keine diskriminierenden Aussagen toleriert und ein fairer Umgang mit Andersdenkenden ist ein Muss.

> Besonders aufgefallen: Nadine Burtscher, die sich im Projekt «Deine Stimme zählt» engagiert.

FDP
Anzahl Standaktionen: 7
Budget: Keine Angabe

In der Stadt Zürich und im Bezirk Bülach veranstaltet die FDP das Projekt «Door to door». Kandidierende besuchen die Leute zu Hause und kommen so mit ihnen ins Gespräch. «Wir haben uns zwar noch nicht angeschlossen, aber die ersten Erfahrungen sollen sehr gut gewesen sein. Bei einem der nächsten Wahlkämpfe werden wir es auch in der einen oder anderen Gemeinde ausprobieren», sagt Barbara Angelsberger. Die Leiterin des Wahlkampfs der Bezirkspartei hat an ihrer Funktion grosse Freude, da die Kandidierenden sehr motiviert, ständig unterwegs und sehr präsent seien. Auch die FDP hat ihre Kandidierenden im Bereich Social Media geschult. Auf richtige Widerstände sei die Partei in diesem Wahlkampf nicht gestossen, wie Angelsberger sagt. Einzig, dass der Klimawandel zusehends ein Thema geworden sei, war nicht vorhersehbar gewesen. «Darauf wurde aber richtig reagiert, indem unterstrichen wurde, dass die FDP in diesem Bereich schon lange aktiv ist», so Angelsberger.

> Besonders aufgefallen: Der 34-jährige Unterengstringer Gemeinderat Yiea Wey Te, der auf seinen Social-Media-Kanälen von seinen Aktivitäten berichtet, ist omnipräsent. Unermüdlich ist er beinahe jeden Abend in einer anderen Gemeinde unterwegs.

EDU
Standaktionen: keine Angaben
Budget: 10 000 Franken

Ein Novum im Limmattaler Wahlkampf hat die EDU nicht zu bieten. Der für den Wahlkampf verantwortliche Wettswiler Kantonsrat Hans Peter Häring verweist aber auf die Initiative «Mehr Geld für die Familie», die in diesem Zusammenhang lanciert wurde. «Wir sprechen konservative Menschen an, denen die christlichen Werte noch etwas bedeuten», sagt Häring weiter. Bezüglich der sozialen Medien hätten die EDU-Mitglieder vor allem ein Motivationsproblem, so Häring. «Sie trauen sich nicht mehr, zum Evangelium zu stehen.»

> Besonders aufgefallen: Die EDU stellt mit Valeria Meier die jüngste Kandidatin des Bezirks. Sie ist 18 Jahre alt.

AL
Anzahl Standaktionen: 1
Budget: 1000 Franken

Im Gespräch bleiben wolle die Alternative Liste mit Vorschlägen, die nur von ihr kommen würden, sagt Präsident Ernst Joss. «Damit ist etwa die Fusion der Städte Schlieren und Dietikon mit Zürich oder die Verlängerung der Tramlinie 13 auf der rechten Limmattalseite gemeint», präzisiert er. Mit lediglich einer Standaktion im Limmattal bildet die AL das Schlusslicht aller politischen Parteien bezüglich der Anzahl Standaktionen. Doch sei man auch oft in Zürich, dem Kernland, wie Joss es nennt, anzutreffen.

> Besonders aufgefallen: Der Dietiker Leandro Putzengruber ist mit seinen 18 Jahren der jüngste Kandidat im Bezirk.

CVP
Anzahl Standaktionen: Keine Angaben
Budget: Keine Angaben

Die CVP ist präsent. Besonders in Dietikon scheint es, sie habe so viele Wahlplakate wie alle anderen Parteien zusammen. Auf digitalen Plattformen ist die Partei weniger präsent. Über eine Facebook-Seite verfügt die Bezirkspartei nicht. Allerdings stechen einzelne Kandidierende auf Social Media hervor. So etwa Janine Vannaz aus Aesch und Ingo Engelmann aus Uitikon. Und Josef Wiederkehr hat auf Facebook und Twitter vierstellige Followerzahlen und ist dort sehr aktiv. Zudem erhält die Bezirkspartei tatkräftige Unterstützung ihrer Regierungsrätin Silvia Steiner, die gleich an mehreren Standaktionen und Anlässen im Limmattal teilnahm.

> Besonders aufgefallen: Janine Vannaz, die sich auf Instagram und Facebook gekonnt inszeniert.

BDP
Anzahl Standaktionen: Keine Angaben
Budget: Keine Angaben

Die BDP ist auf keinem digitalen Kanal aktiv. Zwar wird auf der Website der Spitzenkandidat Martin Romer aus Dietikon porträtiert, doch setzt die Partei stark auf Plakatwerbung. Von diesen sind in Dietikon zahlreiche aufgehängt, kaum eine Ecke, in der Romers Antlitz einem nicht entgegen lächelt. Ob dies allerdings reicht, um den Sitz des ehemaligen Kino-Betreibers im Kantonsrat zu verteidigen, wird sich erst zeigen.

> Besonders aufgefallen: Die Präsenz Romers im Dietiker Stadtbild.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1