Dietikon

Das Figurentheater von Delia Dahinden geht mit seinem dritten Stück auf Tournee

Sie bringen das Erben auf die Theaterbühne: die Dakar-Produktionen mit der Dietiker Gründerin Delia Dahinden (von links), Lukas Roth und Anna Karger.

Sie bringen das Erben auf die Theaterbühne: die Dakar-Produktionen mit der Dietiker Gründerin Delia Dahinden (von links), Lukas Roth und Anna Karger.

Acht Figuren ergänzen das dreiköpfige Ensemble und gemeinsam tauchen sie ein in eine Geschichte über das Erben im materiellen und im immateriellen Sinn. Die Premiere wurde letztes Wochenende im Rahmen des Internationalen Basler Figurenfestivals gefeiert. Ab heute wird das Stück viermal im Zürich gezeigt. Danach stehen Winterthur, Uster, Zug und Aarau auf dem Programm.

Sie sitzen in Bananenkisten und schauen forsch ins Publikum: Die Darstellergruppe, bestehend aus Delia Dahinden, Anna Karger und Lukas Roth, hat sich aber merklich verändert. Wurden die drei kleiner und jünger und bewahren dabei den Geist erwachsener Seelen? Nein, es handelt sich um Puppenversionen des Trios, die nun auf der Bühne zu sehen sind. Derweil stehen ihre realen Vorbilder direkt hinter ihren kindlichen Doppelgängern.

Es ist eine Szene aus «Mit der Zeit muss man gehen», dem mittlerweile dritten Stück des Figurentheaters Dakar-Produktion, das von der Dietikerin Delia Dahinden gemeinsam mit Anna Karger vor fünf Jahren gegründet wurde. Später stiess Roth dazu. Wiederum haben sie ein Stück «mit Puppen und Menschen» kreiert, wie es im Programmheft heisst. Acht Figuren ergänzen das dreiköpfige Ensemble und gemeinsam tauchen sie ein in eine Geschichte über das Erben im materiellen und im immateriellen Sinn.

«Es ist unser erstes Stück, das wir selber geschrieben haben», sagt Dahinden. Die vorherigen Stücke «Hin ist Hin» und «Matto regiert» basierten auf Klassikern der Literatur. Die Herangehensweise an die neue Produktion war deshalb eine ganz andere. Die Arbeit begann vor anderthalb Jahren. «Wir liessen unseren Ideen freien Lauf und diskutierten, in welche Richtung wir mit unserem Theater gehen möchten», so Dahinden.

Wir, das sind nicht nur die Dietiker Theatermacherin sowie ihre Partner Karger und Roth, sondern auch Martin Schumacher, der die musikalische Leitung innehat, die Dramaturgin Gabi Mojzes, der Co-Autor Dominik Busch und Dorothee Metz, die Berliner Regisseurin. «Es war, als würde man bei Dunkelheit aufs Meer hinausfahren und plötzlich geht die Sonne auf», sagt Metz. «Es hätte alles werden können», fügt Karger an. In der Tat war zu Beginn unklar, ob man überhaupt mit lebensgrossen Figuren spielen möchte wie bis anhin. Schliesslich haben sich die Puppen doch durchsetzen können.

Entstanden ist ein Stück, das dank dem Thema des Erbens tief in die Abgründe einer Familie blickt. «In jeder Familie gibt es vergrabene Hunde, die irgendwann zum Vorschein kommen», sagt Dahinden. Im Stück sind es drei erwachsene Geschwister (Dahinden, Karger und Roth), die in ihrem Elternhaus mit der Vergangenheit konfrontiert werden. Ihre jüngeren Versionen durchleben nochmals Stationen aus der Kindheit, hinzukommen die verstorbenen Eltern sowie weitere Charaktere. «Auch wenn die Idee von uns stammt, so ist das Stück nicht autobiografisch zu verstehen», sagt Dahinden.

Die Klappmaul-Puppen lassen eine grosse Mimik-Bandbreite zu

Alle Figuren wurden wiederum von Dahinden angefertigt. Es sind sogenannte Klappmaul-Puppen, die durch ihre Kiefer-Bewegung eine grosse Bandbreite an Mimik zulassen. Der Kopf besteht dabei aus Schaumstoff, den Dahinden nach Fotos ausgewählter Personen formt, ohne diese kopieren zu wollen. «Manchmal benötige ich Zeitdruck, um die Puppen fertigzustellen», gesteht sie. Sind diese aber erbaut, haben sie einen festen Platz in Dahindens Welt. Mittlerweile hat sie ein ganzes Lager voller Puppen, so sehr sind sie ihr an Herz gewachsen.
Beim aktuellen Stück gab es aber eine entscheidende Neuheit: «Es war eine ziemliche Herausforderung, drei Puppen nach mir, Anna und Lukas zu modellieren», so Dahinden. Sie sollten erwachsene Gesichter, aber kindliche Körper haben. «Das erste Mal hatte ich Angst zu scheitern.» Diese Angst war unbegründet. «Auch wenn die Ähnlichkeit nicht sofort bemerkbar ist, spürt man sie nach einer Weile», so Roth. Und auch Karger könnte nicht glücklicher sein mit ihrer kleinen Doppelgängerin.

Für die Regisseurin Dorothee Metz ist das Inszenieren mit Puppen anders als mit Darstellern aus Fleisch und Blut. «Ein Schauspieler zeigt in einem herkömmlichen Stück seine ganze Präsenz, in einem Figurentheater hingegen versenkt der Spieler seine Präsenz in den Puppen», sagt sie. Es gehe ihr weiter darum, das Publikum in die Aura der Puppen hineinzuziehen. «Der Zuschauer gestaltet so sein Theatererlebnis mit, er kann Emotionen sehen, die in den Gesichtern eigentlich gar nicht vorhanden sind.»

Mit dem neuen Stück hat sich Dahinden auch einen lang gehegten Traum erfüllt. «Ich wollte schon immer ein Fernsehgerät auf der Bühne haben und hier konnte ich diese Idee endlich umsetzen.» Das bedeutet, dass Mensch und Puppe auf der Bühne auch in ein TV-Gerät schauen. «Es fasziniert mich, dass der Fernseher früher für Familien so wichtig war. Man traf sich am Samstagabend vor dem TV und schaute beispielsweise die ‹Peter-Alexander-Show›.» Ein verbindendes Element, das nun auch im neuen Stück eine Rolle spielt.

«Mit der Zeit muss man gehen» geht nun auf Tournee. Die Premiere wurde letztes Wochenende im Rahmen des Internationalen Basler Figurenfestivals gefeiert. Ab heute wird das Stück viermal im Zürcher Theater Stadelhofen gezeigt. Danach stehen Winterthur, Uster, Zug und Aarau auf dem Programm. «Wir konnten uns mit den letzten beiden Produktionen einen Namen machen», sagt Dahinden nicht ohne Stolz.

Nur für die Regisseurin Dorothee Merz ging mit der Premiere die Reise zu Ende, ihre Aufgabe ist erfüllt. «Es ist wie jedes Mal nach einer Inszenierung, ich fahre voller wildem Glück davon», sagt sie. Das unbändige Vermissen setze erst eine Weile später ein.

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