Ein Phönix und ein Drache ranken sich um einen hölzernen Türbogen. Darüber hängt ein grosses Bild, das drei Bambus fressende Pandas zeigt. Es scheint so, als würden sie über die unter ihnen speisenden Gäste wachen. Der dicke, lachende Buddha neben der Ausschanktheke tut es ihnen gleich. Das Restaurant Golden Bambus in Dietikon ist an diesem Freitagabend gut besetzt. Es duftet nach Süss-sauer-Sauce und scharf angebratenem Fleisch. Kien Hon Tran wuselt durch die chinesische Gaststube, schenkt Getränke ein, tischt auf und räumt Teller ab. Gerade verabschieden sich ein paar Gäste. Einer von ihnen nimmt die kleine Wirtin herzlich in den Arm und hebt sie dabei sogar in die Luft. Die Gäste verlassen das Restaurant nicht nur mit einem Lächeln, sondern auch mit zwei Rosen, die ihnen die Gastgeberin in die Hand drückt.

Mehr Zeit für die Familie

Seit fast 30 Jahren wirten Kien Hon Tran, ihr Bruder Van Ban Tran und ihre Schwester Mandy Tran im «Golden Bambus» — dem ältesten chinesischen Restaurant in Dietikon. Doch bald soll Schluss damit sein. Die Geschwister wollen spätestens Ende Jahr aufhören. «Ich bin im Dezember 65 Jahre alt geworden und im Mai werde ich zum ersten Mal Grossvater. Ich möchte mehr Zeit für meine Familie haben», sagt Van Ban Tran. Zudem wolle er Reisen unternehmen und andere Esskulturen kennenlernen. «Japan und Thailand interessieren mich besonders.» Und auch seine Schwestern, die von Anfang an dabei seien, hätten eine Pause verdient. Im Restaurant selbst ist Tran selten anzutreffen. Sein Reich ist die Küche.

Im Juni 1990 eröffnete er die Gaststätte. «Ich wollte mich selbstständig machen. Ein eigenes Restaurant zu haben, schien damals die einzige Möglichkeit, mir diesen Wunsch zu erfüllen», sagt Tran. Der Maschinenbauer stand von einem Tag auf den anderen in der Küche. «Ich habe keine Kochlehre absolviert, sondern mir alles selber beigebracht.» Auf traditionelle Rezepte seiner chinesischstämmigen Familie griff er nicht zurück. «Ich liess mich von anderen Köchen inspirieren, wenn ich essen ging oder wenn ich auf Reisen war», erzählt der Vater zweier erwachsener Töchter. Seine Kinder sagten immer, dass er die Gabe habe, mit der Zunge alle Zutaten aus Gerichten herauszuschmecken. Von dieser machte er zu Hauf Gebrauch. «Die Rezepte aller Speisen auf der Karte stammen von mir oder wurden von mir verfeinert.» Tran merkte schnell, dass er die chinesische Küche dem europäischen Gaumen anpassen muss. «So verwende ich anstatt Fischsauce zum Beispiel normales Salz.»

Vor allem die ersten Jahre lief das Restaurant mit dem damals noch sehr exotischen Essen besonders gut. «Es gab sehr wenige chinesische Lokale in der Umgebung. Einige Gäste reisten sogar von St. Gallen oder aus dem Aargau an», erinnert sich Tran, der mit seiner Frau in Wettingen lebt. Frühlingsrollen, Poulet süss-sauer und Rindfleisch Szechuan seien seit dem ersten Tag der Renner.

Nicht nur der Traum von der Selbstständigkeit bewog den Koch vor fast 30 Jahren, Gastronom zu werden. Sein Familiensinn war ebenso ausschlaggebend. «Es war mir wichtig, etwas aufzubauen, wovon die ganze Familie profitieren kann.» Zu Beginn arbeiteten nicht nur er und seine beiden Schwestern, sondern vier weitere Familienmitglieder im «Golden Bambus». «Später machte sich einer meiner Brüder auch selbstständig und eröffnete ein Lokal in Schaffhausen», sagt Tran.

Auch wenn er sich auf seine Pensionierung freue, falle es ihm nicht leicht, loszulassen. «Ich bin ein Workaholic. Meine Töchter mussten mich überreden, endlich aufzuhören», sagt Tran und lacht. «Zudem werden wir unsere Gäste sehr vermissen», sagt Kien Hon Tran. Viele würden sie seit den Anfängen kennen. «Manche assen bei uns schon, als sie noch Kinder waren. Es ist wie zu einer Tradition geworden. Nun kommen sie mit ihren Kindern zu uns.» Über die Jahre sind sich die Wirte und ihre Gäste ans Herz gewachsen. «Manchmal bringen uns Gäste Blumen oder Geschenke. Es ist ein schönes Gefühl, dass sie unsere Arbeit schätzen», sagt die 59-jährige Dietikerin. Doch irgendwann einmal müsse man einen Schlussstrich ziehen.

Mit viel Liebe eingerichtet

Etwas liegt der Familie aber noch am Herzen: eine gute Nachfolgelösung. Doch die gestaltet sich schwierig. Die meisten Verwandten würden in einer anderen Branche arbeiten. «Meine älteste Tochter käme als einzige infrage. Sie ist im Gastrobereich tätig, mit ihrem Food-Truck jedoch selbst ausgelastet», sagt Van Ban Tran. «Ich wünsche mir, dass jemand das Restaurant mit der ganzen chinesischen Dekoration übernimmt.» Der 65-Jährige zeigt auf die chinesischen Figuren, die überall in der Gaststätte verteilt sind und blickt dann zur Decke hoch. Goldene Phönixe und Drachen räkeln sich auf den Holzplatten. «Meine Familie und ich haben das Restaurant mit viel Liebe eingerichtet. Es wäre schön, wenn sich eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger findet, die das schätzen», sagt Tran. Dann würde er das «Golden Bambus» sogar vor Jahresende abgeben.