Urdorf

Bruno Weibel steht kurz vor den dritten Gesamtsieg – nächstes Jahr will er allerdings eine Auszeit nehmen

Fährt der Urdorfer Mitte Oktober beim Saisonfinale der Europameisterschaft der historischen Rennwagen im portugiesischen Estoril mit seinem Lotus 22 mindestens so gut wie sein ärgster Konkurrent, steht er erneut auf dem obersten Treppchen.

Ein Rennwochenende vor Saisonschluss spricht vieles dafür, dass Bruno Weibel heuer nach 2015 und 2017 zum dritten Mal die Gesamtwertung der Europameisterschaft der historischen Formel Junior, auch «Lurani Trophy» genannt, für sich entscheiden wird. Fährt er Mitte Oktober beim Saisonfinale im portugiesischen Estoril mit seinem Lotus 22 mindestens so gut wie sein ärgster Konkurrent, steht er erneut auf dem obersten Treppchen. Den Kategoriensieg in der Königsklasse der Formel Junior, der Kategorie E1, hat er nach seinem jüngsten Erfolg am Historic Grand Prix im niederländischen Zandvoort bereits auf sicher. Bemerkenswert: Weibel sicherte sich den Klassensieg zum fünften Mal in Folge! Und dies gänzlich ohne technischen Ausfall, was bei einem Rennwagen mit Jahrgang 1962, dessen Motor bis auf 9000 Touren dreht, keineswegs selbstverständlich ist.

 Dass sich der 41-Jährige am vorletzten Wochenende in den Niederlanden als grosser Sieger feiern lassen konnte – die Resultate des Samstags- und des Sonntagsrennens werden addiert – war das Ergebnis von harter Arbeit im Cockpit. Der Urdorfer fuhr das beste Qualifying und durfte so in beiden Rennen von der Poleposition starten. Er kam beide Male sehr gut weg und führte die europäische Elite der Formel Junior in die enge Kurve am Ende der Zielgeraden. Nach dem grossen Sieg im ersten Rennen musste er sich am Sonntag in der letzten Runde vom Schotten Mark Shaw überholen lassen. Dank des grossen Vorsprungs aus dem Vortag vermochte Weibel die Wochenend-Wertung dennoch für sich zu entscheiden. Pech für den Limmattaler: Er verpasste die Chopard-Uhr, die es in Zandvoort nur für den Sieger des Sonntagsrennens gibt. Für den Erfolg im Samstagsrennen kriegte er gerade mal einen Kranz und einen Pokal in die Hand gedrückt. «Dumm gelaufen», meinte Weibel nur, «es war knapp. Aber ein anderer war halt ein wenig schneller.»

«Ich glaube, eine Pause vom Rennsport würdemir guttun.»

Bruno Weibel in seiner Autogarage vor den gewonnenen Trophäen.

«Ich glaube, eine Pause vom Rennsport würdemir guttun.»

Eigentlich viel zu gross für solche Autos

Bange machen gilt nicht, und darum steuert Bruno Weibel mit Vollgas Richtung entscheidendes Rennwochenende in Estoril Mitte Oktober. Als der Urdorfer 2015 und 2017 die Europameisterschaft für sich entscheiden konnte, fand das letzte Rennen des Jahres ebenfalls in Portugal statt. Ein gutes Omen? «Ich habe jedenfalls beste Erinnerungen», meint Weibel schmunzelnd. Die Planung für den Abstecher nach Estoril läuft bereits auf Hochtouren. Die Familie wird ihm an der Strecke die Daumen drücken.

Wer Bruno Weibel in seinem roten Lotus-Boliden sitzen sieht, Arme und Beine angewinkelt, wie er jeden Zentimeter der Fahrerkabine ausnützt, kommt kurz ins Grübeln. Wie kommt der gute Mann eigentlich in sein Fahrzeug? Und, vor allem, wie kommt er wieder heraus? Der 184 Zentimeter grosse Urdorfer kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Natürlich habe er nicht Idealmasse für einen Autorennfahrer. «Aber», so Weibel, «ich kann gut improvisieren.» Will heissen, dass er keinen eigentlichen Sitz im Auto hat («den habe ich rausmontiert»), sondern sich in Marke Eigenbau eine Schaumstoff-Sitzschale gebastelt hat. «Das klappt bestens», sagt Weibel, «ich passe so perfekt ins Auto.»

Den Sechspunkte-Sicherheitsgurt ziehe er jeweils nach den Aufwärmrunden so stramm, «dass da nichts mehr rutscht.» Raus aus dem Gefährt komme er auch jedes Mal problemlos. «Ich kann die Zuschauer beruhigen, ich habe noch jedes Mal nach der Zieldurchfahrt aus dem Wagen klettern können», sagt Weibel schmunzelnd. Gut für ihn, dass er keine Probleme hat, sein Gewicht zu halten. Brächte er bedeutend mehr als die aktuellen 67 Kilogramm auf die Waage, würde sich das Platzproblem im Lotus 22 jedenfalls akzentuieren.
Ob sich Bruno Weibel auch im kommenden Jahr in den Lotus 22 zwängen wird, ist noch offen. Allenfalls gönnt er sich ein Sabbatical vom Rennsport und macht ein Jahr Pause. «Ganz ehrlich, momentan habe ich für 2020 noch gar nichts geplant.» Er sei als Familienvater und Geschäftsinhaber an einem Punkt angelangt, an welchem er die Prioritäten ein wenig anders setzen müsse als bisher.

«Zum einen habe ich eine wunderbare Familie, meine Frau Diana und die beiden Jungs Orlando und Romeo. Mit ihnen möchte ich in Zukunft mehr Zeit verbringen als bisher. Zum anderen habe ich einen Garagenbetrieb, der mich braucht.» Die letzten fünf Jahre mit der Mehrfachbelastung Familie, Arbeit und Rennsport haben ihn immer wieder ans Limit gebracht, nicht unbedingt finanziell, aber kräftemässig. «Ich glaube, eine Pause vom Rennsport würde mir guttun.» Die im Konjunktiv gehaltene Aussage verrät eines: Ganz sicher ist der zumindest temporäre Abschied Bruno Weibels von den internationalen Rennstrecken nicht.

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