Schlieren

Blutbuche sorgt für rote Köpfe: Verkommt das Schlieremer Naturinventar zu einer Alibi-Übung?

Dominik Ritzmann macht das Schlieremer Naturinventar zum Thema.

Dominik Ritzmann macht das Schlieremer Naturinventar zum Thema.

Gemeinderat Dominik Ritzmann möchte erfahren, ob das Schlieremer Naturinventar noch richtig genutzt wird. Die fehlende Aktualität wirft Fragen auf.

Die Blutbuche im Schlieremer Stadtzentrum hat für viele rote Köpfe gesorgt. Umso erstaunter ist, wer online das kommunale Naturinventar von Schlieren aufruft: Dort ist der 2018 versetzte und 2019 gefällte Baum nämlich noch immer als «sehr wertvoll» eingetragen.

Gemeinderat Dominik Ritzmann (Grüne) fragt sich, was da passiert ist. Er hat sich mit einer kleinen Anfrage an den Stadtrat gewandt und will in Erfahrung bringen, ob das Naturinventar auf die Planung und Bewilligung von Bauprojekten überhaupt noch einen Einfluss habe.

Beim Gestaltungsplan des Schindler-Areals wären beispielsweise die Bäume nicht einmal erwähnt worden, moniert Ritzmann. Anfang dieses Jahres wurden zudem zwei Bäume gefällt, obwohl diese noch nicht aus dem Naturinventar entlassen worden waren. Der Beschluss zur Entlassung erfolgte im April, die Fällung aber bereits im Februar. «Dadurch ist die Transparenz nicht mehr gegeben», findet Ritzmann. Gerade bei diesem Thema sei das nicht ideal. «Hier fehlt ein wenig die Sensibilität beim Stadtrat.»

Online-Dokumente sollten aktuell sein

Das Naturinventar umfasst sowohl Bäume als auch Naturschutzobjekte. Beide Teile des Naturinventars sind online einsehbar, die Online-Dokumente stammen allerdings aus dem Jahr 2016. Darin findet man die berühmte Blutbuche sowie die beiden Bäume, welche im Februar gefällt wurden. Das entsprechende Verzeichnis im Bausekretariat ist ebenfalls nicht aktuell. Dass die Leute für eine online verfügbare Liste noch ins Bausekretariat zur Überprüfung gehen, bezweifelt Ritzmann aber sowieso. Die Aktualisierung der Online-Dokumente sei darum umso wichtiger.

Die Verzeichnung im Naturinventar bedeutet nicht, dass ein Baum unter Schutz gestellt ist. Aber: «Sinn des Naturinventars ist es eigentlich zu zeigen, dass ein Baum einen gewissen Wert aufweist. Wenn dieser Baum gefällt wird, dann sollte ein entsprechender Baum wieder eingepflanzt werden», so Ritzmann. Er möchte Auskunft erhalten über die Bäume, die in den letzten zehn Jahren aus dem Naturinventar entlassen wurden und über deren Ersatz. Schliesslich fordert das Naturinventar einen solchen. Falls die Ersatzbäume danach nicht wieder im Naturinventar erfasst werden sollten, sieht Ritzmann das kritisch: «Wenn dann die Ersatzbäume ohne Ersatz wieder gefällt werden, haben sie ihren Zweck nicht erfüllt.»

Auch die Vorgehensweise beim Naturinventar möchte Ritzmann dargelegt haben. Wie wird beurteilt, ob eine Fällung wirklich nötig ist? Dass bei einer Gefährdung gehandelt werden müsse, sei klar. Wie dies geschieht, findet er aber nicht ideal. «Zuerst erfolgt der Beschluss, dann die Fällung – das ist das richtige Vorgehen», betont er noch einmal. Allgemein bemängelt Ritzmann, dass bei Projekten häufig zuerst abgeholzt und danach mit jungen Bäumen wieder aufgeforstet würde. «Meiner Meinung nach ist das kommunale Naturinventar zu einer Alibi-Übung verkommen. Dass es wirklich noch in die Planung einfliesst, habe ich nicht das Gefühl», erklärt er.

Zu wenig Grünflächen

Doch die fehlende planerische Nutzung des Naturinventars sieht er nicht als einziges Problem. Auch an Grünflächenplanung mangelt es seiner Ansicht nach. Als Beispiel nennt er den Goldschlägiplatz, an dem er Grünflächen vermisst. Bei den Bäumen sieht er das Problem darin, dass es kompliziert sei, um das Wurzelwerk zu bauen. Die nachgepflanzten Bäume sind für ihn kein richtiger Ersatz. «Es bedeutet ein ökologischer Verlust: Insekten und Vögel können mit den kleinen Bäumen nicht viel anfangen, sie verlieren durch die älteren Bäume wichtigen Lebensraum.»

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