«Endlich kommt jemand.» So wird Ruth Haunsperger von einer Seniorin im Schlieremer Alterszentrum Sandbühl empfangen. Sie lacht und begrüsst die Dame im Rollstuhl herzlich. Die beiden verbindet eine langjährige Freundschaft. Diese haben sie während Haunspergers vielen Besuchen im Zentrum aufgebaut.

Die 72-Jährige macht bereits seit rund 15 Jahren Besuche in drei verschiedenen Alterszentren. So verbringt sie bis zu zwei Stunden pro Tag in fremden Zimmern. «In einer Woche war ich auch schon einmal 30 Stunden auf Besuch», sagt die Schlieremerin. Das sei ein wenig zu viel gewesen. Besonders die Besuche, bei denen sie die Leute zum Arzt begleite, dauern oft länger.

Das werde zwar sehr geschätzt, doch sie müsse danach auch immer wieder Zeit für sich selbst haben. «Wenn jemand zu kurz kommt, bin ich es», sagt sie und lacht. Ihr Ehemann macht keinen Besuchsdienst, sondern sei meistens daheim und arbeite dort. So lassen sich die beiden die Freiheit für getrennte Hobbys.

Der freiwillige Besuchsdienst wird von der reformierten Kirche Schlieren organisiert. Momentan bieten mehr Frauen als Männer ihre Dienste an. Doch es wäre ganz im Sinne von Haunsperger, wenn sich auch Männer und noch mehr Frauen engagieren würden. Anfragen hätten sie genug. Eine Person sollte maximal drei Senioren betreuen, doch Haunsperger besucht zurzeit sechs Frauen. «Es macht mir einfach Spass und ich habe Freude daran. Die Besuche sind mein Highlight.»

Sie entspannt sich mit Musik

Mit 19 Jahren wurde Haunsperger Krankenschwester in Sarnen. Danach arbeitete sie einige Jahre bei Familien. Im Alter von 30 Jahren heiratete sie und bekam selbst zwei Kinder. Danach ging sie immer wieder in Lager und kochte für die Kinder. Später stieg sie in den freiwilligen Besuchsdienst ein. Parallel dazu engagiert sie sich im Altersklub. Dort organisiert sie Anlässe wie den Mittagstisch für Senioren.

Nebst all diesem Engagement kann es vorkommen, dass Haunsperger sich einmal bewusst Zeit für sich selbst nehmen muss. «Ich gehe dann in die Natur, höre Musik oder besuche ein Konzert.» Bei solchen Tätigkeiten könne sie gut in sich hineingehen und die belastenden Dinge ablegen. Mittlerweile hat Haunsperger bereits drei Enkel. «Mit dem einen ging ich gestern einen Schulranzen kaufen. Das war sehr schön.»

Die Arbeit mit den «grossen Kindern», wie sie die Seniorinnen liebevoll nennt, sei nicht jedermanns Sache. Besonders da viele von ihnen an Demenz erkrankt seien. Das führe nebst der Vergesslichkeit mitunter auch dazu, dass sie abweisend reagieren können. Deshalb habe sie auch schon einen Besuch abgesagt und sei an einem anderen Tag nochmals gekommen. Doch das scheint Haunsperger kaum zu belasten. «Man muss einfach auf die Leute eingehen und Geduld, Zeit und Freude haben», sagt sie.

Dankbarkeit übertrumpft alles

Alle Freiwilligen erhalten nebst einem Ausflug und einem Weihnachtsessen auch ein kleines Budget, um den Seniorinnen hin und wieder ein Mitbringsel zu schenken. Für sich selbst erhalten sie keine Entschädigung. Doch der wirkliche Lohn für die Freiwilligenarbeit sei die Dankbarkeit, die ihr entgegenkomme, sagt Haunsperger. «Diese übertrumpft alles Geld.» Würde sie das nicht immer wieder spüren, fiele ihr der Einsatz wohl schwerer.

Die Dame im Rollstuhl freut sich über den Besuch von Haunsperger. Auch wenn sie schnell vergisst, wie lange sie bereits am Mittagstisch sitzt. Wer Ruth Haunsperger ist, das hat sie nicht vergessen. Sie hat nun deutlich entspanntere Züge und streicht über das helle Fell der Katze, die es sich auf ihrem weichen Bett bequem gemacht hat.