Interview
Berty Bauknecht: «Zürich ist keine Theaterstadt»

Berty Bauknecht ist die Präsidentin des Zürcher Theatervereins. Zum 100. Vereinsgeburtstag blickt sie auf eine bewegte Geschichte zurück.

Lina Giusto
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Berty Bauknecht hat fast keine Premiere im Schauspielhaus verpasst.

Berty Bauknecht hat fast keine Premiere im Schauspielhaus verpasst.

Foto: Claudio Thoma / Aargauer Z

Als der Zürcher Theaterverein 1918 gegründet wurde, bezeichnete man die Situation der Theaterszene als «prekär». Warum?

Berty Bauknecht: Das liegt am gleichen ewigen Thema, womit das Theater in Zürich bis heute zu kämpfen hat: Die Finanzen. So legten am 11. April 1918 im Zunfthaus zur Waag der Bankier Julius Bär, der damalige Stadtrat Adolf Streuli und der Schriftsteller Ernst Zahn, der als erster Präsident des Vereins amtete, den Grundstein für die finanzielle Unterstützung des Stadttheaters.

War nach dem Ersten Weltkrieg wirklich die Zeit reif für Unterhaltung und Amüsement?

Geht es dem Volk schlecht, braucht es Unterhaltung und Ablenkung. Kultur ohne Theater gibt es nicht. Genauso gehört die Musik dazu.

War Kulturförderung damals ein Luxus, den man sich überhaupt leisten konnte?

Die Nachkriegsjahre waren natürlich nicht gerade von Wohlstand geprägt. Dennoch gab es zu dieser Zeit wohlhabende Familien in der Stadt, die auch das Zielpublikum des Theaters waren. Natürlich wurden unter Ernst Zahn als Präsident auch Stimmen laut, die eine solche Förderung des Theaters kritisierten. Aber Zahn hatte da seine eigene Meinung. In einem alten Protokoll hielt Zahn fest, dass Theater ein Kulturerfordernis sei, eine unentbehrliche Erziehungsstätte, die gleichwertig zu Schule und Kirche sei.

Wenn das Theater aber für die obere Bevölkerungsschicht war, warum brauchte es dann Subventionen?

Die Stadt hat die Theaterszene schon ein wenig unterstützt damals, aber den Begriff Subvention kennt man erst seit den 1960er-Jahren. Damals wollte die Stadt die Unterstützung ans Stadttheater streichen. In einer Volksabstimmung hat sich die Mehrheit für die kulturellen Subventionen ausgesprochen.

Warum funktioniert Theater nicht ohne Subventionen?

Gäbe es keine Unterstützung, könnte der Besucher den Eintritt nicht bezahlen. Es wäre unmöglich. Ohne Subventionen würde ein Platz im Opernhaus zwischen 600 und 700 Franken kosten. Ein Normalverdiener kann sich so etwas nicht leisten. Musiker, Sänger, Kleidung, Technik, Infrastruktur – all das kostet etwas. Bei der Gründung des Theatervereins ging es ausschliesslich darum, das Theaterschaffen in Zürich zu fördern. Erst 1922 haben die Mitglieder für den Theaterbesuch am Donnerstagabend einen 25 Prozent Rabatt erhalten.

In den 1950er-Jahren zählte der Verein über 3000 Mitglieder, heute sind es noch knapp 1300. Ist Theater out?

Zürich war nie und wird nie eine Theaterstadt sein. Die Nachfrage ist zwar da, aber nicht mit der Theaterszene in Dresden, München, Wien, Paris oder London zu vergleichen. Ein Herr, der einst im Opernhaus arbeitete, sagte zu mir: «Zürcher sind keine Theatermenschen, ich gehe zurück nach Wien, dort lebt man vom Theater.» Diese Aussage trifft zu. Im Ausland ist das Theater bis heute ein gesellschaftlicher Treffpunkt. Zumindest für eine gewisse Bevölkerungsschicht.

Ist das Zürcher Opernhaus nicht auch ein Treffpunkt für Wohlhabende?

Nein, nur zum Teil. Denn die Theater- und OperngängerInnen sind in Zürich gesellschaftlich durchmischter.

Warum?

Weil es Institutionen, wie den Theaterverein, die Freunde des Schauspielhauses oder die Freunde des Opernhauses sowie den Theaterclub gibt, die ihren Mitgliedern vergünstigte Eintritte ermöglichen. Die Theater selber bieten oft am Montag Eintritte zum halben Preis an. Mit den vielen unterschiedlichen Angeboten werden unterschiedliche Menschen angesprochen. Diese Situation ist einmalig. Bis in die 1950er-Jahre hinein gab es in der Stadt lediglich das heutige Schauspiel- und das Opernhaus. Sonst nichts.

Die Zürcher Theaterwelt ist vielseitiger geworden. Welche Folgen hatte das für den Theaterverein?

Der Verein ist sicher nicht mehr so finanzstark wie früher. So konnten wir beispielsweise 1984 dem Opernhaus mit einer Spende von 158'000 Franken Vitrinen, Sessel, Marmortische und die Restaurierung des berühmten Ziervorhangs von Josef Kautsky finanzieren. Heute sind unsere Beiträge im Umfang von 20'000 Franken jährlich deutlich bescheidener. Zudem ist der Altersdurchschnitt bei den Vereinsmitgliedern angestiegen. Das kulturelle Angebot für junge Menschen in Zürich ist riesig. Wohl deshalb fehlen sie in unserem Verein. Das Gesicht des Vereins hat sich mit dem Internet und der von mir neu lancierten Vereinszeitung aber auch verändert.

Als Sie 1991 Präsidentin wurden, haben Sie die Theaterreisen ins Ausland ins Leben gerufen. Warum?

In den 1970er-Jahren bin ich mit einem Bus voller Leute nach St. Gallen gefahren. Das war notwendig, weil man nach dem Opernbesuch nicht mehr nach Hause kam damals. Früher zählten wir auch viele alleinstehende Frauen zu unseren Mitgliedern. Weil sie nicht alleine Ausflüge machen wollten und konnten, waren diese Theaterreisen für sie interessant. Mit dem Ausland verhielt es sich gleich und das Bedürfnis unserer Mitglieder dafür ist nicht mehr so gross.

Wie haben Sie Ihre Leidenschaft fürs Theater entdeckt?

Ein Gymnasiast, später mein Mann, war Statist am Schauspielhaus. Die Hauptprobe für Schillers «Johanna» hat über den Mittag stattgefunden und er hat mich reingeschmuggelt. Was für eine grosse Person der damalige Direktor und Regisseur Oskar Wälterlin war, war mir noch nicht bewusst. Ich sass in der neunten Reihen hinter ihm und habe meinem Mann bei den Proben zugeschaut. Es war faszinierend. Weil das Ganze etwas länger gedauert hat, musste er im Anschluss geschminkt zurück in die Schule, wie ich auch. Seither, das war 1953, habe ich mit Ausnahme von meinen Auslandaufenthalten keine Premiere im Schauspielhaus verpasst.

Zur Person

Berty Bauknecht

Bauknecht ist seit 2009 Präsidentin des Zürcher Theatervereins, in dessen Vorstand sie seit 1991 vertreten war. Als Vereinsmitglied seit den 1970er-Jahren kennt die heute 81-Jährige die Zürcher Theaterszene von Grund auf. (GIU)