Ein Kunde steht vor dem Fenster und hebt den Daumen nach oben. Barbara Bühlmann und ihre Mitarbeiterin Zuzana Kovac lachen. Wenig später öffnet sich die automatische Tür und von draussen ruft derselbe junge Mann: «So ein cooles WC habe ich noch nie gesehen.» Das stille Örtchen an der Shell-Tankstelle bei der Limmatbrücke in der Fahrweid löst bei Besuchern regelmässig Begeisterung aus. Grund dafür ist die Dekoration.

Filialleiterin Barbara Bühlmann hat die weissen Kacheln an der einen Wand mit blauem Seidenpapier, Rosengirlanden und unechten tropischen Blättern verschönert. Zum Toiletten-Schmuck gehören auch fünf künstliche Vögel und Schmetterlinge. «Damit das WC nicht so kahl wirkt wie eine Metzgerei», erklärt Bühlmann. An Ostern stellt die 62-Jährige auch gerne mal ein Osterbäumchen in die Toilette. Mühsam sei, dass die Verzierung so gut ankomme, dass einige WC-Besucher das Gefühl hätten, sie müssten sie mit nach Hause nehmen.

Stammkunden statt Durchreisender

Bühlmann leitet die Tankstelle mit sieben Angestellten seit vier Jahren. Davor war sie sieben Jahre als Stationsleiterin für die Shell-Tankstelle bei der Autobahnraststätte Würenlos tätig. «Arbeiten an der Autobahn oder hier in der Fahrweid sind zwei Paar Schuhe», sagt Bühlmann. Auf der Raststätte gehe die Post ab, vor allem samstagnachts. Besucht werde sie mehrheitlich von Durchreisenden. «Hier in der Fahrweid sind wir Teil des Quartiers und haben etwa 80 Prozent Stammkundschaft.» Das schaffe Vertrautheit. Arbeiter, Anwohnerinnen und -anwohner kämen teilweise mehrmals täglich vorbei. Bühlmann kennt fast alle von ihnen mit Namen. «Oft wechsle ich ein paar Worte mit ihnen, wenn es die Zeit zulässt. Ich komme mir manchmal vor wie in einem Tante-Emma-Laden», sagt sie und lacht. Besonders froh um den Tankstellenshop seien ein paar ältere Damen, denen der Weg nach Geroldswil oder nach Dietikon zum Einkaufen zu beschwerlich sei. «Wenn nicht so viel los ist, helfe ich den Seniorinnen und trage ihnen die Einkäufe nach Hause.»

Es ist sechs Uhr in der Früh. Bühlmann belegt Sandwiches. Sie ist an diesem Dienstagmorgen bereits seit einer Viertelstunde im Dienst. Die Tankstelle hat wochentags von 5 bis
23 Uhr und am Wochenende von 6 bis 22 Uhr geöffnet. «Jetzt sind Schulferien, dann läuft nicht so viel», sagt Bühlmann, während die Türglocke immer wieder erklingt, wenn Kunden den Laden betreten. «Dieses Geräusch höre ich gar nicht mehr», sagt sie und lacht. Normalerweise reiche die Schlange vor der Kasse um diese Zeit bis ans Ende des Ladens. Doch an diesem Morgen kann Bühlmann die gelieferten Getränke und Lebensmittel versorgen, Brot aufbacken und muss ihrer Kollegin an der Front nicht unter die Arme greifen. Doch auch wenn es ruhiger ist als sonst, hat Bühlmann alle Hände voll zu tun. «Kannst du vier Vanille-Plunder und fünf Schoggi-Gipfeli vorbereiten?», fragt ihre Kollegin. Bühlmann öffnet den Gefrierschrank, fischt die gewünschten Gebäcke heraus und legt sie auf ein Blech mit Backpapier. Erst am Nachmittag kommt die Filialleiterin dazu, Administratives zu erledigen. «Im Büro nehme ich Bestellungen vor, kümmere mich um Tages- und Wochenabrechnungen und bearbeite E-Mails», sagt sie und trägt das Blech in den Tankstellenshop zum Backofen neben der Kassentheke. Auf dem Weg zurück in den Hinterraum ordnet Bühlmann die Getränke im Kühlregal. «Red Bull verkaufen wir am meisten. Ich musste sogar einen separaten Kühlschrank aufstellen, damit es immer genug davon hat», sagt sie und zeigt auf den Kühlbehälter neben der Eingangstür.

«Als Kind habe ich bereits gesagt, dass ich einmal an einer Tankstelle arbeiten will», erzählt Bühlmann. Wieso, wisse sie nicht. «Vielleicht liegt es daran, dass ich in meiner Kindheit mit meiner Familie oft Autorennen geschaut habe.» So habe die Faszination für Fahrzeuge ihren Lauf genommen. «Als ich die Lehre fertig hatte, habe ich sofort die Töffprüfung gemacht», sagt die ausgebildete Pferdepflegerin.

Bühlmann durchlief einige berufliche Stationen, bis sie vor elf Jahren an der Tankstelle landete. «Ich war lange als Hundeführerin bei einer Sicherheitsfirma tätig und habe so nachts das Shoppi Tivoli in Spreitenbach bewacht.» Im Einkaufszentrum leitete sie überdies zehn Jahre lang den Zoofachhandel Qualipet. Auf dem Mutschellen war sie Filialleiterin eines Discount-Ladens. «Und im Zirkus Knie habe ich auch mal eine Saison gearbeitet», merkt Bühlmann an.

Mit Florian und Al Capone im Bauernhaus

Auch wenn sie sich beruflich nicht mehr um Tiere kümmert, lebt sie ihre Passion im Privatleben. Mit ihrem Partner, ihrem Rottweiler Al Capone und ihrem Mini-Shetland-Pony Florian wohnt sie im aargauischen Hägglingen in einem umgebauten Bauernhaus. «Vor kurzem ist Florians Mutter Clementine gestorben. Ich suche nun ein Zuhause für ihn, damit er wieder mit Artgenossen zusammenleben kann», sagt die Mutter eines erwachsenen Sohnes. Ihren Al Capone würde die 62-Jährige gerne zum Sicherheitshund ausbilden lassen. «Aber er will einfach nicht erwachsen werden», sagt sie und zuckt mit den Achseln. Als Präsidentin des Hundeclubs Dietikon ist Bühlmann auch abends im Limmattal anzutreffen. Nach der Arbeit stehen oft Hundetrainings auf dem Programm. «Manchmal nehme ich daran teil, manchmal gebe ich die Trainings selber.»

Doch nicht nur mit Tieren versteht sich Bühlmann gut. «Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich interessante Menschen aus diversen Nationen kennen lerne.» Sie sei eine neugierige Person und stelle gerne Fragen. «Ich habe mir zum Beispiel von einigen Kunden den Fastenmonat Ramadan erklären lassen», sagt Bühlmann. Sie empfinde den Austausch als sehr spannend, auch wenn sie manchmal ganz anderer Meinung sei. Nichtsdestotrotz vertraut die Filialleiterin ihren Kunden. Das zeigt eine Geschichte, an die sich Bühlmann gerne erinnert. «Damals arbeitete ich noch in Würenlos an der Raststätte. Ein Kunde konnte nicht zahlen, weil seine Karte abgelehnt wurde. Er war auf der Durchreise, hatte für 50 Franken getankt, stand stundenlang draussen in der Kälte und versuchte, seinen Freund zu erreichen in der Hoffnung, dass er ihm aus der Patsche helfen kann», erzählt Bühlmann. Der Mann habe ihr leid getan und sie habe ihm helfen wollen. Nicht nur das Geld, sondern auch die Kommunikation stellte sich jedoch als Problem heraus. «Er sprach kein Wort Deutsch. Ich verstand ihn nicht und er mich nicht.» Als die Polizei auf der Raststätte einfuhr, wollte sie diese als Vermittler zu Hilfe holen. «Doch alles, was sie tat, war das Fahrzeug des Kunden zu kontrollieren.» Sie habe sich schrecklich geärgert und beschloss, den offenen Betrag selbst zu begleichen, damit die Polizei den Mann in Ruhe lässt. «Ich habe dem Kunden meine Adresse auf die Quittung geschrieben, damit er mir das Geld zurückzahlen kann.» Bühlmann rechnete aber nicht damit, dass der Mann am Morgen darauf tatsächlich mit einer Fünfzigernote vor ihrer Tür stehen würde. «Ich wohne sehr abgelegen und hätte es nicht für möglich gehalten, dass er mich einfach so findet.» Sie habe ihn als Dank aber nicht mal auf einen Kaffee einladen können. «Er hat nicht verstanden, dass ich ihn reinbeten wollte», sagt Bühlmann.

Trotz Stress einen kühlen Kopf bewahren

Es ist unterdessen 8 Uhr und immer mehr Kunden stehen im kleinen Tankstellenshop. Bühlmann eilt zur zweiten Kasse. «Stress gehört zu unserem Alltag. Es ist wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren. Sonst hat man definitiv den falschen Job gewählt», sagt sie. Wenn es wenig Kunden habe, schliesse man vor allem nachts die automatische Tür mithilfe eines Knopfs unterhalb der Kassentheke. «Dann können die Kunden den Laden verlassen, aber niemand Neues kann reinkommen», sagt Bühlmann. Wenn die Tür nicht aufgehe, schauten die Personen automatisch nach oben in die Überwachungskamera. «Dann sehen wir ihr Gesicht und gewinnen dadurch etwas Sicherheit. So können wir leichter abschätzen, ob uns die Person geheuer ist oder nicht.»

Ali Erdem steht an diesem Morgen in der Schlange vor der Kasse. Eine Cola-Dose und ein Red Bull hält er in den Händen. Erdem ist Stammkunde. «Ich arbeite nachts für einen Paketdienst und komme morgens, bevor ich nach Hause gehe, immer vorbei, um zu tanken und um etwas zu trinken zu holen», sagt Erdem, der gleich nebenan in der Fahrweid wohnt. Er sei sehr froh, dass es die Tankstelle gebe. «Barbara und ihre Mitarbeiter sind so nett. Es macht Spass, mit ihnen zu reden», sagt er. «Du siehst müde aus, Ali», sagt Bühlmann zu ihm. «Ja, ich komme direkt von der Arbeit, wie soll ich denn aussehen», sagt Erdem und beide lachen. Es seien diese Momente, die sie an ihrer Arbeit besonders schätze, sagt Bühlmann. «Die Leute sind extrem dankbar. Das ist schön.»

Erdem geht nach Hause schlafen und die Filialleiterin macht einen Kontrollgang draussen beim Tankbereich. Denn auch das gehört zu ihrer Aufgabe. «Wir müssen die Zapfsäulen reinigen, die Abfallkübel leeren und schauen, dass genug Papier, Handschuhe und Wasser vorhanden sind», sagt Bühlmann. Zudem muss auch das Warenangebot draussen geordnet und nachgefüllt werden. Einen Tankwart habe man seit Anfang Jahr leider nicht mehr. Ein Abwart schaue zwei Mal in der Woche nach dem Rechten. «Das heisst, wenn Kunden zum Beispiel nicht wissen, welches Benzin sie tanken sollen, helfen wir weiter. Wir sind zwar keine Automechaniker, aber ein bisschen unterstützen können wir schon», sagt Bühlmann. Und ermahnen müsse sie die Kunden manchmal auch, wenn sie beim Tanken telefonieren oder Zigaretten rauchen. «Viele sind sich nicht bewusst, was eine Tankstelle eigentlich ist und was alles passieren kann», sagt Bühlmann. Eine brennende Zigarette oder ein Handyakku am Boden könnten Funken schlagen und so die leicht entzündlichen Benzindämpfe in Brand setzen.

Wenn Kunden Guetzli und Kuchen backen

Das Einzige, das ihr an ihrer Arbeit stinke, sei die Reinigung des verdreckten WCs. Doch auch das gehöre halt zum Job. Ihre Mühe bleibt vielen Kunden nicht verborgen. «Sie bringen uns oft selbst gemachte Guetzli oder Kuchen vorbei und bedanken sich damit für unseren Service oder die spezielle WC-Dekoration», sagt Bühlmann. Auch wenn ihr ihre Tätigkeit gefällt, freut sie sich jetzt schon, wenn sie in zwei Jahren in den Ruhestand gehen kann. «Dann habe ich mehr Zeit für meinen Hund und die Trainings. Wer weiss, vielleicht schaffe ich es doch noch, Al Capone zu einem Sicherheitshund auszubilden», sagt sie und blickt mit strahlenden Augen auf den Verkehr an der Überlandstrasse. Eine Weile lang winkt sie den Autos zu, bis sie wieder im Tankstellenshop verschwindet.