Andelfingen

Andelfingen ist einer von 20 schönen Orten — die Einwohner sind eher skeptisch

Das Schloss Andelfingen mit dem Kirchturm im Hintergrund.

Das Schloss Andelfingen mit dem Kirchturm im Hintergrund.

Hansruedi Jucker, Gemeindepräsident von Andelfingen, hat Post erhalten vom Bundesamt für Kultur und von Schweiz Tourismus. Das gemeinsame Schreiben, das Jucker zusammen mit einer Medienmitteilung an die Presse verschickt hat, ist überschrieben mit dem Projektnamen «Verliebt in schöne Orte».

Denn zu den 20 ausgewählten schönen Schweizer Orten gehört nun auch Andelfingen. Die von der Tourismusorganisation getroffene Auswahl entspringt der Kombination zweier bereits bestehender Dinge: des Bundesinventars der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung und der 1600 Kilometer langen Grand Tour of Switzerland.

Diese Tour für den motorisierten Tourismus führt auch durchs Zürcher Weinland – wegen der Top-Destination Rheinfall kurz vor Schaffhausen. Und dabei führt die Route eben auch durch den Ort Andelfingen, der wie weitere Weinländer Orte zum Ortsbild-Inventar gehört. Es umfasst aktuell 1274 Ortschaften. Das Inventar enthalte «viele Orte mit grossem touristischem Potenzial», heisst es im Brief an Jucker respektive in der Medienmitteilung.

Schweiz Tourismus rücke diese Ortsbilder gemeinsam mit dem Bundesamt für Kultur «erstmals in das Bewusstsein der in- und ausländischen Ferienreisenden». Die Porträts der 20 Ortschaften würden stellvertretend genutzt, «um neben den bekannten Highlights entlang der Grand Tour of Switzerland auch auf die kleinen Perlen des Reise- und Ferienlands aufmerksam zu machen».

Schweiz Tourismus und Bundesamt für Kultur versprechen sich durch die Zusammenarbeit «mehr Aufmerksamkeit für das vielfältige Kulturerbe der Schweiz». Zudem biete sich die Chance, auch Orte «touristisch zu würdigen, die abseits von bekannteren Tourismusdestinationen liegen» – im Touristikerjargon «Gästelenkungsmassnahme» genannt.

Bei der Auswahl der 20 Orte entlang der Grand Tour wurde eine «geografisch gleichmässige Verteilung angestrebt». Oder anders ausgedrückt: Schweiz Tourismus hat ins Inventar des Bundes gegriffen, 20 Orte herausgepickt und sie entlang der Grand Tour wie an einer Schnur gleichmässig aufgereiht.

Nebst Andelfingen wurden folgende 19 Ortschaften für «Verliebt in schöne Orte» ausgewählt: Auvernier NE, Bauen UR, Castasegna GR, Dardagny GE, Erlenbach im Simmental BE, Ermatingen TG, Ernen VS, Giornico TI, Hallau SH, Le Pont VD, Lessoc FR, Malans GR, Morcote TI, Pleujouse JU, Rüeggisberg BE, Saint-Saphorin VD, Sent GR, Soazza TI und Trogen AR.

Die goldenen Weinländer Getreidefelder

Auf der neuen Internetseite, die Schweiz Tourismus zu den 20 Orten gestaltet hat, sind Texte und Bilder samt touristischen Informationen zu den jeweiligen Regionen zu finden. Über Andelfingen heisst es, dass der «historische Brückenort» eingebettet sei in die «intakte Landschaft des Zürcher Weinlandes». Diese zeichne sich aus durch «Riegelhäuser, sonnenexponierte Rebhänge, goldene Getreidefelder, ein Mosaik von Wiesen und Äckern». An Andelfingen bemerkenswert sei die «von Schloss und Kirche gerahmte Silhouette des Ortes». Erwähnt wird auch der «wunderschöne und gepflegte Schlosspark», der zu den bedeutendsten der Schweiz zähle.

In der Sendung «Schweiz aktuell» berichtete das Schweizer Fernsehen am Dienstagabend über das gemeinsame Marketingprojekt von Schweiz Tourismus und vom Bundesamt für Kultur. Dabei wurde auch Andelfingen ins rechte Bild gerückt. «Unser schönes Dorf», sagte Gemeindepräsident Jucker in die Kamera, «darf man absolut zeigen.»

Man sei aber auch überrascht gewesen, als einer dieser 20 schönen Orte ausgewählt worden zu sein. Es sei «eigentlich eine gute Sache». Bei einer kleinen Bevölkerungsumfrage in Andelfingen wurden aber auch kritische Stimmen laut. Ein paar Touristen wünsche man sich zwar, aber keine Schwemme, sagte jemand. Man solle Andelfingen den Touristen zeigen, «aber nicht in Massen», meinte jemand anderes. Und für Autocars habe es wegen der prekären Parkplatzsituation gar keinen Platz, meinte noch jemand.

Damit konfrontiert, sagte Jucker, dass es in Andelfingen schon noch etwas an Touristen vertrage. Zudem plane man ein weiteres Parkhaus. Angst, von Touristen überschwemmt zu werden, hat Jucker keine. Auch der Vertreter von Schweiz Tourismus glaubt nicht an einen Hype um die 20 Orte. Sollte ein solcher trotzdem entstehen, werde man die kleinen Orte unterstützen, versprach er.

Eine Blechlawine motorisierter Touristen durchs Zürcher Weinland ist nicht im Sinn der Förderorganisation Pro Weinland. Denn diese schreibt sich schon seit vielen Jahren den sanften Tourismus mit Langsamverkehr auf die Fahne.

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