Es ist eine aufregende Woche für die junge Dietikerin Alexandra Lüthi. Seit dem Wochenende sind ihre Tage und Abende mit Register-, Streicher- und Gesamtproben gefüllt. Denn am Sonntag steht ein grosser Auftritt an – in der Tonhalle Maag. Dort wird die 20-Jährige zusammen mit einem Publikumsorchester auftreten. Ende letzten Jahres hat sie sich dafür angemeldet. Mit dem bestechenden Slogan «Hier spielen Sie die erste Geige» lud das Tonhalle-Orchester ihre klassik-begeisterten Abonnentinnen und Abonnenten dazu ein, gemeinsam zu musizieren.

Die 95 Teilnehmenden aus unterschiedlichen Altersgruppen haben das Programm innerhalb einer Woche zusammengesetzt, um es vor gut 1200 Konzertbesuchern zu präsentieren. Für grosses Üben bleibt da keine Zeit mehr übrig. «Es ist diese Woche, die wir haben, um zusammen zu proben. Ich musste die Stücke daher schon vorher können», sagt Lüthi.

«Von Null auf Hundert»

Seit Dezember konnte sich die Hobbymusikerin individuell vorbereiten. Sie begann damit, sich mit den Stücken vertraut zu machen, indem sie erst zuhörte und dabei in den Noten mitlas. Danach griff sie zum Instrument und begann zu üben. Das Üben alleine gehöre zum Musizieren, sagt Lüthi. Aber es sei ein ganz anderes Erlebnis, wenn man die Musik mit anderen zusammensetzen könne. «Es ist sehr zeitintensiv, aber es zahlt sich immer aus. Die Probearbeit zusammen ist meistens lustig, manchmal streng, aber man sollte immer Spass dabei haben», betont sie. Durch das gemeinsame Musizieren lerne man neue Leute kennen und teile mit ihnen neue Erfahrungen. Deshalb mache sie Musik.

Geleitet wird das Orchester von Profi-Musiker Christopher Morris Whiting. Lüthi findet seine ruhige, optimistische Art sehr hilfreich, da sie den Hobbymusikerinnen und -musikern ein wenig Druck nimmt. So gab Whiting den Orchestermitgliedern in der Probewoche eine spannende Übung: Er bat alle, die Augen zu schliessen, weiterzuspielen und sich zu finden. Das sei nicht einfach, weil sich die Mitglieder erst seit sehr kurzer Zeit kennen. Trotzdem habe die Übung immer besser funktioniert. Alle seien beeindruckt gewesen, was sie zusammen in so kurzer Zeit zustande gebracht hätten. «Es ist wirklich toll, so plötzlich von Null auf Hundert eine Sinfonie zu spielen», zeigt sich Lüthi begeistert.

Während sie bei der Anmeldung mit Bedenken auf die kurze und intensive Woche blickte, sei es ihr schon in der ersten Probe klar geworden, dass es keinen Grund dafür gebe. Alle seien sehr gut vorbereitet gewesen und hätten ihren Teil spielen können. Schon die erste Probe sei ein überwältigendes Erlebnis gewesen: Als das Orchester Tschaikowskys 5. Sinfonie spielte, bekam die klassik-begeisterte Dietikerin plötzlich Gänsehaut. «Mir ist es kalt den Rücken runtergelaufen», sagt sie lachend. Sie hätte nicht erwartet, dass es so überwältigend sein werde.

Der grosse Auftritt

Lüthi spielt seit elf Jahren Cello. Auch Orchester-Erfahrung bringt die Limmattalerin mit. Sie spielt im Jugendsinfonieorchester Crescendo mit und ist Teil eines Cello-Ensembles. Lüthi steht regelmässig auf der Bühne. Mit dem Publikumsorchester hat sie sich hohe Ziele gesetzt. Denn nun arbeitet sie mit den Tonhalle-Orchester-Musikern zusammen. Denn jede Instrumentengruppe wird von einer Profi-Musikerin oder einem Profi-Musiker geleitet. Zudem kommt im Cellokonzert von Camille Saint-Saëns auch ein Solo-Cellist der Tonhalle zum Einsatz. Da das Cello-Register aus zehn Musikerinnen und Musikern besteht, müssen sich die Cellisten bei den Soli ein wenig zurücknehmen, um den Profi-Musiker nicht zu übertönen.

Lüthi blickt voll Erwartung und Vorfreude auf den Auftritt. Sie ist zuversichtlich, weil sich alle gut vorbereitet haben, die Musik schon letztes Wochenende gut geklungen hat und alle motiviert und stolz auf die gemeinsame Leistung sind. Richtig ernst wird es für die junge Frau, wenn sie am Sonntag ihren Platz auf der Bühne der renommierten Tonhalle einnimmt und den Bogen für Rossinis Ouvertüre zu «Il barbiere di Siviglia» an die Saiten ihres Cellos setzt.