Mit ihren Telefonlinien Livechannel und Phonedating hatte eine Uitiker Firma über Jahre richtig fett abkassiert: 4.99 Franken pro Minute zahlten die Anrufer. Zumeist waren es gutgläubige Singles, die ihrer Einsamkeit entkommen wollten und auf einen potenziellen Partner hofften, der ebenfalls auf der Suche war.

Stattdessen wurden sie mit Callcenter-Angestellten verbunden. Diese gaben jeweils einen falschen Namen an und hatten ein grosses Talent, die Anrufer stundenlang am Apparat zu halten. Zwar hatten die Anrufer teilweise schon Zweifel – doch diese traten in den Hintergrund, wenn die Callcenter-Leute sie gekonnt um den Finger wickelten.

Ein Fall eines Ostschweizers lässt besonders aufhorchen: Zwischen 2005 und 2008 vertelefonierte er 53 883.05 Franken auf der Livechannel-Linie. Mit diesem Geld könnte man einen chicen Neuwagen kaufen. Allein im Dezember 2005 telefonierte er täglich eineinhalb Stunden mit «Samira Moser» – so nannte sich die Limmattaler Callcenter-Angestellte am Telefon. Der Mann ist bei Weitem kein Einzelfall: Zwei Frauen gaben 26 436.51 respektive 13 402.90 Franken für die Telefonplauderei aus. Bei zwei weiteren Männern waren es 51 225.90 respektive 22 395.80 Franken.

Lohn: 13 000 Franken monatlich

Die Callcenter-Angestellten lebten gut von den teuren Telefon-Tarifen auf ihren 0901-Nummern: So entlöhnte sich beispielsweise der stellvertretende Leiter des Callcenters mit 13 000 Franken monatlich. Zusätzlich kassierte er einen monatlichen Bonus von bis zu 6000 Franken. Unter anderem berichtete damals der «Kassensturz» über diese Geschäftspraxis. Ab 2009 beschäftigte sich auch die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis mit dem Fall. Es ging um Beihilfe zum Betrug, um Betrug und gewerbsmässigen Betrug sowie um unlauteren Wettbewerb.

Die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis erachtete die Strafverfolgung der Callcenter-Mitarbeiter nicht als aussichtsreich und stellte das Verfahren ein. Die abgezockten Singles waren damit nicht zufrieden und zogen vor Gericht. Nachdem das Zürcher Obergericht die Verfahrenseinstellung bestätigte, ging es weiter ans Bundesgericht. Dieses entschied, dass ein richtiges Strafverfahren durchzuführen sei, um zu prüfen, ob die Callcenter-Mitarbeiter arglistig handelten – nur dann könnten sie wegen Betrugs verurteilt werden.

Im Mai 2016 erhob die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis Anklage gegen neun Personen. Nach einer eineinhalbtägigen Verhandlung Ende Januar verkündete Stephan Aeschbacher, Präsident des Bezirksgerichts Dietikon, am Freitagnachmittag das Urteil. Alle neun Angeklagten wurden freigesprochen.

Die Vorwürfe bezüglich unlauteren Wettbewerbs musste das Gericht gar nicht mehr genauer abklären, da die Verjährungsfrist für derartige Delikte bereits im Sommer 2016 abgelaufen war. Zum Freispruch in Sachen Betrug kam es insbesondere, weil die geschröpften Anrufer allzu leichtgläubig waren und den Callcenter-Mitarbeitern keine Arglist nachgewiesen werden konnte. Richter Aeschbacher verwies auf diverse Umstände, die die Anrufer hätten zur Einsicht bringen müssen: Jederzeit hätten sie die Gespräche abbrechen können. Aus ihrem Umfeld, zum Beispiel der Familie, erhielten die Anrufer zahlreiche Warnungen, monatlich erhielten sie die Telefonrechnungen und zum Teil riefen sie das Callcenter von anderen Telefonen aus an, nachdem die Swisscom ihnen den Anschluss gesperrt hatte, da sie die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten. Hinzu kommt, dass einige der Anrufer in der Untersuchung sagten, dass sie vermuteten, dass sie angelogen werden. «All das führt zum Fazit, dass sämtliche Privatkläger die grundlegendsten Vorsichtsmassnahmen vermissen liessen. Sie hätten die Täuschung auf einfachem Weg entlarven können», sagte Aeschbacher.

Einen kleinen Schuldspruch gab es einzig gegen einen Callcenter-Mitarbeiter, der es später, nämlich 2013, mit dem Betreibungsamt des Bezirks Bremgarten zu tun bekam. Als dieses ihn pfänden wollte, verschwieg er, dass er in einem Bankschliessfach in Affoltern noch 20 000 Franken liegen hatte. Deshalb wurde er wegen Pfändungsbetrug zu einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu 30 Franken verurteilt. Dieser kleine Schuldspruch nach einem neun Jahre langen Verfahren mit neun Angeklagten, acht Verteidigern und einem riesigen Aktenberg fasste Richter Aeschbacher eingangs der Urteilseröffnung treffend zusammen: «Der Berg hat eine Maus geboren – eine sehr kleine und sehr teure.» Alleine die Kosten der Pflichtverteidiger zulasten der Staatskasse belaufen sich auf 115 719.60 Franken.