Leserbeitrag
Wesentlich werden

Fabienne Schmid
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Die Beratungsstelle Sela in Aarau öffnete kürzlich ihre Türen, lud zu Kurzreferaten ein und servierte den Gästen einen Apéro.

Silvia Gerber, individualpsychologische Beraterin, begann mit der Einladungskarte, welche Kinderhände zeigte, die eine Sandkugel formten. „Was ist wesentlich, wenn Kinder Sandkugeln formen?“ fragte sie und gab zur Antwort: „Wenn wir im Wesen unserer Person und Lebensphase handeln, dann sind wir wesentlich. Das macht Freude, hat Ausdruck und Wirkung.“

Seraina Hintermann ging der Frage nach, ob das Leben ein konzentriertes Spiel sei. Die Logotherapeutin und MS Patientin beantwortete die Frage so: „Haben Sie Kinder beim Spielen beobachtet? Sie üben im Spiel Lebensaufgaben, sind dabei total konzentriert und nehmen es ernst! Wir können dies ihnen abschauen: Sich spielerisch austoben, aber auch konzentriert und ernsthaft bei der Sache sein.“ Dabei gelte es allerdings auch die Spielregeln des Lebens zu beachten. Im Spiel und auch im Leben gehe es darum, herauszufinden, was für mich wichtig, eben wesentlich sei. Dabei sei es gut, auf die eigene innere Stimme zu achten, aber auch auf Anregungen von Mitmenschen einzugehen und auch auf das zu hören, was Gott uns sagen möchte. Jeder Mensch brauche Beziehungen und einen Freundeskreis, wo er gut aufgehoben sei und Anerkennung finde. Es falle oft schwer, auf das Wesentliche zu fokussieren. Leicht lasse man sich von kleinen Aktivitäten ablenken, obschon man doch ein wichtiges Ziel erreichen möchte. Das Abwägen von Werten, die persönlich wichtig sind, und von Werten, die den Mitmenschen wichtig sind, sei anspruchsvoll, sporne aber zu reifen Entscheidungen an.

Alexander Haus, Sozial- und Lebensberater, setzte in seinem Beitrag über Angebot und Nachfrage bei den beiden gegenläufigen Tendenzen in unserer Gesellschaft an. Zum einen werde ein Vereinfachen und Reduzieren auf das Wesentliche angestrebt und zum anderen werde auf Schnelligkeit und Effizienz gesetzt. So stehen sich „Slow Food“, das die schonende Zubereitung von gesunden Nahrungsmitteln wünscht, und „Fast Food“, das die Nahrungsaufnahme verkürzen will, gegenüber. Mit der Geschichte des zufriedenen Fischers von Heinrich Böll, der von einem Manager bearbeitet wird, doch öfters aufs Meer zu fahren und Mitarbeitende anzuheuern, um mehr Umsatz und Gewinn und schliesslich auch Freizeit zu erzielen, wies Alexander Haus auf die Wichtigkeit einer guten Lebensbalance hin. Der Fischer nämlich war mit seiner gegenwärtigen Lebenssituation zufrieden und hatte die Zeit, die er brauchte, um glücklich leben zu können.

Über das Wesentlich-Werden in Beziehungen referierte Theddy Probst, der Leiter der Beratungsstelle Sela. Bei der Vielfalt von heutigen Vorstellungen, könne es hilfreich sein, die eigenen Beziehungen ehrlich unter die Lupe zu nehmen und sich zu fragen, wo wir uns ernstgenommen, akzeptiert und wohl fühlten. Allerdings beeinflusse das von Kind auf gelernte Beziehungsverhalten unsere Bewertungen stark. Quer durch unsere Beziehungen ziehe sich mehr oder weniger deutlich dieser schmerzhafte Graben: „Wir hoffen und träumen und werden bitter enttäuscht. Wir setzen uns ein, geben alles und trotzdem entstehen böse Konflikte. Wir meinen es gut und versprechen viel und halten es dann doch nicht. Wir lieben und eines Tages merken wir, dass wir knallhart ausgenützt worden sind. Wir schauen auf andere herab und brauchen sie, um unsere Ziele zu erreichen.“ Zum Wesentlichen in einer Beziehung gehöre deswegen Zuwendung und Interesse am Gegenüber, Zeit schenken und Kommunikation, Verlässlichkeit und das Bemühen, sich gut zu vertragen, und ganz wesentlich die Bereitschaft, einander zu verzeihen: „Es braucht in einer Beziehung diese Deponie von Unrat, damit wir mit anderen weiterhin im Frieden unterwegs sein können! Und wir brauchen beide Zugänge zur Deponie, den für den eigenen Dreck und den für das grosszügige Loslassen vom Dreck der anderen. Beides landet auf demselben Haufen und ist bei Christus bestens aufgehoben.“

Zwischen den Referaten konnten sich die Gäste beim Apéro, der vom Effingerhort vorbereitet wurde, stärken und mit anderen ins Gespräch kommen. Mit einigen Anregungen für ihr Leben kehrten die Besuchenden nach einem gelungenen Abend nach Hause zurück.

Die Stiftung Sela bietet Seelsorge, Coaching und Beratung an für Einzelpersonen, Paare und Familien und auch Kurse und geleitete Gesprächsgruppen an. Auf der Website www.sela.ch finden Sie weitere Informationen.

Anita Job, Wetzikon

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