Leserbeitrag
Tag der offenen Tür der Sela in Aarau

Die Sela, Stiftung für Seelsorge, christliche Lebensberatung und Ausbildung an der Rathausgasse 2 in Aarau, öffnete kürzlich im Rahmen eines Themenabends ihre Türen und lud zum Nachdenken über „Reif werden" ein: In drei Kurzvorträgen referierten die Sela-Mitarbeitenden Psychologin Seraina Hintermann, Beraterin Silvia Gerber und Pfarrer Theddy Probst. Zwischendurch bot sich den zahlreichen Gästen die Gelegenheit zum persönlichen Austausch. Zudem stand ein reich gedeckter Apérotisch, zubereitet vom Effingerhort in Holderbank, bereit und die Gäste konnten sich an einem Wettbewerb beteiligen.

Marcel Siegrist
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Silvia Gerber, Beraterin und Pflegefachfrau für Psychiatrie, nützte für ihr Referat über „Wachstums-Wege" die Einladungskarte - welche die Füsse eines Mädchens zeigte, das in verschiedene grössere und kleinere Schuhe schlüpft - um die Gäste ins Thema einzustimmen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer wurden eingeladen, sich in verschiedene Rollen hineinzuversetzen, in die Rolle der Mutter, des Vaters, des Bruders. Zum Reifwerden gehört das Sammeln von Erfahrungen und da müssen auch Fehler drin liegen, denn „aus Fehlern lernt man ja am besten" oder positiv ausgedrückt „nur wer wagt, gewinnt." Gelerntes nehmen wir Menschen mit in die weiteren Phasen unseres Lebens, die uns wiederum mit neuen Fragestellungen konfrontieren und uns zu Anpassungsprozessen anhalten. So werden unsere Kompetenzen gefordert und auch gefördert. Die neuen Erfahrungen bereichern unseren Lebensstil und Neues wird integriert. „Integrieren heisst auch, sich laufend zu versöhnen, um nicht Bitterstoffe abzuspeichern, welche wachstumshemmend sind!" Auf diesem Weg sind wir angewiesen auf verlässliche Menschen, die zu uns stehen und uns unterstützen. Von innen heraus suchen sich alle Menschen Ziele und setzen Zeit dafür ein. So wachsen unterschiedliche Lebenspläne heran und wir entwickeln unseren eigenen Stil. Dabei gilt aber: „Ein reifender Mensch nimmt zu an Fähigkeit zur Verantwortung!" Alles Reifen der Menschen habe eine bestimmte Zeit, aber „die Liebe Gottes, die mir als Mensch täglich geschenkt wird, dauert eine Ewigkeit!"

Seraina Hintermann, die wegen ihrer MS Krankheit auf den Rollstuhl angewiesen ist, referierte über „Reif - mit, dank, trotz Schmerzen". Der wild gewachsene Holunder hinter ihrem Haus sei ihr ein gutes Beispiel, trotz Zurückschneiden und trotz schweren Steinen, die man auf ihn legte und die ihm das Leben schwer machten, behauptete er schliesslich doch seinen Platz, er setzte sich trotz Schwierigkeiten und Schmerzen durch! Reife sei ein Prozess, der nicht irgendeinmal einfach abgeschlossen sei, sondern immer wieder in eine neue Lebensphase führe, vom Kleinkindalter bis zum Leben als Senior. Es gehe darum angemessen mit den Anforderungen des Lebens umzugehen. In allen Phasen sei Reifung möglich und nötig und in jeder Phase könne Reifung mit Schmerzen verbunden sein. Bei grossen Herausforderungen stehe der Mensch in Gefahr, zu stark in der Vergangenheit zu schwelgen, so flüchte man dann in Fotoalben und alte Tagebücher, oder man stelle sich aus Angst vor der Zukunft fürchterliche Schreckensszenarien vor. Schmerzen hätten, wenn sie sich nicht verselbständigen, Sinn und Zweck, sie wiesen auf etwas hin, das Veränderung bedürfe, so trügen Schmerzen auch zur Reifung bei. Manchmal sei aber eine Veränderung gar nicht möglich z.B. bei Trauer oder dem Verlust von körperlichen Fähigkeiten, dann brauche es eine Änderung der inneren Einstellung. Der Psychiater Victor Frankl, Begründer der Logotherapie, strich heraus, dass das Spüren einer Differenz zwischen Ist und Soll uns ansporne, eine Veränderung zu wollen. Die Fähigkeit, trotz Schwierigkeiten gesund zu bleiben, neue Bewältigungsstrategien zu lernen und reifer auf die Herausforderungen des Lebens reagieren zu können, wird heute Resilienz genannt. Ein Mensch kann sich trotz schwieriger Lebensumstände gut entwickeln. Resilienz fragt nach den Faktoren, die zur guten Bewältigung beitragen, und auch nach den Ressourcen, die es ermöglichen, trotz widrigster Umstände, gesund zu bleiben. Seraina Hintermann schilderte auch das Auf und Ab, das sie in ihrem Leben erfährt, manchmal gelinge es ihr gut, trotz belastender Ereignisse, das Positive zu beachten, manchmal aber leider auch nicht. Es sei dann die innere Kraft, wie sie der Holunderstrauch gezeigt habe, die ihr helfe, aufzustehen und weiter zu machen. „Im Studium der Logotherapie habe ich den Satz gehört, dass ich mir von mir selbst nicht alles gefallen lassen muss! Das verzweifelte Grübeln tut mir nicht gut. Und Ihnen sicher auch nicht!"

In seinem Referat über „Äpfel und Birnen werden reif - unsere Seele auch?" stellte Theddy Probst das Reifemodell von Erik Erikson vor, das die Lebenszeit eines Menschen von der Kindheit bis ins hohe Alter in acht Phasen unterteilt, mit je eigenen Entwicklungsaufgaben und dazugehörigen Krisen, die bewältigt werden wollen. So stellt sich dem Kleinkind in den ersten Lebensmonaten die Herausforderung, ob es Urvertrauen gewinnen kann oder mit Misstrauen in die nächste Phase eintreten muss. Durch die konsistente und kontinuierliche Versorgung des Kindes in seinen körperlichen und seelischen Bedürfnissen kann es Vertrauen erfahren und nimmt als Gewinn für sein weiteres Leben Antrieb und Hoffnung mit. In den reifen Jahren des älteren Menschen spielt sich der zu bewältigende Konflikt zwischen Ich-Integrität und Verzweiflung ab: Die Ich-Integrität schaut auf das Leben zurück und weiss: „Es war gut so, wie es war!" Viele Schritte der Reifung, der Annahmen, des Verzeihens und Loslassen führten zu so einer weisen Einstellung, die sich von Dingen und Erlebnissen, die bisher sehr wichtig waren, auch lösen kann. Das Gegenstück dazu ist die Verzweiflung, die viel Not sieht und kaum Gutes wahrnehmen kann. Das Modell Eriksons beschreibt uns einen Entwicklungsweg der Person, stellt Entwicklungsaufgaben dar, formuliert Ziele und nennt Störungen, Irrwege und Sackgassen. Die acht Stufen können uns zur Selbstwahrnehmung anregen. Aber es stellt sich auch die Frage, wie der Glaube an Gott sich in diesen Phasen äussert und verändert. Bestimmt verändern sich im Laufe der Entwicklung die Fragen, auf die wir Antworten suchen, oder wir brauchen andere Antworten, als die, welche uns früher einleuchteten. So entwickelt sich auch der religiöse Mensch auf eine Reife hin. Und doch ist letztlich nicht die Reifung und auch nicht die Entwicklung oder die Herausgestaltung gewünschter Denk- und Verhaltensweisen entscheidend. Jesus erzählt das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, der eine stellt sich selbstbewusst und selbstzufrieden in die Mitte und rühmt sich selber, der Zöllner dagegen steht am Rande und bittet Gott nur: „Sei mir Sünder gnädig!" Jesus streicht heraus, dass der Zöllner mehr gerechtfertigt nach Hause ging. Das Vertrauen auf die Zuwendung Gottes sei wichtiger als jeder gewünschte Reifeprozess.

Der Tag der offenen Tür war eine gute Gelegenheit, nicht nur das Beratungsteam der Sela kennen zu lernen, sondern auch die Personen, die im Hintergrund für die Sela arbeiten, die Sekretärin Karin Buck und die Mitglieder des Stiftungsrates, welche tatkräftig beim Herrichten der Räume und beim Bewirten der Gäste mithalfen. Die Stiftung Sela bietet Seelsorge und Beratung an für Einzelpersonen, Paare und Familien. Die Dienste können von allen Menschen in Anspruch genommen werden, unabhängig von ihrer Religion. Daneben finden sich im Sela-Programm Kurse, Vorträge und Veröffentlichungen (viermal jährlich erscheinen die SelaNews). Die Beratungs- und Ausbildungsangebote beruhen auf einem christlichen Menschenbild. Die Kosten für die Dienstleistungen der Sela werden von den Ratsuchenden entsprechend ihren finanziellen Möglichkeiten übernommen. Als anerkannte gemeinnützige Stiftung nimmt die Sela auch (bei den Steuern abzugsberechtigte) Spenden entgegen. Erreichbar ist das Sekretariat über die Telefonnummer 062 823 10 04 oder über E-Mail infor@sela.ch; für weitere Informationen sei auf die Website verwiesen (www.sela.ch).

Theddy Probst

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