Leserbeitrag
Stadtführung Zofingen mit Marktfrau

Marcel Siegrist
Drucken
Teilen
Bilder zum Leserbeitrag

Bilder zum Leserbeitrag

Die in mittelalterlicher Kleidung auftretende Marktfrau zeigte auf die Brunnenfigur, die Niklaus Thut, den Stadthelden darstellt, und fast etwas verlegen sprach sie: „Als unser Fähnrich 1386 in der Schlacht bei Sempach mit seinen Kriegern in Bedrängnis geriet und sich zur Ehrrettung das Zofinger-Banner in den Mund steckte und daran erstickte, da standen wir eben noch auf der Seite der Habsburger“. Keine Ursache für die 25 Freiämter-Gäste, denn ihre Vorfahren standen just auf der gleichen Seite und verloren gegen die Eidgenossen. Ein kurzes zustimmendes Lächeln zeigte sich in dem Gesicht der Marktfrau.

Doch dann begann der Bummel durch die schöne Altstadt mit den prächtigen mittelalterlichen Gebäuden. Zofingen ist gerade mit zwei Gebäuden im Swiss-Miniature in Melide vertreten. Im Barbierhaus wurden nicht nur Bärte und Haare geschnitten, auch Zähne gezogen und Perücken mit Mehl gepudert, was oft den Befall mit Mehlwürmern zu Folge hatte. Ja, die Hygiene war noch kein Thema. In die Ehgräben fiel so Vieles hinab, Exkremente, Nachttöpfe wurden geleert, Essresten entsorgt, es stank bestialisch und unten ernährte sich davon ein Schweinchen. Müssten wir heutige Menschen in dieser Zeit leben, wir würden umgehend krank.

Bei der Justitia-Figur eine erneute eine Besonderheit: Sie trägt nicht wie anderswo üblich eine Augenbinde, die Zofingerin ist blind. Sie darf nicht auf das Äussere einer Person achten, ob reich oder arm, jung oder alt. Die Waage soll das Abwägen der Argumente darstellen, die unverhüllten Brüste bedeuten die nackte Wahrheit und das Schwert den Vollzug der Strafe. Aber keine Strafe ohne Geständnis, auch wenn dieses durch Foltermethoden erpresst wurde. Darauf folgte die Aufgabe des Schinders oder Henkers, dessen Haus auch gezeigt wurde. Der Henkersfamilie wurde nie die Hand gereicht, Henkerskinder mussten ein rotes Halstuch tragen, zur Schule durften sie auch nicht und eine Heirat war nur mit ihresgleichen aus einer anderen Stadt möglich.

Wegen der idealen Verkehrslage der Stadt Zofingen besuchten Marketender aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland die Markthalle während 3 bis 4 Tagen pro Monat. Bettler mussten die Stadt verlassen und sich ausserhalb beim „Bettlerbrünneli“ aufhalten.

So langsam frass sich die Kälte in Glieder der aufmerksamen Stadtbesucher und nach zwei Stunden waren alle froh, sich im Wirtshaus wärmen zu können und auch darüber, nicht im Mittelalter gelebt zu haben. Davon zu hören aber machte Spass.

Text: Hans Kaufmann

Aktuelle Nachrichten