Leserbeitrag
Solothurner Singknaben mit Geschmacksverstärker?

Tobias Leonharsd
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Begegnungen - das war der Titel der Motettenkonzerte, die die Singknaben der St. Ursen-Kathedrale am vergangenen Wochenende in der Jesuitenkirche in Solothurn und in der Stadtkirche in Olten nicht nur zu Gehör brachten. Der Titel war Programm, es begegneten sich nicht nur alte und neue Meister der geistlichen Chormusik, sondern auch der wie immer in Dynamik und Intonation eindrückliche Knabenchor begegnete Tänzerinnen des Tanzstudios Olten, deren Tanz mit grossem Anmut perfekt choreographiert dem Gesang einen zusätzlichen bewegten und bewegenden Ausdruck verlieh.

Als Gesamtkunstwerk waren beide Konzerte also durchaus stimmig, in beiden Disziplinen auf gewohnt hohem Niveau und damit Ausdruck einer Kunstfertigkeit der Jugend wie der intensiven (Zusammen-)Arbeit der Leitungspersonen Andreas Reize und Rosmarie Grünig.

Eine Rückfrage sei dennoch erlaubt. So wie zusätzliche "Erlebnisangebote" in den Bergen die Frage aufwerfen, ob die Alpen "Geschmacksverstärker" benötigen, sei die gleiche Frage bei den Singknaben gestellt. Denn ein Effekt war in den Konzerten eindeutig zu beobachten: Wo der Tanz hinzukam, liefen die Singknaben Gefahr zu "Hintergrundmusik" und "Statisten" zu werden. Eine sicher transintentionale Wirkung, aber im Sinne des Wortes frag-würdig. Denn was macht Konzerte eines Knabenchores so attraktiv? In erster Linie die Akustik des klaren ungezierten Gesangs zusammen mit den Männerstimmen im gesamten Register, die scheinbare Leichtigkeit trotz rhythmisch und harmonisch schwierigster Kompositionen, und eine Delokalisation des Geschehens im Klangraum, wo das Gesamte mehr ist als die Summe seiner Teile. Das Tenue der Singknaben ist nicht zuletzt deshalb eine Uniform, weil es um die Einheit eines komplexen Geamtklanges geht. Und doch ist die Präsenz, die Konzentration und Ernsthaftigkeit der einzelnen jungen Menschen in der Auseinandersetzung mit den anspruchsvollsten Kompositionen auch eine optische Qualität, die ihnen ins Gesicht geschrieben steht und den aufmerksamen Konzertbesucher fasziniert.

Beides rückte mit dem Tanz (und in weniger prägnanter Form auch der Saxophonbegleitung) in den Hintergrund. Man mag es "innovativ" nennen, eine "Weiterentwicklung", die formulierte Anfrage im Kontrast dazu dann "konservativ", doch erscheint es mir bedauerlich für die intensive Arbeit der Singknaben, wenn solche Art der sinnlichen Anreicherung die eigentlichen Qualitäten des traditionsreichen Chores zumindest teilweise in den Hintergrund verschiebt. Es sei ergebnisoffen gefragt, ob mehr dann wirklich mehr ist, und die Freude geäussert, die Qualität der Singknaben "pur" in Bälde wieder geniessen zu können.

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