Leserbeitrag
Schiefer brachte Brot und Staublunge

Urs von Tobel
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Für uns Rudolfstetter Männerturner ist es nicht nur Brauch sondern auch Herzenssache, dass wir unsere Ehefrauen und Partnerinnen einmal pro Jahr ausführen. Weil diesmal sogar das Wetter mitspielte, bestiegen wir keine Berge, sonnten uns auch nicht an lauschigen Stränden, sondern verschwanden im Innern des landesplattenberg, oberhalb der Gemeinde Engi im Glarner sernftal. So bewahrten wir unserer Damen nach dem wochenlangen Regen vor einem Sonnenbrand.

Die Heimatliebe hat den Ausflugsleiter Georg Schiesser nämlich dazu bewogen, uns Unterländer auch die Härte des Lebens seiner Glarner Vorfahren näher zu bringen. Diese, hiessen sie nun Hösli, Marti, Dürst, Bäbler oder eben Schiesser, bauten nämlich bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts am Landesplattenberg Schiefer ab, auf das Helvetiens Familien an Schiefertischen spachtelten, ihre Häuser mit Schieferplatten deckten und die Kinder auf Schiefertafeln schreiben lernten. Auch für den Nationalsport Jassen entpuppten sich die Schiefertische als unentbehrlich. Soweit die angenehmen Seiten des Schiefers.

Dank der Arbeit im Bergwerk ernährten die Väter ihre Familien - und holten sich eine Staublunge, die ihrem Leben bereits im Alter von 50 Jahren ein qualvolles Ende setzte. Im schwachen Licht der Öllampen lösten sie mit Hämmern die Platten und brachten sie mit Muskelkraft ans Tageslicht. Noch im 19. Jahrhundert buckelten ihre Kollegen diese Platten bis nach Schwanden - hin und zurück rund 42 Kilometer, also Marathondistanz. Um die Jahrhundertwende übernahm die Sernftalbahn den Transport.

Wir verwöhnten Flächländer empfanden bereits die Kälte im Bergwerk - rund 10 Grad - als unangenehm. Die Feuchte kroch in unsere Knochen während wir die drei "Stockwerke" hochschwitzten. Tonbildschau und fachkundige Kommentare der Führeer, gespickt mit zuweilen bissigem Glarner Humor, hielten usn bei Launde. Drei Jodlerinnen besangen, respektive behodelten die schöne Welt ausserhalb des Bergwerkes, was unsere Herzen erwärmte.

Nach rund zwei Stunden erblickten wir wieder das Tageslicht, stärkten uns mit Glarner Birnenbrot und fühlten uns an der Sonne kannibalisch wohl. "Das war eindrücklich", kommentierten die meisten von uns den wirtschaftshistorischen Ausflug. Worauf wir dem Schweinssteak und dem Roten zusprachen.

Urs von Tobel

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