Leserbeitrag
Rennrad-Fernfahrt Bilbao nach Sins

Marcel Siegrist
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Am 29. Mai 2018 brachen zehn passionierte Mitglieder des Veloclubs Sins zu einer Herausforderung der ganz besonderen Art auf. Mit dem Rennrad bewältigten sie in 16 Tagesetappen die gut 2000 Kilometer lange und über 30`000 Höhenmeter beinhaltende Strecke von Bilbao in Nordspanien quer durch Frankreich zurück nach Sins. Die abenteuerliche Reise führte sie, bei teilweise schwierigen Wetterbedingungen, von der spanischen Atlantikküste über unzählige Pässe durch wilde Gebirgsgegenden und vielseitige Landschaften, von den Pyrenäen ans Mittelmeer und über das Zentralmassiv und die Alpen zurück nach Hause.

Kaum auf dem Flugplatz in Bilbao angekommen wurden die ersten 30 Kilometer auf dem Velo voller Vorfreude und Spannung in Angriff genommen. Die erste Nacht verbrachte die Gruppe im baskischen Durango. Der zweite Tag brachte einen wettertechnischen Vorgeschmack. Bei Stark- und Nieselregen konnte die Traumstecke entlang der Atlantikküste nach Beasain, einer kleinen Industriestadt südlich von San Sebastian, nur mit Vorbehalt genossen werden.

Dichter Nebel verdeckte die schöne Aussicht auf der Weiterfahrt durch den Park Natural Urbasa-Andia in die Stadt Pamplona, die für ihre Stierkampftradition bekannt ist.

Auf der vierten bergigen Etappe durch die Pyrenäen über die französische Grenze nach Oloron kreuzten sich die Wege der Velofahrer immer wieder mit den Pfaden der Jakobspilger. Trotz üblen Wetterbedingungen mit anhaltendem Starkregen konnte die längste Etappe der Tour unfallfrei gemeistert werden.

Zwischen Oloron und Lourdes standen gleich mehrere Pässe auf dem Programm, bevor sie nach einer superlangen Abfahrt den weltbekannten Wallfahrtsort erreichten. Dank der frühen Ankunft konnten die Fahrer der berühmten Grotte von Lourdes einen Besuch abstatten.

Eine Königsetappe mit vielen anspruchsvollen Steigungen mit insgesamt fast 3500 Höhenmetern brachte sie nach Bagnères de Luchon, einem bekannten Kur- und Touristenort in den französischen Pyrenäen.

Am siebten Tag standen wieder vier Pässe auf dem Tagesprogramm. Der bekannteste ist der Col Portet d`Aspet, der schon mehr als fünfzigmal an der Tour de France gefahren wurde. Der Zielort Foix wartete mit einer hübschen Altstadt und einer trutzigen Burg auf.

Durch das Plantaurel-Massiv führte die Tour weiter nach Carcassonne. Die bekannte Stadt liegt an einer alten Handelsstrasse, die das Mittelmeer mit dem Atlantik verbindet. Die riesige mittelalterliche Festungsanlage «Cité» gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO.

In reinsten Renntempo flitzen die «Seiser Gümmeler» an abertausenden von Rebstöcken vorbei durch das ausgedehnte Weinbaugebiet des Languedoc-Roussillon nach Cap d'Agde. Alle hatten damit die erste Hälfte der Tour bravourös gemeistert und freuten sich nun auf einen erholsamen Ruhetag am Mittelmeer.

Eine weitere Flachetappe half nach der Pause, den Rhythmus wiederzufinden. Von Cap d’Agde führte die Strecke küstennah durch die Camarque und entlang der Rhone nach Avignon.

Gemeinsam mit unzählig vielen anderen Velofahrern erklommen sie am zwölften Tag den «Giganten der Provence», wie der Mont Ventoux auch genannt wird und fuhren durch endlos erscheinende Lavendelfelder bis nach Manosque im Naturparc Luberon. Die Bezwingung des mystischen Mont Ventoux war ein ganz spezieller Höhepunkt auf der langen Reise.

Bei besten Wetterbedingungen genossen die Fahrer die eindrücklichen, oft bizarren Landschaften der Seealpen. Tagesziel war Jausiers, nah an der Grenze zu Italien.

Die nächste Etappe hätte ein besonderes Highlight werden sollen. Da das Wetter aber derart schlecht war, entschloss sich die Gruppe aus Vernunftsgründen, die Etappe abzubrechen. Der Tourenleiter konnte im lokalen Tourismusbüro einen Bus organisieren, der alle trocken nach Valloire brachte.

Nach einem ungeplanten Bremskabel-Reparaturstopp zum Tagesauftakt ging es weiter über den Col du Télégraphe und den Col de Madeleine zum Etappenziel Bourg-St.Maurice, wo sie von einem Reporter für einen Bericht in der lokalen Zeitung fotografiert und interviewt wurden. Wie waren sie froh, dass ihr Begleitfahrer als pensionierter Lehrer mit Französischkenntnissen brillieren konnte.

Von Bourg-St Maurice führte der Weg über Kleinen St. Bernhard ins italienische Aostatal. Auf dem Grossen St. Bernhard überquerten sie anschliessend die Schweizer Grenze. Nach einer langen, oft auch gefährlichen und vor allem bitterkalten Abfahrt erreichten alle ziemlich durchfroren Martigny.

Am zweitletzten Tag radelten sie entlang der Waadtländer Riviera nach Vevey und über Berg und Tal ins Freiburger-Land. Zur Überraschung aller wurden sie in Avenches von zwei Clubkolleginnen erwartet, die extra angereist waren, um das «Rennteam» auf der finalen Etappe zu begleiten.

Müde, aber voller Vorfreude nahmen die Fernfahrer die letzten 123 Kilometer in Angriff. Von Avenches ging es via Murten nach Wohlen bei Bern und durchs Emmental der Heimat entgegen.

Am Freitagnachmittag, 15. Juni 2018, 15.30 Uhr erreichten alle zehn Rad-Fernfahrer und ihr Begleiter gesund, glücklich und zufrieden wieder den Ausgangsort Sins.

Wir waren alle stolz auf die grosse sportliche Leistung, die wir gemeistert hatten und dankbar, dass wir von grösseren Unfällen und Verletzungen verschont geblieben waren. Es war eine Tour der Superlative, auch wenn uns das Wetter nicht immer wohl gesinnt war. (Urs Schönenberger)