Leserbeitrag
Paul Riniker erklärt «Usfahrt Oerlikon»

Marcel Siegrist
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Am letzten Donnerstag war Paul Riniker – einer der bekanntesten Filmemacher der Schweiz – zu Gast bei der SP Lenzburg-Ammerswil. Für einmal ging es nicht um Parteipolitik, dafür um ein nicht weniger politisches Thema, nämlich unser Verhältnis zu Altern, Sterben und Freundschaft. Paul Riniker, in Aarau aufgewachsen, an sich Jurist und früher Gerichtsberichterstatter, Journalist und Mitarbeiter einer Anwaltskanzlei, kam über sein Flair für Dokumentarfilme zum Fernsehen – „dort blieb ich viel zu lange“ – und inzwischen zu Spielfilmen. Nunmehr ist er in aller Munde wegen des neuen Klassikers „Usfahrt Oerlike“, dieser „Abschiedsvorstellung“ der beiden grossen Volksschauspieler Jörg Schneider und Mathias Gnädinger. Für ihn, so erzählte Riniker im Gespräch mit der Moderatorin Sophie Bertschinger von der Lenzburger Kulturkommission, sei von allem Anfang an klar gewesen, dass die Hauptrolle („Hans Hilfiker“) der bereits schwer kranke Jörg Schneider spielen musste, als er sich mit dem ursprünglich von Thomas Hostettler stammenden Text („Exit“) auseinanderzusetzen begann. Ebenso sei klar gewesen, dass das Drehbuch (von Christa Capaul) stärker auf Rinikers Geschichte und seine Schauspieler ausgerichtet werden musste – am Ende zur grossen Freude des ursprünglichen Autors. Schwieriger sei die Besetzung der anderen Hauptrolle („Willi“) gewesen, zumal Jörg Schneider anfänglich über die Wahl von Mathias Gnädinger nicht gerade glücklich gewesen sei. Dann aber habe sich dieser in rührender Weise um den gesundheitlich viel angeschlageneren Jörg Schneider gekümmert, so dass zwischen den beiden, die sich zuvor nicht näher gekannt hätten, so etwas wie eine späte Männerfreundschaft entstanden sei. Beide hätten auf die definitive Form ihrer Rollen eingewirkt, zuweilen auch auf den Text. Dass schliesslich Gnädinger vor Schneider gestorben sei, könne man als bitterböse Ironie sehen, vor allem da der scheinbar Rüstigere in einer Filmszene zu Schneider sagt: „I stirbe villicht ja no vor Dir“. Das Thema Exit habe alle Beteiligten persönlich sehr beschäftigt. Ironischerweise habe Jörg Schneider das eher kritisch-distanziert gesehen, wogegen Heidi-Maria Glössner, die im Film in einem Dialog mit Schneider Exit heftig ablehnt, im realen Leben diese „Usfahrt“ nachhaltig verfechte. Riniker selber ist, obwohl Exit-Mitglied, wie er offen sagte, nicht so sicher wie er sich am Ende entscheiden würde, wie ja auch sein Film durchaus nicht als Plädoyer für oder wider diese Option rüberkommt. Gerade diese Offenheit des Filmemachers und die Einbettung seines Schaffens in seinem eigenen Wesen machte den Abend, an welchem sich viele aus dem Publikum zu Wort meldeten, nicht nur informativ, sondern zutiefst berührend.