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«Tut um Gottes Willen etwas Tapferes»

Bettina Weissenbrunner
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(chm)

Unter dem Titel «Wo Tradition und Transformation miteinander tanzen» trafen sich am 22. Oktober rund 80 Frauen in Baden zum 25. Mal zum FrauenKirchenFest. Es war ein dem Jubiläum gewidmeter Anlass mit kirchlicher Feier, gemeinsamem Mahl, Tischreden und viel Anregendem.

Die vergangenen Frauenkirchenfeste haben Frauenthemen in die Diskussion beider Konfessionen gebracht und sichtbar gemacht. Sie haben Frauenwelten und Frauen in der Bibel aufgespürt, auch versteckte und namenlose, aufmüpfige und rebellische. Sie haben die Lebensrealität und den Alltag der Frauen, ihr Erleben, Denken und Fühlen neu geprägt und gedeutet. «Wir haben Frauen vom Rand in die Mitte gestellt», sagte Pfarrerin Kerstin Bonk von der reformierten Fachstelle Frauen, Männer und Gender an der Feier in Baden. Viel habe sich verändert seit dem ersten Kirchenfest, «aber noch immer sind Frauen nicht auf allen Ebenen und in allen Ämtern gleichberechtigt vertreten», so Bonk. «Vor allem nicht dort, wo es um viel Macht und Einfluss in der Kirche oder in der Deutungshoheit der Theologie geht.»

In der kirchlichen Feier, die den Auftakt zum Fest machte, lehnten sich die Organisatorinnen an das Gleichnis Jesu vom Sauerteig aus dem Matthäusevangelium an. Susanne Metzger hatte, inspiriert von diesem Gleichnis, die Erzählung von «Hanna und dem Brot» für diesen Anlass geschrieben. Die Brotzubereitung, die damals Sache der Frauen war, war eine anstrengende Arbeit, die wenig Beachtung fand und doch lebensnotwenig war. Eine typische Frauenarbeit, die wenig gewürdigt wurde und den Männern unattraktiv erschien. Doch in der Erzählung von Susanne Metzger sah Jesus, was Hanna tat und würdigte ihr Brotbacken als Arbeit für das Reich Gottes.

Auch in der heutigen Zeit kneten Frauen Teig, den Teig der Gesellschaft, den Teig der Kirche, der Traditionen und der Transformationen. An dieser Tätigkeit dranzubleiben, dazu rief auch Heidy Anneler, Sozialdiakonin bei der Reformierten Kirchgemeinde Baden plus, auf. «Wir haben mit unserem Korn viel verändert. Bleiben wir dran!» Und etwas provokant: «Wer will denn schon Ähren essen?»

Nach der eindrücklichen Feier gingen die Frauen zum geselligen Teil über. Im Saal des Kirchgemeindehauses Baden tafelten die rund 80 Gäste gemeinsam. An den Tischen wurde eifrig diskutiert. Dazwischen erfreute der philippinische Frauenchor Neuenhof mit wunderschönem Chorgesang und spielerisch leichten Tänzen.

Neben Essen, Geselligkeit und Unterhaltung standen die Tischreden zweier Frauen im Fokus von Theologin und Philosophin Imelda Abbt sowie von Vera Becker, Co-Präsidentin der Jungen Grünen Aargau. Zwei Generationen, zwei engagierte und starke Frauen, die ein Altersunterschied von über 60 Jahren trennt, aber grosse Engagement für sie Sache der Frauen vereint. Die 84-jährige Imelda Abbt, die zehn Jahre als Dominikanerin in einem Kloster lebte, hat immer neue Wege gesucht und gefunden. «Man muss sich mit dem Ewigen beschäftigen, um aktuell zu sein», sagte sie eindringlich und wies auf die Worte des einstigen Tischredners Martin Luther hin: «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes!». Und Imelda Abbt fragte hoffnungsvoll: «Gehen wir vielleicht vom postmodernen ins neoreligiöse Zeitalter? Könnte das sein?»

Die zweite, nicht minder engagierte Tischrednerin war die 22-jährige Politikerin und Studentin Vera Becker. Sie sprach über Klimafeminismus. Vera Becker sagte, dass es zwischen Eltern und deren Kinder einen «unspoken contract» gebe, also einen inoffiziellen Vertrag, dass die Eltern versuchen, den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Die Eltern würden beispielsweise ihr Land verlassen und in ein anderes migrieren, wo die Kinder eine gute Schule besuchen können und einen besser bezahlten Job kriegen.

«Doch nun geht der Vertrag nicht mehr auf», sagte die 22-Jährige. «In meiner Generation heisst es plötzlich nicht mehr: ‹Wie kann ich meinen Kindern ihr zukünftiges Leben erleichtern›, sondern: ‹Möchte ich zukünftig noch Kinder haben, die mit der voranrasenden Klimakrise leben müssen?›» Eine Antwort liefere der Klimafeminismus. Wie eine Studie der ETH zeigt, hat das Geschlecht in der Schweiz einen Einfluss auf den ökologischen Fussabdruck. Frauen verbrauchen weniger Strom, haben ein höheres Umweltbewusstsein, kaufen mehr Bioprodukte und sind beim Recycling konsequenter.

Auch im Berufsleben gibt es Unterschiede. So arbeiten Männer eher in Berufen, die die Umwelt stärker belasten, während Frauen oft in Dienstleistungsberufen tätig sind. Aus ökologischer Sich laute die Devise, dass Männer für typische Frauenberufe sensibilisiert werden sollten. Vera Becker: «Die Zukunft liegt in der Care-Gesellschaft und nicht in der Produktionsgesellschaft.»

Im Schlussgespräch trafen die beiden Frauen aufeinander. Sie waren sich einig, dass das Leben Orientierung brauche und dass diese in der Kirche gefunden werden kann. Sie kann Antworten geben auf unsere Fragen, sie kann sich einsetzen für die Rettung unseres Planeten. «Wir müssen unserem Planeten Sorge tragen», appellierte Imelda Abbt, und sie sei froh, dass dies jetzt endlich thematisiert wird: «Wir sind auf dem Weg.»

Vera Becker sagte abschliessend, dass ihre Generation viel lernen könne von der Vorangegangenen. Diese habe einen grossen Wandel erlebt. Davon gelte es zu profitieren. «Du warst eine Vorreiterin für uns und kannst stolz sein, dass dieser Wandel in der neuen Generation angekommen ist», sagte die 22-Jährige zu der 84-Jährigen. «Vieles ist möglich, wenn wir mutig sind und für unsere Anliegen einstehen.»

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