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Kaminfeuergespräch mit Ruedi Weber im Falkenstein Menziken

Annette Heuberger
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Bild: Annette Heuberger
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(chm)

Am 15. Februar 2021 durfte Annette Heuberger, Kümmerin, Ruedi Weber aus Menziken zum Kaminfeuergespräch in der Residenz Falkenstein begrüssen. Wer kennt ihn nicht, den Troler Ruedi, oder eben Ruedi Weber vom Trolerhof Menziken. Er ist ein Menziker Urgestein, Lehrer, ehemaliger Grossrat, Musiker, Gleitschirmflieger, Landwirt, Biopionier und, und und…

Wenn man zu Beginn des Berichtes liest, dass Ruedi Weber ein Menziker Urgestein ist, so muss man wissen, dass sein Grossvater auf der Burg geboren wurde und dort aufwuchs. Familie Weber, später besser bekannt unter dem Namen «Schriner Reini», hatte ihre Wurzeln an der Rössligasse in Burg. Die Familie war sehr arm, wie Ruedi Weber ausführte, was aber in der damaligen Zeit nichts Aussergewöhnliches war. Nach der Schule arbeitete Grossvater Weber während zweier Jahre in einer Zigarrenfabrik und machte dort sogenannte Wickel. Danach durfte er bei der Schreinerei Merz an der Bahnhofstrasse in Menziken eine Schreinerlehre absolvieren. (Die Schreinerei stand dort, wo nachher die Papeterie Blösch, dann die Papeterie Portenreuther und zuletzt das Reisebüro Wynental beheimatet waren.)

Nach der Lehre folgten einige Stationen in der ganzen Schweiz auf dem Beruf als Schreiner. Dann wagte der junge Handwerker sogar den Schritt in die USA. Das war zu jener Zeit noch nicht so einfach zu bewerkstelligen, wie dies heute der Fall ist. Da Grossvater Weber sich ein Bahnbillett nicht leisten konnte, musste er zu Fuss bis nach Le Havre. Von da aus ging es dann auf die beschwerliche Reise per Schiff bis nach New York. Dem jungen Mann machten ganz besonders die sogenannten «Seebegräbnisse» auf der Überfahrt zu schaffen. Nachts wurden alle, die tagsüber auf der Reise verstorben waren, dem Meer übergeben. Das hat Reini Weber sehr berührt und auch später erwähnte er dies immer wieder in seinen Erzählungen. Angekommen in New York, reiste er weiter zu seinem Onkel Otto. Dieser war Bauer, oder Farmer wie das in Amerika heisst, in der Nähe von Saint Louis. Aber der Onkel war nicht auf Rosen gebettet. So war dem jungen Einwanderer lediglich ein Aufenthalt von zwei Wochen möglich. Onkel Otto konnte es sich schlicht nicht leisten, ihn bei sich aufzunehmen.

Reini Weber fand eine Anstellung bei der Firma Pullmann beim Eisenbahnwagenbau. Dort waren Schreiner gesucht. Als tüchtiger und exakter Schweizer war er sehr geschätzt. Er musste für diesen Erfolg jedoch hart arbeiten. Er sprach kein Englisch und die amerikanischen Masse bereiteten ihm anfangs sehr grosse Mühe. Er verbrachte unzählige Stunden im stillen Kämmerlein, beim Umrechnen der fremden Masseinheiten. Leider wollte sein Schatz den Schritt in die USA nicht wagen. Die Liebe zu seiner späteren Ehefrau war so gross, dass er für sie den Amerikatraum nach vier Jahren aufgab und ihr zuliebe wieder in die Schweiz zurückkehrte. Im Gepäck 7000— Dollar, was damals viel Geld war.

Nach der Rückkehr in die Schweiz heiratete er seine grosse Liebe und er arbeitete bei seinem Schwiegervater in der Schreinerei Merz. Das Ehepaar liess sich an der Risistrasse in Menziken nieder. Aus dieser Ehe entsprang unter anderem Reini (eigentlich Reinhold) Weber Junior, der Vater von Ruedi Weber. Dieser absolvierte eine Banklehre. Er fühlte sich aber schon immer dem Werkstoff Holz zugetan. So brachte er sich autodidakt das Schreinerhandwerk bei und stieg in die vom Vater mitgegründete Firma «Vereinigten Schreinereien» ein. Später übernahm er die Firma und führte sie erfolgreich weiter. Reini Weber Junior heiratete Ruth Wirz aus der Hebammen Wirz Dynastie. Das Ehepaar Reini und Ruth Weber-Wirz hatte vier Kinder. Ruedi Weber war der zweitjüngste Spross der Familie. Sowohl seine Jugend wie auch seine Schulzeit verbrachte er in Menziken. Die Familie zügelte in ihr Eigenheim. Das Haus steht noch heute markant zwischen Schwarzenbach- und Trolerstrasse. Ruedi war schon als Kind gerne in der Natur und verbrachte jede freie Minute draussen. Gegen Ende der Schulzeit ging es darum, einen Beruf zu erlernen. Sein Vater hätte es gerne gesehen, wenn er Schreiner gelernt hätte und in den eigenen Betrieb «die Vereinigten Schreinereien, Menziken» eingestiegen wäre. Das war aber überhaupt nicht nach Ruedi Webers Geschmack. Seine zwei Schulfreunde Urs Eichenberger und Andi Steinbeck überzeugten ihn vom Lehrerberuf. So startete er am Lehrerseminar in Wettingen seine Ausbildung zum Pädagogen. Ruedi, vorher eigentlich immer in der Natur und nun plötzlich nach Wettingen versetzt. Das Lehrerseminar im Kloster Wettingen war eingeklemmt zwischen Autobahn und Bahnlinie. Er fühlte sich dort nicht besonders wohl. Zu gerne hätte er abgebrochen und wäre ins beschauliche Wynental zurückgekehrt. Damit waren aber seine Eltern nicht einverstanden. So galt es durchzubeissen. Rückblickend erzählte Ruedi Weber, dass die ersten zwei Jahre für ihn eine harte Prüfung in seinem Leben gewesen seien. Dann stand er da als ausgebildeter Primarlehrer. Da er äusserst vielseitige Interessen hatte, konnte er sich nicht vorstellen, nun bis zur Pensionierung als Primarlehrer zu arbeiten. Er wollte weiter studieren, da sein Wissensdurst sehr gross war. Aber auch da waren seine breitgefächerten Interessen nicht gerade hilfreich bei der Festlegung der Zukunft. Erst das Studium als Historiker fesselte ihn wirklich. Dieses Studium schloss er erfolgreich ab. Anschliessend hatte er in Zürich während eines halben Jahres eine Assistentenstelle. In dieser Zeit musste für den Trolerhof ein neuer Pächter gefunden werden. Er beschloss, die Herausforderung als Landwirt anzunehmen (seine Schwester führte dann das Restaurant). Aber Ruedi Weber hatte, wie er selbst sagte, keine Ahnung von der Landwirtschaft. Bevor er dort startete, machte er beim legendären «Chasere Ruedi» ein einmonatiges Praktikum. Voller Fragen, aber ohne Erfahrung sei er gewesen. Während dieser Zeit war einmal der Tierarzt auf dem Chaserehof. Der Arzt fragte Ruedi Merz, wie sich denn der Praktikant so anstelle und ob er glaube, dass Weber etwas tauge zum Landwirt. Die Antwort an den Tierarzt liess wenig Hoffnung zu. Als er dann selbst dem Trolerhof als Landwirt vorstand, waren ihm seine Bauernkollegen rund herum eine sehr grosse Hilfe. Sie unterstützten ihn mit vielen Ratschlägen. Dabei hatte es auch solche, die er nicht umsetzen konnte. Aber das ist wohl das Schwierigste an Ratschlägen: Zu merken, welche für einen selbst taugen und welche nicht. Als Bauer wollte er mit der Natur arbeiten und nicht gegen sie. Das war ihm von Anbeginn her wichtig. Der Einsatz von Gift war ihm zuwider. Das führte ihn zur Biolandwirtschaft. So wurde er zum Biopionier im Wynental. Auch heute besticht der Trolerhof durch Hecken, Blumenwiesen und viele Hochstammobstbäume. Das Motto von Ruedi Weber war und ist: Brot und Blumen. Nebst der Landwirtschaft war er als Lehrer mit einem kleinen Pensum tätig. Das gewährte ihm ein sicheres Einkommen, was ihm etwas Druck nahm und das er sehr geschätzt hat.

Daneben hatte Ruedi Weber natürlich noch viele andere Interessen. So liess er sich auch für Politik begeistern. Viele Jahre war er beim Landesring 1. Ersatzmann. Dann wurde er für die Grünen als Listenfüller, wie es Ruedi Weber darstellte, angefragt. Am Wahltag war er auf dem Feld tätig. Er hörte dabei Radio und vernahm in den Nachrichten, dass ein Ruedi Weber aus Menziken mit einem Glanzresultat in den Grossen Rat gewählt wurde. Sozusagen vom Traktor in den Grossen Rat! Daneben kennen viele Ruedi Weber als exzellenten Musiker. Die Beichte, dass er das Notenlesen nie gelernt habe, trotz grosser Bemühungen des Musiklehrers im Seminar, konnten die Anwesenden kaum glauben. Er erzählte auf erheiternde Art, mit welchen Tricks er sich musikalisch durch das Seminar gebracht hatte.

Gelegentlich geht Ruedi Weber in die Luft. Nein nicht als Wutbürger, sondern als Gleitschirmpilot. Diesem Hobby frönt er zum Abschalten und mit Leidenschaft. In unserer Region ist er auch hier ein Pionier. Man ist versucht zu sagen, ein kleiner Daniel Düsentrieb.

Die interessanten und amüsanten Ausführungen fesselten die Zuhörerinnen und Zuhörer. So war es nicht verwunderlich, dass der Abend im Schnellzugtempo vorbeiging. Lieber Ruedi, wir haben die Zeit, die du uns geschenkt hast, sehr genossen.