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Der «Brückenschlag» über die Reuss bei Fischbach-Göslikon und (Fahr-)Sulz

Bernhard Meier
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(chm)

Die Gemeinderäte von Künten und Fischhbach-Göslikon gehen mit geballter Kraft für den Bau eines Fussgängerstegs über die Reuss in die Offensive. Am 16. Juli 2021, kaum zufällig nach Beginn der Sommerferien, publizierten sie im gemeinsamen Amtsanzeiger verwirrliche Gesuche, der eine für ein «Bauprojekt Fussgängersteg Reuss», der andere, unter dem Titel «Auflage Vorentscheid Fussgängersteg Reuss», für ein «Bauobjekt» gleichen Namens. Als Bauherrschaft tritt die Gemeinde Künten auf. Über Zeitungsmedien wird gleichzeitig intensiv um Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit geworben.

Vage Vorstellungen von einer festen Überbrückung der Flussstrecke Bremgarten-Gnadenthal gab es spätestens seit dem Abschluss 1916 der «Reusskorrektion» Sulz–Fischbach-Göslikon. Sie wurden von Regierungs- und Grossem Rat nie übernommen. Vor einigen Jahren allerdings begannen sie, Gestalt anzunehmen: Die Gemeinde Fischbach-Göslikon lag mit Pro Natura Aargau in einem Zwist um die Aufwertung des Auengebiets «Grien». Der Künter Gemeindeammann Werner Fischer (siehe Aargauer Zeitung vom 23.7.2021) nutzte die Gunst der Stunde; er gewann die Nachbargemeinde, für die gemeinsame Planung eines Reussstegs Hand zu bieten. Pro Natura sollte mit ins Boot kommen, wollte sie ihr ursprüngliches Ziel im Auge behalten.

Der nunmehr grob geplante Steg, 120 Meter lang und zwei Meter breit, würde das rechte Flussufer beim Campingplatz Sulz mit dem linken bei der Gösliker «Höll», einem Ried- und Auengebiet, verbinden. Er würde weit weniger dem gesellschaftlichen Austausch der Standortgemeinden als der Schaffung einer Tourismusregion dienen. Entsprechende Absichten legt der Planungsbericht zur Teilrevision 2018 der Bau- und Nutzungsordnung der Gemeinde Künten bloss.

Die Ebene um (Fahr-)Sulz und Fischbach-Göslikon prägen zwei teils verlandende, teils in jüngerer Zeit renaturierte Reusssltläufe, einer um den rechtsufrigen Rohrhof, ein anderer um die linksufrige «Sulzer Insle». Sie, Ergebnisse der mehr als einhundert Jahre dauernden Bemühungen um Bändigung des mäandrierenden Flusses, bergen eine reiche Tier- und Pflanzenwelt. Der prächtige Auenwald im «Rohrhau», mehr als drei Hektaren gross, ging bereits in der Anbauschlacht des Zweiten Weltkriegs verloren. Nun bedrohen der Bau des Stegs und die damit einhergehende breite Öffnung der Landschaft für Erholungsuchende, Freizeitsportler und Vergnügungsbedürftige noch letzte seltene Naturwerte.

Die Hartnäckigkeit, ja Verbissenheit, mit welcher der Gemeinderat Künten unter Werner Fischers Führung die Planung des Reussstegs vorantreibt, ist erstaunlich. Sie geniesst allerdings das Wohlwollen übergeordneter Instanzen, nicht zuletzt des Präsidenten des Regionalplanungsverbands Mutschellen-Reusstal-Kelleramt, dessen eigenes städtisches Tourismuskonzept aus dem Gelingen des Vorhabens den grössten Nutzen zöge.

Zu Beginn der 1960er-Jahre begannen Wissenschafter und engagierte Umweltschützer, vor den Gefahren rasch um sich greifender Verluste von Landschafts- und Naturwerten im Aargauer Reusstal zu warnen. Eine Folge davon war der Erlass des Reussuferschutzdekrets 1966 durch den Grossen Rat. Mehrere der darin enthaltenen Bestimmungen stehen dem Bau des geplanten Reussstegs diametral entgegen. Zu hoffen ist, dass das Kantonsparlament nach jahrzehntelang weiter zunehmender Landschaftszerstörung und beschleunigter Verarmung von Flora und Fauna die Hoheit über den Landschafts- und Naturschutz an der Reuss vor ehrgeizig auf Erfolg bedachten Lokal- und Regionalpolitikern verteidigen wird.

Bernhard Meier, Künten

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