Leserbeitrag
Konsum – der erste Schritt zur Sucht?

Das Konsumverhalten von Jugendlichen hat sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert. Oft ist der Schritt zur Sucht nicht gross. Die Elternmitwirkung Würenlos lud am 19. März zu einem Informationsabend ein, dem rund 50 Eltern Folge leisteten.

Marcel Siegrist
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Der heutige Alltag von vielen Jugendlichen ist geprägt von einem Überangebot an Kaufreizen, dem viele nicht widerstehen können. Der Wunschzettel für die Grosseltern oder die Gotte liest sich heute wie ein Elektronikprospekt oder Spielzeugkatalog. Damit Kinder lernen, verhältnismässig zu konsumieren, sind die Eltern gefordert. Deshalb organisierten Dave Bruckenburg, Osteopath mit Weiterbildung in Ernährungsmedizin und Claudia Insipidi, Psychologin FSP von der Elternmitwirkung Würenlos einen Informationsabend, um sowohl einen psychologischen als auch einen physiologischen Erklärungsversuch für das heutige Konsumverhalten zu vermitteln. Beide arbeiten in der Komplementär-Praxis Würenlos und sind immer wieder mit Kindern, welchen Probleme aus dem andauernden Konsum entstehen, konfrontiert.

Sie erklärten anschaulich anhand von Praxisfällen, dass der Konsum entweder sehr rational abläuft, dass er des Ansehens willen passiert (Vergleich mit Alterskollegen) oder dass er ein anderes Bedürfnis befriedigt („Frustkauf“). Letzteres kann auch durch fehlende Zuneigung oder Zeit seitens der Eltern verursacht werden. Wenn dieses gepaart wird durch ein Verhalten, das angenehme Konsequenzen zur Folge hat (beispielsweise fernsehen zur Entspannung), ist ein grosses Suchtpotenzial vorhanden. Ein ähnliches Phänomen ist das Kiffen. Oft beginnt man damit, weil die Orientierung im Leben fehlt. Das entspannende Gefühl belohnt den Jugendlichen und kann ihn dazu bewegen, dies wiederholt zu tun.

Dave Bruckenburg ging das Thema Sucht von der physiologischen Perspektive an, das heisst, er erläuterte, was im Körper hormonell abläuft. Dass Zucker abhängig machen kann, ist zwar allgemein bekannt. Heute weiss man aber, dass dafür körpereigene Stoffe verantwortlich sind, die bei einer Nichterfüllung eines Bedürfnisses zu Entzugserscheinungen führen können. Diese können auch bei spassmachenden Tätigkeiten - sei es Sport oder Gamen - ausgeschüttet werden, wobei dann die positive Wirkung überwiegt. Oft wird diese Anstrengung mit schneller Energie, sprich Zucker, ausgeglichen.

Konsum kann auch Ängste, die es gerade in der frühen Kindheit und während der Pubertät gibt, kompensieren. Dabei kann die Schutzfunktion der Angst ausgeschaltet werden. Statt ein Problem anzupacken, wird es vermieden. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Sportler sowie Personen mit ausgewogener Ernährung (wenig Kohlenhydrate) und Personen mit genügend Ruhephasen (z.B. Faulenzen am Sonntag) weniger Ängsten ausgesetzt sind und somit auch weniger konsumieren müssen.

Ein neuzeitliches Phänomen ist auch der Konsum aus Langeweile. Kinder, die dauernd überaktiv sind, wissen mit Ruhepausen nichts anzufangen und beschäftigen sich deshalb mit ziellosem Shoppen. Exzessiver Konsum tritt auch öfters in Familien, bei denen beide Elternteile arbeiten müssen und das Kind zu wenig Beachtung findet (Liebesersatz), auf. Als „Entschädigung“ möchte man dem Kind in der Freizeit alles bieten, was zwischenmenschlich fehlt.

Eine intensive Beziehung Kind-Eltern - und hier zählt Qualität vor Quantität - ist eine gute Voraussetzung, dass Sucht erst gar keine Chance hat. Dabei – und dies war zugleich das Fazit der erfolgreichen Veranstaltung – geht es nicht darum, das Kind mit Frühenglisch, diversen Sportarten und Instrumentalunterricht einzudecken, sondern ihm auch Freiraum zu schaffen, in dem es abschalten kann.

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