Leserbeitrag
Juden im Surbtal - "Masel Tow"

Bruno Schmid
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Eine jüdische Love Story

Die junge Fabienne Kramer hat als Maturarbeit einen lebendigen, historischen Kurzroman geschrieben, welcher sogar ausgezeichnet wurde. Sie beschreibt darin den Alltag einer jüdischen und einer christlichen Familie, welche Tür an Tür wohnt.

Wer in Lengnau aufwächst, kommt fast automatisch mit der jüdischen Geschichte dieser Surbtaler Gemeinde in Berührung. Dies animierte auch die einheimische Studentin Fabienne Kramer, sich intensiv mit dem Judentum zu befassen. Und Stoff lieferten die Recherchen genug. Schliesslich durften sich die Juden ab 1622, während rund 200 Jahren, nur in Lengnau und dem Nachbardorf Endingen ansiedeln. Und dies mit rigorosen Einschränkungen. Sie durften weder Land besitzen, noch mit Christen unter einem Dach wohnen. Mangels anderen Möglichkeiten, wurden die Juden zu gewieften Händlern und Geldverleihern und machten dabei gute Geschäfte, während sich die christlichen Einwohner vor allem mit Landwirtschaft abplagten. Trotz Reibereien profitierten beide Volksgruppen voneinander. Als während dem 30- jährigen Krieg immer mehr Juden ins Dorf kamen, wurde es den Einheimischen zuviel und sie beschwerten sich beim Vogt in Baden. Dieser stellte sich jedoch hinter die jüdische Bevölkerung und sicherte deren Aufenthaltsrecht mit Schutzbriefen ab, für welche er aber einen schönen Batzen Geld kassierte. Um 1850 stellten die Juden schon rund einen Drittel der Einwohnerschaft. Sie bauten eine Synagoge und ein Schulhaus, hatten einen eigenen Gemeinderat und ein eigenes Schulsystem und umgingen zusammen mit den christlichen Mitbewohnern das Verbot des Zusammenlebens unter einem Dach. So entstanden die typischen Doppelhäuser mit zwei nebeneinander liegenden Haustüren, eine Seite für den Juden, die andere Seite für die christliche Familie, der Jude gab das Geld für den Hausbau und der Christ erledigte die Arbeit.

Ungleiche Behandlung

Zwar habe das Zusammenleben der beiden Kulturen ganz gut funktioniert und dadurch hätten beide Seiten eine gewisse Toleranz entwickelt. „Doch die Gleichberechtigung fehlte und die Christen behandelten die Juden meist nicht sehr nett,“ so erklärte Karl Wiederkehr, von der Vereinigung für Heimatkunde des Bezirks Baden (www.vfhk.ch). Diese hatte diesen Anlass mit der jungen Autorin Fabienne Kramer organisiert und viele interessierte Mitglieder mitgebracht. Fabienne Kramer hatte sich für ihre Maturarbeit durch die ganze jüdische Geschichte des Surbtals gelesen und gab ihr Wissen gerne weiter. „Während es der jüdischen Bevölkerung strikt verboten war, am Sonntag einer Beschäftigung nachzugehen, nahmen die Christen absolut keine Rücksicht auf die jüdischen Feiertage oder den Sabbat,“ erzählte sie. Dies habe meist zu unzähligen Debatten geführt!

„1866 wurden dann alle Beschränkungen für die jüdischen Einwohner aufgehoben und die grosse Abwanderung begann. Heute leben nur noch rund 20 jüdische Einwohner in beiden Orten,“ erklärte Fabienne Kramer der Besucherschar. Sie hatte diese an einige markante Stellen im Dorf geführt und diesen das, was sie darüber recherchiert hatte, nahe gebracht.

Idee zur Geschichte

Das erworbene Wissen über das Judentum des 19. Jahrhunderts nutzte Fabienne Kramer auch für ihre fiktive Geschichte aus jener Zeit. Sie beschreibt darin den Alltag zweier Familien, einer jüdischen und einer christlichen, welche in Lengnau Tür an Tür lebt. Im Ortsmuseum erklärte sie der Besucherschar auch einige markante jüdische Ausdrücke, jüdische Feste und las einige Kapitel aus ihrem Buch vor. So erfuhr man von den Streitereien der beiden so unterschiedlichen männlichen Hausbewohner, von den Ängsten der Kinder und den nicht sehr netten Diskussionen, dem Jüngling Jona und dem Nachbarmädchen Verena, welche sehr unter dem Streit der Väter leiden. Mit dazu gehört auch eine zarte Liebesgeschichte, alles sehr einfühlsam und authentisch erzählt, so dass diese als historisch bezeichneten Ereignisse durchaus so geschehen sein könnten. Die Zuhörer jedenfalls hörten gespannt zu, waren durchwegs beeindruckt und wünschten der jungen Frau gemäss ihrem gewählten Buchtitel letztlich für ihre hoffnungsvolle Zukunft: „Masel tow“ – Viel Glück!

Verfasserin: Annemarie Pelikan

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