Leserbeitrag
„Itz sitzisch bitte richtig häre“ - Menziker Begegnungen mit Guy Krneta

Evelyn Pesentheiner
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Evelyn Pesentheiner
undefined Andrang am Verkaufsstand der Wynabuchhandlung: In welchem Buch steht die Lieblingsgeschichte?

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Evelyn Pesentheiner

Seine Stimme ist aus dem Radio bekannt. Mit einem Live-Auftritt begeisterte der Spoken-Word-Künstler Guy Krneta sein Publikum im Menziker Gemeindesaal – eine Begegnung mit Tiefgang.

Guy Krneta fackelt nicht lange. Rasant steigt er in den Abend ein mit der Geschichte eines Vaters, dem langsam der Geduldsfaden reisst. Ein Vater, der endlich wieder einmal in Ruhe essen möchte. „Itz sitzisch bitte richtig häre“. Es ist nicht leicht, den Sohn an den Tisch zu kriegen und noch schwieriger, ihn dort zu halten.

Die Geschichte ist nur scheinbar ein Dialog. Guy Krneta setzt auf Vorstellungskraft, gibt nur dem Vater eine Stimme. Die Szenerie darum herum, die Worte des Sohnes, sein Herumzappeln und Spielen am Tisch malt sich das Publikum selber aus. Vielleicht ist es gar kein Sohn. Vielleicht ist es eine Tochter. Krnetas Texte lassen vieles offen. Die Situationen sind bekannt und jeder Zuhörer ergänzt sie mit seinen eigenen Erfahrungen.

Im Menziker Gemeindesaal muss Guy Krneta niemanden auffordern, sitzen zu bleiben. Er hat die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Nur manchmal, wenn er ein Buch weglegt und nach einem anderen greift, kommt leichte Unruhe auf. Manch einer versucht, einen Blick auf den Buchumschlag zu erhaschen, um sich später am Büchertisch die Lieblingsgeschichte zu sichern.

Der alltägliche Widersinn
Spoken-Word-Künstler halten keine Lesungen, sie performen ihre Texte, erzählen Geschichten. Spoken Word will gemäss der gleichnamigen Homepage die Grenzen der Schriftlichkeit aufbrechen und direkt aus dem Mund ins Ohr gelangen. Guy Krneta, Gewinner des diesjährigen Schweizer Literaturpreises, beherrscht diese Kunst eindrücklich. Wer die Augen schliesst, vergisst, dass da vorne am Mikrophon einer steht, der ein Buch in den Händen hält. Die berndeutschen Geschichten wirken frei erzählt. Mit Tempowechseln und dem Modulieren der Stimme zieht Krneta seine Zuhörer mitten ins Geschehen hinein, versetzt sie in Hektik und Aufregung oder lässt sie herzhaft lachen.

Der Reiz der Geschichten erschöpft sich aber nicht in Berndeutsch und Mündlichkeit. Guy Krneta ist ein scharfer Beobachter. Er schaut genau hin, verbindet Alltägliches mit Tiefgründigem, spielt mitWidersinnigem und Absurdem. Mit feinem Humor spricht er mal dem einen, mal dem anderen Zuhörer aus dem Herzen, wenn er Politik, Schulreformen und Zeitgeist aufs Korn nimmt.

Die Gedanken wandern weiter
In eine Schublade stecken lassen sich Guy Krnetas Texte nicht, dazu sind sie zu vielfältig. Verwunderung im Publikum provozierten einige Auszüge aus dem neusten Buch „Unger üs“. Hier verlässt Krneta immer wieder das Alltägliche, driftet ins Surreale und lässt noch mehr Raum für Interpretation. Auch diese Geschichten brachten die Zuhörer zum Lachen, etwa wenn Onkel Sämi seinem Neffen weismachen will, die Panzersperren seien „Böckligumpaalage“ für die Olympischen Spiele gewesen. Doch wurde es zuweilen schlagartig ruhig im Saal, wenn der bewusst betonte letzte Satz weg von der eben gehörten Geschichte hin zu viel grundsätzlicheren Gedanken führte: „Weisch, de Chrieg macht viu kabutt.“

Bereits zum 8. Mal hat die Schulleitung zu den Menziker Begegnungen eingeladen. Mit dem diesjährigen Gast hat sie der Lehrerschaft und der Bevölkerung eine besondere Tür geöffnet, denn Spoken Word muss man gehört haben. Zwar bedienten sich die Besucher im Anschluss an die Performance ausgiebig am Büchertisch, dennoch waren sie sich einig: Zum echten Erlebnis wird Guy Krneta durch Guy Krneta. Hätte der Autor spontan eine Zugabe gegeben - viele wären gerne noch länger sitzen geblieben.

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