Leserbeitrag
Energiewende ist nur mit mehr Innovation zu schaffen

Huldrych Egli
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(ef) Auf Einladung der FDP.Die Liberalen Bezirk Zurzach hat am Freitagabend in den Räumlichkeiten der Heinz Baumgartner AG in Tegerfelden, Geschäftsführer Erwin Baumgartner, Tegerfelden, zum Thema „Energiewende: Realität oder Utopie“ und „Kleinwasserkraftwerke zwischen Nutzen und Schaden“ gesprochen. Im 2. Teil des Abends beleuchteten Andrea Laube, Döttingen und Erwin Baumgartner das duale Bildungssystem aus Sicht der Lernenden und aus Sicht des Unternehmers.

Zweifel bezüglich Energiestrategie

Das Thema Energiewende hat mit der vom Bundesrat am 28. September eröffneten Vernehmlassung zur Energiestrategie 2050 und zur ökologischen Steuerreform eine hohe Brisanz. Im Referat ging Erwin Baumgartner auf den Inhalt und die Forderungen dieser Strategie ein. Mit einem Bild von der Feldarbeit in Tegerfelden vor 60 Jahren und einer Grafik über den Verbrauch der nicht erneuerbaren Energien auf einer Zeitachse von 4000 vor bis 4000 Jahre nach Christus wurde die Frage nach der Mobilität in 60 Jahren, den Energieformen in 100 Jahren aber auch nach der Zeit nach dem versiegen der fossilen Energiequellen in etwa 250 Jahren gestellt? Mit den Darstellungen wollte der Referent aufzeigen, dass wir uns wohl auch in den nächsten 50-100 Jahren rasant weiterentwickeln und Lösungen finden werden, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Dazu brauche es aber mehr Innovation und weniger Subvention. Begrenzt würde die Entwicklung einerseits durch zu wenig Treiber, Fachleute, Risikofreude, Risikokapital, Freude an Nachhaltigkeit sowie Geduld und andererseits durch zu viel Management, Controlling, Prozessoptimierung, Outsourcing, kurzfristige Kapitalinteressen und Hektik. Erwin Baumgartner hegt deshalb erhebliche Zweifel an der Umsetzbarkeit der Energiestrategie 2050.

Photovoltaik in der Praxis

Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen ging Erwin Baumgartner zur Praxis über. Die Firma hat im Sommer dieses Jahres auf dem Firmendach eine grosse Photovoltaikanlage in Betrieb genommen. Zur Motivation sagte der Unternehmer: „Aus Anlass des 50-Jahre-Jubiläums wollten wir unbedingt ein Nachhaltigkeits-Projekt erstellen. Nachdem die Idee eines Wasserwirbelkraftwerkes sehr schnell aufgrund der Bewilligungsfragen fallen gelassen werden musste, kam die Idee einer Photovoltaik-Anlage auf.“ Die Anlage hat eine Fläche von 915m2. Erwartet wird eine Jahresproduktion von 141‘000 kWh. Investiert wurden 300‘000 Franken. Daraus resultiert ein Strompreis von 20Rp/kWh. Erläutert wurden die Grundidee, die Auslegung der Anlage, die administrativen Hürden, die unterschiedlichen Tagesleistungen und die Betriebskosten. Die Firma will den Solar-Strom selber verbrauchen und bezieht deshalb keinen KEV Beitrag Von den benötigten 670‘000 kWh pro Jahr liefert die Solaranlage zirka 20 Prozent. Damit steigen für den Betrieb die Stromkosten pro Jahr um rund 7000 Franken. Dies führt zu einer Kostensteigerung pro geleistete Arbeitsstunde von knapp 6 Rappen. Dieser Betrag ist aus Sicht des Unternehmers vertretbar.

KEF gibt falschen Anreiz

Abschliessend äusserte sich der Referent zu seiner Vision. Würden alle Betriebe eine Photovoltaik-Anlage installieren, könnten damit 196 Mio. kWh Strom pro Jahr erzeugt werden. Dies entspreche aber nur 6.5% der Leistung vom KKW Mühleberg. Der entscheidende Punkt sei, dass der Photovoltaik-Strom am Ort des Verbrauchs produziert werde. Falsch findet Erwin Baumgartner, dass Sonnenstrom heute teuer mit der KEV subventioniert ins Netz eingespiesen und gleichzeitig billiger Strom bezogen wird. Das System gebe den falschen Anreiz. Ziel sollte nur eine kostendeckende und nicht eine gewinnbringende Einspeisevergütung sein. Als grösste Herausforderung bezeichnet der Referent die Schaffung von Möglichkeiten zur Speicherung von Strom. In diesem Bereich gebe es einige spannende Forschungsprojekte. Als sinnvollste Nutzung im Privatbereich nannte Erwin Baumgartner die Warmwasser-Gewinnung durch Solarenergie. Das Warmwasser sei für den Haushalt am besten speicherbar und verbrauche einen grossen Teil der Energie.

Eingriffe in die Natur unumgänglich

Die Firma Heinz Baumgartner AG ist aktiv an der Entwicklung und Erstellung von Kleinwasserkraftwerken beteiligt. Interessante Ausführungen zu diesem Thema gab es zur Technik, dem Einsatzbereich und den Plänen der Firma vorteco ag. Gemäss Energiestrategie 2050 sollten in den nächsten 23 Jahren 1.53 TWh aus Wasserkraft zugebaut werden, Diese Zubauenergie entspricht 17.5 % der Leistung des Kernkraftwerkes Leibstadt. Erwin Baumgartner ist überzeugt, dass die Kleinwasserkraft einiges zur Energiewende beitragen kann. Schaden entstehe aber dann, wenn an Gewässern mit zu wenig konstant führendem Wasser, wie beispielsweise der Surb, Kleinwasserkraftwerke gebaut würden. Wenn wir aber die Wende wollen, müssen bei Eingriffen in die Natur Kompromisse gemacht werden. Potential für diese Technik ortet das Unternehmen insbesondere bei der Nutzung von Restwassermengen bei Stauwehren, Wehranlagen und bei Ausläufen von Kläranlagen. Wie solche Anlagen aussehen können, wurde am Modell für ein Kleinwasserkraftwerk bei Opfikon an der Glatt gezeigt.

Ohne Abschluss kein Anschluss

Eine Energiewende ohne ein gutes Bildungssystem ist nicht zu schaffen, davon sind sowohl Andrea Laube, wie auch Erwin Baumgartner überzeugt. Die Jungfreisinnige Grossratskandidatin machte in ihrem Referat eine Auslegeordnung des Bildungssystems, gab einen Überblick über die berufliche Grundausbildung, die verschiedenen Berufsbilderund die Einstiegsmöglichkeiten auf den einzelnen Ebenen. Sie sprach auch von den Chancen auf dem Arbeitsmarkt und ihrer bisherigen persönlichen Erfahrungen. Viele ihrer Aussagen untermauerte sie mit Fakten und statistischen Zahlen. Das Bildungssystem werde immer offener. Die sich rasch verändernde Welt erfordere eine stetige Weiterbildung. Auch Erfahrungen in berufsfremden Bereichen würden immer wichtiger. Für junge Leute entscheidend sei aber die Devise „ohne Abschluss kein Anschluss“.

Eine lohnende Investition

Zum Bildungssystem aus Sicht des Unternehmens sprach Erwin Baumgartner. Im Referat legte der engagierten Unternehmer und Politiker die Argumente für die Lehrlingsausbildung, die Anforderungen an einen Lehrbetrieb und die Kosten eines Lernenden dar. Erwin Baumgartner ist überzeugt: Die Unternehmen stellen qualitative, bedarfsgerechte, praxisbezogene und im Vergleich zu allgemein bildenden Schulen kostengünstige Ausbildungsplätze zur Verfügung. Sie übernehmen eine grosse Last der gesellschaftlichen Entwicklung der Berufsausbildung. Baumgartner sprach auch von der sozialen Verantwortung, jungen Menschen eine Chance zu geben. Bei den Anforderungen sei nebst der Schulbildung der Wille das Wichtigste. An die Gesellschaft gerichtet sagte er: „Wenn man bedenkt, dass 25% der Lernenden im Kanton Aargau Ihre Ausbildung abbrechen, so sind die Eltern, die Firmen aber auch die Politik stark gefordert.“ Die Ausbildung ist eine lohnende Investition. Die Ausbildung junger Leute bringt einer Unternehmung aktive Innovation. Die Auseinandersetzung mit den neuesten Anforderungen der Technik, aber auch die Vielfalt der Charakter der Individuen, ist eine dauernde Herausforderung. Wir möchten die Ausbildung der bisher 60 Lernenden auf keinen Fall missen, sagte Erwin Baumgartner zum Schluss seiner Ausführungen.

Wahlgang ernst nehmen

Vor den beiden Referaten nützte Bezirksparteipräsident Huldrych Egli die Gelegenheit, alle Kandidierenden der Liste 4 vorzustellen. Auch gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass möglichst alle wahlberechtigten Zurzibierterinnen und Zurzibieter die Wahlen ernst nehmen, eine Liste abgeben und bei den Regierungsratswahlen auch Stephan Attiger auf den Wahlzettel schreiben. Die bevorstehenden Herausforderungen wären zu wichtig und die Lösung einer Minderheit von Idealisten zu überlassen. Abgeschlossen wurde der Informationsabend mit einem Apéro und persönlichen Gesprächen im kleinen Kreis.