Leserbeitrag
Ein Konzerterlebnis von grosser geistlicher Tiefe

Marcel Siegrist
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In der Pfarrkirche Oberlunkhofen gab Urs Seiler mit seiner Hildegard-Schola Kelleramt und zugezogenen Musikern am vergangenen Sonntagabend ein eindrückliches Abschiedskonzert mit Gregorianischem Choral, Liedern der Hildegard von Bingen (1098 - 1179), so wie Orgelwerken und Motetten von Girolamo Frescobaldi (1583 - 1643).

Die Entdeckung der 77 Lieder Hildegard von Bingens
Anfangs der neunziger Jahre entdeckte eine Sängerin aus dem Vokalensemble Bremgarten das liturgische Liedgut der Nonne, Aebtissin und Universalgelehrten Hildegard von Bingen. Sie suchte Geichgesinnte , um die von der Gregorianik abgeleitete Musik einzuüben und im Gottesdienst einzusetzen. Die Gruppe stand aber vor dem Rätsel der gregorianischen Neumen - Notation, also der Notenschrift, mithilfe derer die ersten kirchlichen Melodien niedergeschrieben werden konnte. Der Lehrer Urs Seiler, der seine kirchenmusikalische Ausbildung im Seminar Wettingen und an den Aargauer und Luzerner Kirchenmusikschulen genossen hatte, wusste Rat und übernahm den Chor als Leiter. Man gründete 1992 die Hildegard - Schola Bremgarten und später Kelleramt mit dem Zwecke, im Gottesdienst der reformierten Kirchgemeinde Kelleramt jährlich vier bis fünf Gottesdienste mitzugestalten. Mit der Zeit wurde das ursprüngliche Repertoire mit geistlichen Kompositionen der Renaissance, des Barocks bis zur Moderne angereichert.

Abschiedskonzert des Chorleiters
Vor diesem Hintergrund lud die Frauen - Schola am vergangenen Sonntag, den 22. März zu einem ganz speziellen Anlass und gleichzeitig Abschiedskonzert ihres Leiters unter dem Titel "Musik und Wort" die Oeffentlichkeit in die Pfarrkirche Oberlunkhofen ein. Gregorianische Choräle und die Lieder der Hildegard von Bingen wurden kunstvoll verwoben mit Orgelwerken und Motetten des berühmten Komponisten und Organisten des Petersdoms Girolamo Frescobaldi (1583 - 1643). "Fiori Musicali" war sein letztes Werk, aus dem die vom Organisten Naoki Kitaya gespielten Toccaten, Orgelversetten, Ricercaren und Canzonen stammten, ein abwechslungsreiches Wechselspiel zwischen chorischer und instrumentaler Musik, frei gestaltet mit luftigen Spielfiguren und Verzierungen und angereichert mit lyrischen Melodien.

Aufschlussreicher Kommentar von Pfarrer Martin Hess
Es würde zu weit führen, das anspruchsvolle Programm im Detail zu besprechen. Das tat während des Konzertes mit verbindenden Worten Pfarrer Martin Hess in aufschlussreicher Art. Er erläuterte, was die einzelnen Teile der "Choralmessa della Domenica" mit Kyrie, Sanctus und Agnus für eine tiefere Bedeutung haben. Auch war es äusserst hilfreich, auf die feinen Unterschiede zwischen der Gregorianik und Hildegards Lieder mit dem erweiterten Tonraum hingewiesen zu werden. Das Beiblatt, die Uebersetzung vom lateinischen Text ins Deutsche, bestätigte es: Diese ganze Musik diente nur dem einen: das Gotteswort zu verkünden, ihn zu preisen und zu ehren. Die mehrstimmigen Motetten Frescobaldis (angereichert mit den Männerstimmen von Heinz Bergamin und Peter Forster, Tenöre und mit dem Cellospiel von Regula Obrecht) brachten eine feierliche Note in die Kirche.

Mystische Atmosphäre
Die schlichte und gleichzeitig kunstvolle Musik erzeugte eine mystische Atmosphäre. Es ist eine spirituelle Klangwelt von grosser geistlicher Tiefe. Sänger wie Zuhörer machten die gleiche, vielleicht auch eigene ganz persönliche meditative Erfahrung. Die fünfhundert- bis tausendjährige Musik dringt ins Innere und macht still und ruhig. Tiefe Ergriffenheit packt einen: Nahrung für die Seele. Wie hat Hildegard v .Bingen gesagt: " In der Musik hat Gott den Menschen die Erinnerung an das verlorene Paradies hinterlassen". Die heute so viel gerühmte Individualität muss zurückstehen hinter ein mit dem Raumhall verschmelzendes Kollektiv, zu einem Gemeinschaftsgefühl, das mit sich selbst im Reinen ist. Urs Seiler hat sich und den grossen Applaus spendenden Zuhörern wahrlich ein schönes Abschiedsgeschenk gemacht.

Louis Wicki

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