Weihrauch steigt in unsere Nasen. In der Sioni-Kirche in Tiflis, dem ehemaligen Hauptsitz des Patriarchen der georgisch-orthodoxen Kirche, findet gerade eine Taufe statt. Wir Frauen haben uns ein Tuch um die Hüften und eines um den Kopf gehüllt, nur so dürfen wir die heiligste Kirche des Landes betreten.

Die Stimmung ist andächtig, von den Wänden blicken grosse, goldene Ikonen auf uns herab. Wir entdecken auch das Kreuz der heiligen Nino, die das Land im 4. Jahrhundert christianisiert haben soll. Nur leider soll die gute Frau, so zumindest die Legende, ihr Kreuz vergessen haben, als sie nach Georgien aufbrach.

Sie wusste sich aber zu helfen: Mit ihren eigenen Haarsträhnen band sie zwei Weinreben zusammen – weshalb die Arme des Kreuzes auch auf heutigen Abbildungen leicht herunterhängend dargestellt werden.

Als wir die Kirche verlassen, weht uns der Duft von frischem Brot entgegen. Georgien ist bekannt für seine Vielfalt an Backwaren. Eine steile Treppe führt uns hinunter zur ältesten Bäckerei von Tiflis. Der Bäcker bemerkt unsere neugierigen Blicke und winkt uns zu sich – wir dürfen einen Blick in den Terracotta-Ofen werfen, wo unten die Glut brennt und die traditionellen Brote Tonis Puri an die heissen Seitenwände geklatscht und so gebacken werden.

«Heiss sind sie am besten», sagt er stolz und bedeutet uns zu warten, während die Verkäuferin am Tresen uns alle anderen Backwaren zeigt: «Wir haben neben Tonis auch Lobiani, Mchadi, Achma, Khachapuri …» Letzteres ist die Nationalspeise schlechthin: warm servierte und mit Käse gefüllte Brote, die in einen Steinofen gebacken werden.

Wieder draussen kommen wir an der bronzenen Statue des Tamada vorbei. Ein Tamada ist ein georgischer Zeremonienmeister, der bei einem Festessen vor jedem Glas Wein Trinksprüche zum Besten gibt. Wein hat in Georgien einen hohen Stellenwert, nicht zuletzt, weil dieses Getränk angeblich hier erfunden wurde.

Das traditionelle Fladenbrot Tonis Puri wird zum Backen an die Innenseite des Ofens geklatscht.

Das traditionelle Fladenbrot Tonis Puri wird zum Backen an die Innenseite des Ofens geklatscht.

Archäologische Funde von Amphoren sollen dies belegen. An Möglichkeiten, den georgischen Wein zu probieren, mangelt es auf jeden Fall nicht – zahlreiche Bars, Cafés und Restaurants bieten heimische Tropfen an. Wir verschieben die Degustation auf den Abend und gehen weiter.

Etwas andere Wellness

Auf einmal riecht es nach verfaulten Eiern. Wir sind im Quartier Abanotubani angelangt, welches berühmt für seine Schwefelbäder ist. Die natürlichen unterirdischen Thermalquellen waren im Übrigen der Grund, weshalb König Wachtang Gorgassali im 5. Jahrhundert hier eine Stadt gründete. Tbilisi, wie die Stadt auf Georgisch heisst, bedeutet warmer Ort.

Angeblich soll das Bad im Schwefelwasser gesund sein – so oder so ist diese etwas andere Art von Spa durchaus ein Erlebnis wert. Wir, drei Freundinnen, entscheiden uns für einen Privatraum in Gulo’s Thermal Spa, denn hier sollte man selbst auf den Bikini verzichten. Zudem kostet der Privatraum gerade mal 25 Franken. Wir buchen gleich eine Massage mit, für nicht einmal vier Franken pro Person.

Zuerst können wir uns im heissen Schwefelbadbecken entspannen, zwischendurch steigen wir ins Kaltwasserbad, um uns abzukühlen. Nach einer halben Stunde kommt die Masseurin – oben ohne, nur mit einem Slip bekleidet – in den Raum. Eine nach der anderen von uns muss sich auf die Liege aus Marmor hinlegen, wo uns die ältere Georgierin von Kopf bis Fuss mit einer Bürste schrubbt. Es klingt unangenehmer, als es ist – dass sie uns am Schluss einen Kübel mit eiskaltem Wasser über den Körper giesst, ist weitaus schlimmer. Unsere verzogenen Gesichter bringen sie zum Lachen.

Die Felsenstadt Wardsia ist als Tagesausflug ab der Hauptstadt erreichbar.

Die Felsenstadt Wardsia ist als Tagesausflug ab der Hauptstadt erreichbar.

Nach unserem Spa-Erlebnis sind wir hungrig. Wir folgen einmal mehr unserer Nase und landen in einem kleinen Lokal. Sofort entscheiden wir uns für die typischen Khinkali – grosse mit Fleisch gefüllte Teigtaschen. Ein georgischer Freund hatte uns am Tag zuvor erklärt, mit welcher Technik man diese isst: «Ihr müsst die Teigtasche mit der Hand an den Mund halten und vorsichtig ein kleines Loch in den Teig zu beissen. Dann saugt ihr zuerst die Brühe aus, bevor ihr schliesslich den Rest esst.» Gesagt, getan – ein sehr amüsantes (sowie köstliches!) Erlebnis.

Der Zwirbel selbst wird übrigens nicht gegessen. Allerlei Gründe dafür haben wir bereits gehört; es bringe Unglück, der Teig sei an dieser Stelle nicht gar, oder aber die Zwirbel wären hilfreich, um den Überblick zu behalten, wer wie viele gegessen hat – Khinkali-Wettessen sind hier nämlich gang und gäbe. «Mein Rekord liegt bei 20 Stück», prahlte unser Freund am Vortag. Wir wollen aber nicht gerade am ersten Tag in ein Food-Koma fallen und brechen nach je fünf Stück auf.

Unser nächstes Ziel ist die auf dem Elia-Hügel gelegene Sameba-Kathedrale. Die erst 2004 fertiggebaute Kirche gilt als grösster Sakralbau im Südkaukasus. Im Innern riecht es überraschenderweise nicht nach Weihrauch, sondern nach frischer Farbe. In der Tat sind gerade Renovationsarbeiten im Gange.

Tiflis steht zwischen Ost und West, zwischen Europa und Asien, zwischen Moderne und Tradition.

Tiflis steht zwischen Ost und West, zwischen Europa und Asien, zwischen Moderne und Tradition.

Die etwas gar protzige Kirche gefällt uns aber weniger gut als die kleinen Kirchen, die man überall sonst in der Stadt findet – nicht nur georgisch-orthodoxe, sondern auch katholische oder armenische Kirchen wie auch Moscheen und Synagogen. Bald verirren wir uns willentlich in den Seitengassen, um uns einen Eindruck der Stadt abseits der Hauptstrassen zu verschaffen.

Wir merken: Tiflis ist nicht unbedingt charmant. Neben angeberischen Prachtbauten stehen zerfallende Wohnblöcke aus Sowjetzeiten, Alt und Neu vermischen sich zu einem wirren Durcheinander. Doch dieser Kontrast zwischen Aufbruch und Zerfall ist im Grunde bezeichnend für das Land.

Auf der einen Seite strebt Georgien den EU- und Nato-Beitritt an, auf der anderen Reise kann es sich bald dreissig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion immer noch nicht aus den Armen Russlands befreien, das de facto nach wie vor zwei Gebiete Georgiens besetzt: Abchasien und Südossetien. Georgien befindet sich irgendwo zwischen Ost und West, zwischen Europa und Asien, zwischen Moderne und Tradition.

Das korrekte Verspeisen der Khinkali erfordert Instruktionen von Einheimischen.

Das korrekte Verspeisen der Khinkali erfordert Instruktionen von Einheimischen.

Zur Mutter Georgiens

Für den Sonnenuntergang fahren mit der Gondel hoch zur Narikala-Ruine, von welcher man einen weitläufigen Blick über die Stadt hat. Bei der von Persern erbauten Festung weht uns der Duft von Blumen entgegen, denn gleich dahinter liegt der Botanische Garten. Auf der anderen Seite der Festung thront die «Mutter Georgiens» in Form einer 20 Meter hohen Statue. In der einen Hand hält sie ein Schwert gegen die Feinde, in der anderen eine Schale mit Wein für die Freunde. Auch dies ist irgendwie typisch für Georgien.

Während wir zuschauen, wie die Sonne untergeht, planen wir unsere nächsten Tage. Bevor wir via Kutaissi nach Batumi ans Schwarze Meer fahren wollen, werden wir von hier aus ein paar Ausflüge machen, denn zahlreiche Sehenswürdigkeiten sind von Tiflis in einem Tagesausflug gut erreichbar. Langweilig wird es in Georgien bestimmt niemandem.